Berlin –

Digital abgehängt

Experten sehen Akademiker schlecht vorbereitet auf die Arbeitswelt 4.0

Berlin.  Die Akten stapeln sich. Tausende Seiten komplizierter juristischer Streitfälle müssten durchgelesen und bearbeitet werden. Doch Richter, Rechtsanwälte und ihre Assistenten kommen kaum hinterher, die Fälle anzugehen. Spezielle Software, die die Unterlagen einliest und nach Präzedenzfällen sucht, könnte helfen. Doch was technisch möglich ist, wird in den Kanzleien oder bei Gericht kaum angewendet. Selbst der Juristennachwuchs lernt an den Hochschulen nicht mit digitalen Technologien umzugehen.

Das Jurastudium ist Bildungsexperten zufolge nur ein Beispiel dafür, dass viele deutsche Universitäten und private Hochschulen den Wandel in der Arbeitswelt verschlafen. "Die Digitalisierung verändert auch technikferne und damit zunehmend akademische Berufe", sagt Jürgen Schröder vom Beratungsunternehmen McKinsey. Für den Hochschulbildungsreport 2020 haben die Experten rund 300 Unternehmen befragt. Das Ergebnis: 75 Prozent der Firmen erwarten, dass Verwaltungstätigkeiten zunehmend automatisiert werden. Rund 39 Prozent rechnen damit, dass akademische Berufe wegfallen und durch Maschinen ersetzt werden. Hinzu kommt: Forschung wird immer wichtiger, und neue Jobs entstehen.

Schröder bescheinigt den Akademikern große Chancen in der Arbeitswelt 4.0, wenn sie zu Veränderungen bereit sind. Zum Beispiel Mediziner: Diagnosen könnten künftig auch online gestellt werden. Der Arzt muss dazu nur das digitale Bild einer Wunde am Rechner analysieren. Ähnlich einschneidend ist die Technik für den Beruf des Architekten. Das "vernetzte Haus" ist derzeit noch eher selten. Doch Architekten sollten künftig Anlagen für das "smart home" entwerfen können. Ein Problem ist die Sicherheit der Daten. Informationen, die digital bereitstehen, sind auch bei Hackern beliebt. Gefragt sind IT-Spezialisten, die Daten verwalten und vor Angriffen schützen.

Für die Chefs sind bei der Personalsuche gute Noten und der Abschluss an einer renommierten Hochschule wichtig. Doch ausschlaggebend für den Arbeitsvertrag sind viel Praxiserfahrung, weitere Fremdsprachen außer Englisch und der Umgang mit digitalen Technologien. Hinzu kommen Fachwissen und die Fähigkeit, Urteile zu fällen und Entscheidungen zu treffen.

"Die Uni ist nicht mehr der Hort des Wissens", sagt Sönke Knutzen, Vizepräsident Lehre der TU Hamburg. "Wissen verliert an Bedeutung." Es geht darum, dass die Studierenden lernen, Fakten zu bewerten. Das könnten Maschinen nicht übernehmen. Allerdings weiß Knutzen, dass der Wandel an den Hochschulen Zeit braucht. "Dabei stehen wir vor einem riesigen Problem, wie wir die Menschen für die Arbeitswelt der nächsten 30 oder 40 Jahre ausbilden. Wenn man heute einen Beruf erlernt, weiß man nicht, ob es den morgen überhaupt noch geben wird." Er plädiert für eine engere Zusammenarbeit mit der Industrie und mehr Beratung für die Studierenden an der Universität. Hochschulen in Südostasien seien hier viel weiter.

Doch der Einsatz digitaler Technologien erfährt nicht nur Zustimmung. Dass ein Algorithmus den Ausgang eines Gerichtsverfahrens berechnet und dazu die nötigen Paragrafen im Gesetz heraussucht, klingt für Kritiker nach einem unberechenbaren Science-Fiction-Szenario. Berater Schröder wiegelt ab. Für ihn wird mit der Technik die Vorbereitung der Fälle verbessert. Die Zeit, die Juristen nicht mehr mit dem Wälzen von Akten verbringen müssen, werde effektiver genutzt. In klassischen technischen Berufen hätte sich dieser Aspekt längst bewahrheitet.

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