Umfrage

Besserverdiener bekommen öfter Zusatzleistungen angeboten

Ärzte bieten vor allem Besserverdienern kostenpflichtige Zusatzuntersuchungen an – besonders häufig Zahnreinigungen und Krebsvorsorgen.

Zahnärzte bieten ihren Patienten besonders häufig kostenpflichtige Zusatzleistungen an.

Zahnärzte bieten ihren Patienten besonders häufig kostenpflichtige Zusatzleistungen an.

Foto: imago stock&people / imago/Jochen Tack

Berlin.  Ob professionelle Zahnreinigung, Akupunktur gegen Kopfschmerzen, Lasern von Krampfadern oder Ultraschall zur Krebsfrüherkennung – Ärzte bieten ihren Patienten viele Behandlungen an, die nicht von den gesetzlichen Krankenkassen (GKV) bezahlt werden. Diese Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) werden vor allem Besserverdienenden empfohlen. Der Gesundheitsstatus scheint dagegen nachrangig zu sein. Dies hat eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) ergeben, die unserer Redaktion vorliegt.

Je höher das Einkommen, desto öfter werden Kassenpatienten darauf angesprochen, ob sie eine kostenpflichtige Zusatzbehandlung in Anspruch nehmen wollen. So berichten 70 Prozent der Befragten mit einem Haushaltseinkommen von mehr als 3000 Euro, dass sie bereits Zusatzleistungen angeboten bekamen, die sie aus eigenem Portemonnaie bezahlen mussten. Bei Bürgern mit einem Einkommen unter 1500 Euro sagen dies nur 43 Prozent. Unter jenen, die zwischen 1500 und 3000 Euro verdienen, wurde jeder Zweite angesprochen. Einen Unterschied gibt es auch zwischen den Geschlechtern: So erhalten 55 Prozent der Frauen IGeL-Angebote, während es unter den Männern nur 45 Prozent sind. Unterm Strich berichtet jeder Zweite davon, IGeL-Angebote erhalten zu haben, 32 Prozent sogar mehrfach.

Mehrheit nimmt empfohlene Zusatzleistungen an

„Die Umfrage zeigt, dass Gutverdiener besonders häufig IGeL angeboten bekommen. Der Gesundheitszustand scheint dagegen eine untergeordnete Rolle zu spielen“, sagt der TK-Vorstandsvorsitzende Jens Baas. Auch gebe es kaum einen Unterschied zwischen chronisch kranken Menschen und denen, die es nicht sind.

Am häufigsten werden den Versicherten laut Umfrage professionelle Zahnreinigungen angedient (72 Prozent). Mit Abstand folgen kostenpflichtige Krebsvorsorgen (46 Prozent). Dazu zählen Ultraschalluntersuchungen der Brust und Eierstöcke bei Frauen oder bei Männern ein PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs. 44 Prozent der Befragten werden von ihren Augenärzten kostenpflichtige Untersuchungen empfohlen, wie die Innendruckmessung zur Früherkennung von Grünem Star. Alternative Heilmethoden wie Akupunktur oder Homöopathie werden 26 Prozent offeriert, 14 Prozent Reiseschutzimpfungen und zwölf Prozent eine Diabetesfrüherkennung.

Die Mehrheit der Versicherten – 70 Prozent – sagen „Ja“, wenn ihnen ihr Arzt eine Zusatzleistung vorschlägt. 39 Prozent willigten sogar schon mehrfach ein. Dabei vertrauen 64 Prozent ihrem Mediziner „blind“. Nur 36 Prozent beschaffen sich vor der Einwilligung weitere Informationen. Gut die Hälfte wendet sich dafür an die Krankenkasse, 36 Prozent informieren sich im Internet – unter anderem auf der Bewertungsseite für Zusatzleistungen (www.igel-monitor.de), knapp jeder Fünfte fragt einen weiteren Arzt. Obwohl die Mediziner verpflichtet sind, die Patienten vor der Behandlung schriftlich über die Kosten zu informieren, kommen dem nur 64 Prozent nach. Jeder dritte Patient hat dagegen nichts Schriftliches erhalten, so die Umfrage.

1,03 Milliarden Euro Umsatz mit Zusatzleistungen

Für Ärzte sind Selbstzahlerleistungen ein willkommener Zusatzverdienst. 1,03 Milliarden Euro nehmen sie jährlich dadurch in Deutschland ein, schätzt das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO). Ob die Behandlungen die Gesundung tatsächlich verbessern ist jedoch unter Experten umstritten. Aussagefähige Studien fehlen. „IGeL-Leistungen sind sehr kritisch zu sehen“, meint Kai Vogel, Gesundheitsexperte der Verbraucherzentrale Bundesverband. „Leistungen, die für die Gesundheit der Patienten wichtig sind sowie zu den Aufgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen zählen, werden entweder schon von den Kassen bezahlt und wenn nicht, gehören sie in den Leistungskatalog aufgenommen.“ Auch der TK-Chef ist überzeugt: „Individuelle Gesundheitsleistungen sind niemals dringend. Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen alle Leistungen, die medizinisch notwendig sind, einschließlich der Diagnostik.“

Dennoch bleibt es natürlich jedem Patienten überlassen, zu beurteilen, was für ihn gut sein könnte. „So kann ein Impfschutz für Fernreisen sinnvoll sein“, sagt der Verbraucherschützer Vogel. Auch wer meine, sein Aussehen durch eine Schönheitsoperation zu verbessern, könne dies selbst entscheiden – müsse dafür jedoch selbst zahlen.

Nicht jede Zusatzleistung verbessert die Gesundheit

Klar sei aber auch: Nicht jede Zusatzleistung verbessert die Gesundheit. Auch Früherkennungsuntersuchungen könnten fehlerhafte Ergebnisse hervorbringen. „Ein falsches negatives Ergebnis kann Menschen zu Unrecht in Sicherheit wiegen, gesund zu sein, ein falsches positives Ergebnis kann sie zu Unrecht beunruhigen“, so Vogel.

Verbraucherschützer fordern Patienten auf, sich bei der Entscheidung über Zusatzleistungen Zeit zu nehmen. „Patienten sollten sich nicht von ihrem Arzt unter Druck setzen lassen.“ Zudem sollten die Kassenversicherten besser über die Nutzen und Schäden aufgeklärt werden, sagt Vogel: „Wir fordern die Einführung von schriftlichen Informationen für alle IGe-Leistungen.“