Erzbergbau

Diese schwedische Stadt zieht fünf Kilometer weiter

Kiruna in Schweden lebt vom Erzbergbau. Damit die Grube arbeiten kann, wird der Ort ein paar Kilometer verlegt – und alle ziehen mit.

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Kiruna/Stockholm.  Johanna Lindgren hat viel zu tun. In ihrem Kleiderladen stehen die Kunden derzeit Schlange. „Wir müssen unser Lager vor dem Stadtumzug leerbekommen und verkaufen alles verbilligt“, erklärt sie den Andrang. Bald wird es ihr nun schon in der vierten Generation betriebenes Familiengeschäft, an dem in blauen Lettern „Zentrum“ steht, nicht mehr geben. Privat ist die 31-Jährige schon umgezogen. In ein „schöneres, größeres Haus“, wie sie sagt. Lindgren wohnt und arbeitet in Kiruna. Die nördlichste Stadt Schwedens steht auf wertvollem Eisenerz und muss deshalb weichen, genauer: etwa fünf Kilometer nach Osten umziehen.

Das Geld für den weltweit wohl einmaligen Umzug gibt die staatliche schwedische Bergwerksgesellschaft Luossavaara-Kiirunavaara AB (LKAB). Alle Bewohner Kirunas bekommen den Marktpreis für ihre altes Haus und zusätzlich 25 Prozent. „Da kann man sich im neuen Kiruna was Besseres leisten“, sagt Ladenbesitzerin Lindgren zufrieden. Bis auf die alten Menschen, die nicht mehr so lange leben würden, seien die Bewohner zuversichtlich über die „Wiedergeburt“ der Stadt weiter östlich, sagt Lindgren. „Schade nur das man den Plan, die neue Stadt nördlich der Grube zu bauen, wegen Platzmangel verworfen hat. Da hätten wir die Aussicht auf die Berge gehabt“, sagt sie.

Kirunas Erz trieb Deutschlands Kriegsindustrie

Das alte Kiruna ist hässlich. Es besteht aus funktionalen betongrauen Bauten. Wenig schmeichelhaft ragen hinter der rund 20.000 Einwohner zählenden Grubenstadt ebenso graue Abraumhügel des Erzbergwerkes aus Stein und Erde auf. Es ist ein rauer Ort, 145 Kilometer nördlich des Polarkreises. Im Dezember ist es eisig und um die Mittagszeit stockdunkel. Kirunas wahrer Wert liegt 1365 Meter tief in der Erde: die größte unterirdische Erzgrube der Welt. Das Besondere: Das Erz ist mit bis zu 70 Prozent Eisenanteil viel reiner als das anderer Gruben, die auf höchstens 40 Prozent kommen.

Gefördert wird in Kiruna seit 1900, damals entstand auch die Stadt. Ohne das Erz hätte Deutschland keinen Zweiten Weltkrieg führen können. 1939 gingen fast drei Viertel allen abgebauten Erzes von Kiruna aus ins Dritte Reich, wo sie in Kruppstahl und dann Waffen verwandelt wurden. Heute steht das Bergwerk für 90 Prozent des EU-Marktes, die Nachfrage aus Schwellenländern wächst. LKAB liefert fast 30 Millionen Tonnen Erz im Jahr, der Konzern setzte 2015 rund 16 Milliarden Kronen (1,72 Milliarden Euro) um.

Die linke Stadtregierung winkt den Umzug einfach durch

Und es wird weitergegraben. Weil die Erde dann durch Löcher und Spalten einsacken kann, muss die Stadt abgerissen und ein paar Kilometer weiter weg neu errichtet werden, wie LKAB der Kommune Ende 2003 in einem Brief mitteilte. Wenn sie nicht zustimmen würde, müsse die Grube geschlossen werden. Ein Argument, das Protest gar nicht erst aufkommen ließ. Die vorwiegend linke Stadtregierung der Stadt winkte den Umzug rasch durch. Nur ein grüner Abgeordneter wagte es, dagegen zu stimmen. Seitdem haben sich die Stimmen für seine Partei fast halbiert. Jetzt liegt ein umfangreicher Architektenplan für den Umzug vor. Start für den größten Teil ist 2019.

Das gesamte Stadtzentrum mit Einkaufsstraße wird abgerissen und ein neues einige Kilometer weiter östlich errichtet. Ihm folgen 3000 Einfamilienhäuser und alles andere, was eine Stadt ausmacht. Nur die alte Kirche und ein paar andere historische Gebäude werden ins neue Stadtzentrum mitgenommen. „Was das alles kostet, wissen wir nicht“, sagt Architekt Mikael Stenqvist. „Aber das Bergwerk hat das Geld dafür. Es steht für zwei Prozent von Schwedens gesamtem Bruttoinlandsprodukt.“

Engere Straßen gegen den eisigen nordischen Wind

Stenqvists Architekturbüro White gewann die Ausschreibung auch, weil es versprach, das neue Kiruna schöner und nachhaltiger zu gestalten. Es soll auch ein Leben in hundert Jahren ermöglichen, wenn kein Erz mehr da ist. Die Stadt soll kompakter werden, die Trennung zwischen Wohn- und Einkaufsvierteln wird aufgehoben. Die Straßen sollen enger werden, damit der eisige nordische Wind einem nicht den Stadtbummel vermiest. „Das neue Kiruna soll mehr Freizeitaktivitäten anbieten. Kinos, Geschäfte, Kultur, Schwimmhallen, Fußballfelder. Und der Zugang zur Natur und zum Skifahren soll einfacher werden“, sagt Stenqvist.

Allerdings gibt es bei aller Euphorie ein Problem: „Die größte Herausforderung wird nicht der physische Umzug sein, sondern der mentale. Die Identitäten der Menschen liegen ja heute im alten Kiruna, etwa der erste Kuss auf jener Parkbank, die Straße, in der man gespielt hat, und so weiter“, gibt Architekt Stenqvist zu.