Zukunftsstudie

"In Berlin herrscht ein kreatives, digitales Klima

Eine Zukunftsstudie des Meinungsforschungsinstituts Prognos zeigt: Die Hauptstadt verbessert sich im Ranking um 110 Plätze.

Berlin.  Berlin ist der Aufsteiger im Zukunftsatlas 2016, den Prognos alle drei Jahre vorlegt. Die Hauptstadt landet unter Deutschlands 402 Kreisen und Städten auf Platz 114. 2013 reichte es nur für Rang 224. Prognos-Geschäftsführer Christian Böllhoff erklärt die Gründe.

Berliner Morgenpost: Herr Böllhoff, Berlin lag im Mittelfeld, jetzt hat sich die Stadt um 110 Plätze verbessert? Was ist passiert?

Christian Böllhoff: Das ist ein toller Erfolg. Zurückzuführen ist er auf mehrere Faktoren. An erster Stelle steht, das Berlin in die Wissenschaft investiert hat, das hat hoch qualifizierte Menschen angezogen, die teils wieder selbst Firmen gegründet und Arbeitsplätze in Zukunftsbranchen geschaffen haben.

Wie spiegelt sich das im Ranking wieder?

Bei den Unternehmensgründungen liegt Berlin auf dem 13. Platz. In den Jahren 2011 bis 2014 gab es 150 Gründungen pro 10.000 erwerbsfähige Einwohner. Das sind 50 Prozent mehr als im bundesweiten Durchschnitt.

Wie haben sich Gründungen ausgewirkt?

Es gibt ein starke Zunahme der Beschäftigten mit hoher Qualifikation. Zwischen 2013 und 2015 sind so viele Hochqualifizierte auf dem Berliner Arbeitsmarkt dazugekommen, dass es die Stadt auf diesem Gebiet sogar auf Platz drei schafft.

Dennoch reicht es nicht für einen vorderen Platz. Was haben München, Wolfsburg, Stuttgart, Ingolstadt, Darmstadt, Frankfurt am Main, was Berlin nicht hat?

Diese Städte haben eines gemeinsam: Sie sind kleiner als Berlin. Je größer eine Stadt, desto schwieriger die soziale Lage.

Wie schlägt sich die im Ranking nieder?

Das kann man zum Beispiel an den Bedarfsgemeinschaften ablesen. Im Jahr 2014 lebten 16,1 Prozent der Einwohner von Hartz IV. Damit landet Berlin fast ganz hinten auf Platz 399 von 402.

Gehört Berlin noch in anderen Punkten zu den Schlusslichtern?

Beim Verschuldungsgrad ist Berlin ebenfalls auf Platz 399. Pro Einwohner liegt die Verschuldung bei 8930 Euro, bundesweit ist der Durchschnitt bei 1698 Euro. Und auch die Schulabbrecherquote schlägt mit einem Wert von 8,4 Prozent und damit Platz 353 negativ zu Buche.

Wie wirken sich all diese Faktoren auf das Ranking aus?

Diese Indikatoren werden in der Kategorie Wohlstand und soziale Lage zusammengefasst, wo es für Berlin nur für den 400. Rang reicht.

Wie ist dieser Platz zu erklären?

Berlin hatte eine viel schlechtere industrielle Basis als die Städte in der Top Ten. Seit der Wende ist nur noch ein Drittel der Industriearbeitsplätze übrig geblieben. Das hinterlässt Spuren. Industrie bringt Arbeitsplätze und eine höhere Wertschöpfung. Das steigert den Verdienst, der sich wiederum im wachsenden Wohlstand ausdrückt. Ein Friseur in Frankfurt/Main verdient mehr als ein Friseur in Berlin.

Aber immerhin ist Berlin jetzt mit Platz 114 in die nächsthöhere Liga aufgerückt. Wann kam der Wendepunkt?

Die Hauptstadtentscheidung war Gold wert für die Stadt. Das hat Verbände, Interessenvertretungen, Abgeordnete nach Berlin gebracht. Zudem macht sich jetzt der Aufschwung als Tourismusmetropole bemerkbar. Die Zahl der Kongresse, Messen, Veranstaltungen und Events hat enorm zugenommen. Wenn es darum geht, ob ein Kongress in Freiburg oder Berlin stattfinden soll, heißt es eher Berlin. Beim Tourismus ist Berlin in einer Liga mit Paris, London und Rom und bei den Kongressen vergleichbar mit Barcelona.

Tourismus und Kongresse sind also der entscheidende Motor?

Nicht allein. Wie gesagt, man hat schon früh erkannt, welches wissenschaftliche Potenzial die Stadt mit den Universitäten und Hochschulen hat. So gibt es heute viele Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, wie an der Charité, bei Pharmaunternehmen und Start-ups. Aber auch im Digitalbereich, wie zum Beispiel in Adlershof. In Berlin herrscht ein kreatives digitales Klima – das ist einer der Hauptgründe, warum Berlin den Weg nach oben geschafft hat.

Geht es so dynamisch weiter nach oben?

Ja, es geht für Berlin voraussichtlich weiter nach oben, aber eine große Stadt hat immer besondere Herausforderungen zu meistern, dazu gehört die soziale Lage in den Randlagen. Berlin ist zu groß und wird es wohl nicht unter die ersten zehn Plätze schaffen.