DIHK

Wirtschaft in Sorge um den Mittelstand von morgen

Die deutschen Industrie- und Handelskammern beklagen das gesunkene Interesse an Firmengründungen.

Online-Lieferdienste boomen, doch dem Mittelstand in Deutschland fehlen die Gründer ]

Online-Lieferdienste boomen, doch dem Mittelstand in Deutschland fehlen die Gründer ]

Foto: dpa Picture-Alliance / Jens Kalaene / picture alliance / ZB

Berlin.  Die Zahl der Gründungen in Deutschland sinkt. „Vor zwölf Jahren ließen sich 400.000 Existenzgründer beraten. Jetzt kommen nur noch 200.000 zur Beratung der Kammern“, zitiert Eric Schweitzer, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), aus dem aktuellen Gründerreport seiner Organisation. Das gegenüber dem Vorjahr erneut um zehn Prozent gesunkene Gründungsgeschehen könnte zu einer Gefahr für die schwächelnde Konjunktur werden.

In Berlin, wo Unternehmen im Stundentakt entstehen, mag diese Diagnose irritieren. Der Saldo der Gewerbean- und -abmeldungen betrug 2014 knapp 10.000 neue Unternehmen. „Doch Berlin ist nicht Deutschland“, entgegnet Schweitzer.

Deutschen fehlt das Gründer-Gen

Der DIHK-Gründerreport macht die Entspannung auf dem Arbeitsmarkt für das sinkende Gründungsinteresse verantwortlich. In Deutschland ist eine Gründung eher Notnagel als Berufung. Öfter als in anderen Ländern wird in Zeiten von Erwerbslosigkeit gegründet.

Hinzu kommt, dass auch die Qualität der vorgelegten Geschäftskonzepte nachlässt. „Im Jahr 2015 haben sich nicht einmal zwei Drittel der Gründer genügend Gedanken zum Kundennutzen ihrer Idee gemacht“, heißt es in dem Report. In den beiden Jahren zuvor waren es noch 70 und 72 Prozent.

Als weiteres Indiz für das Desinteresse am Unternehmertum wertet der Report die gesunkene Zahl der bei den Kammern angeforderten Stellungnahmen für Gründungszuschüsse für arbeitslose Existenzgründer (minus zehn Prozent) sowie zu Programmen der Förderbanken (minus 19 Prozent).

Frauen gründen besser als Männer

Mehr Frauen als Männern scheint die Bereitschaft zu einer unternehmerischen Tätigkeit zu fehlen. Im Jahr 2015 haben die IHKs rund 85.000 Gründungsgespräche mit Frauen geführt, das waren 42 Prozent aller Einstiegsgespräche und Beratungen. Allerdings liegt laut DIHK der Anteil der Frauen an allen Gründern deutlich darunter (29 Prozent).

Wobei Frauen die besseren Gründer sind, wie die Analyse der Beratungen zeigt: Sie schätzen ihre unternehmerischen Fähigkeiten realistischer ein und planen ihr Gründungsprojekt sorgfältiger. Trotzdem haben sie schlechtere Karten, denn sie verfügen über weniger Gründungskapital und vermarkten ihre Idee nicht so offensiv wie Männer.

Konflikt von Beruf und Familie

Nach den Erfahrungen der deutschen Kammern ist für 80 Prozent der Gründerinnen die wichtigste Herausforderung, Familie und Erwerbstätigkeit zu vereinbaren. Wohl auch deshalb beabsichtigen deutlich mehr Frauen als Männer eine Gründung im Nebenerwerb (71 Prozent). Diese Befragungsergebnisse zeigen, dass sich mit einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf das Potenzial zu Unternehmensgründungen bei Frauen erhöhen lässt.

Vor diesem Hintergrund erneuerte Eric Schweitzer die Forderung des DIHK nach einem Rechtsanspruch auf Ganztagsschulen und kritisierte die Regierungsparteien, die dieses Postulat ignoriert haben. „Stattdessen haben wir die Mütterrente und die Rente mit 63 Jahren bekommen.“

Neuen Mittelstand schaffen

Handel und Dienstleistungen sind mit 83 Prozent die beliebtesten Gründungsbranchen, wobei die Nachfrage im Bereich des Onlinehandels steigt. Wissensintensive Start-ups sind dagegen nach Einschätzung der Kammern zwar vielversprechend, aber in der Masse zu klein, „als dass hieraus eine Trendwende auf breiter Front entstehen könnte“, die einen neuen Mittelstand schafft.

Internet-Start-ups bewegen sich in einer anderen Welt: „Industrie- und Handelskammern sind für Start-ups nicht die ersten Ansprechpartner“, sagt Florian Nöll, der Vorsitzende des Bundesverbands Deutsche Start-ups, und verweist auf den „Start-up-Monitor“ seiner Organisation.

In Berlin Note 4,1 für IHK

Mehr als ein Drittel der Gründer gibt den Kammern die Note Drei oder besser. Insgesamt benoten die Gründer die Vertretung ihrer Interessen durch die Kammern mit der Note 3,9 auf der sechsstufigen Schulnotenskala. In Berlin gibt es eine 4,1. Noch schlechter fühlen sich Gründer nur an Rhein und Ruhr beraten (4,2).

Nur 44 Prozent der befragten Gründer haben bei der Gründung ein Angebot der Kammer in Anspruch genommen. 23,4 Prozent haben sich beraten lassen. 11,7 Prozent haben ihr Geschäftskonzept erörtert. 27,4 Prozent nutzen andere Dienstleistungen. Immerhin: Bei der Forderung eines Venture-Capital-Gesetzes, das wachstumsstarken Unternehmen einen leichteren Zugang zu privatem Beteiligungskapital verschafft, sind sich die alte und die neue Wirtschaft einig.