Handy-Markt

Nokia kehrt zurück: Das Comeback des Kult-„Knochens“

Der Software-Riese Microsoft begräbt seine Ambitionen im Mobilfunk-Markt. Das bedeutet die Wiedergeburt einer Kult-Marke aus Finnland.

Ein Besucher der IFA mit einem Nokia 1020 in der Hand. Das finnische Unternehmen kehrt auf den Handymarkt zurück.

Ein Besucher der IFA mit einem Nokia 1020 in der Hand. Das finnische Unternehmen kehrt auf den Handymarkt zurück.

Foto: Rainer Jensen / dpa

Washington/Berlin.  Es sollte das Comeback des Jahrzehnts werden. Es wurde ein gigantischer Fehlschlag. Das 2013 beschlossene Zusammengehen des amerikanischen Software-Riesen Microsoft mit der finnischen Telefon-Traditionsmarke Nokia, die in diesen Tagen ein Comeback auf dem Mobiltelefonmarkt angekündigt hat, gehört zu den größten Flops der jüngeren Technikgeschichte.

Mehr als 5,5 Milliarden Dollar zahlte Microsoft für die Handy-Sparte des einstigen Weltmarktführers aus dem Norden Europas. Steve Ballmer, der bullige Konzernchef, wollte seinem Unternehmen in seiner letzten Amtshandlung den bis dahin komplett verschlafenen Anschluss an den boomenden Smartphone-Markt legen, auf dem Google und Apple dominieren.

Drei Jahre später, inzwischen ließ Ballmers Nachfolger Satya Nadella ernüchtert über die Fehlinvestition fast acht Milliarden Dollar Verlust abschreiben und über 8000 Mitarbeiter entlassen, kehrt Microsoft die letzten Scherben zusammen. Für 350 Millionen Dollar verkauft der US-Konzern seine Rechte für die Herstellung von Smartphones und Tablet-Computern unter dem Markennamen Nokia an die in Finnland neu gegründete Firma HMD und den in Asien ansässigen bekannten Hardware-Hersteller Foxconn.

Mythos Nokia soll wiederbelebt werden

Wann, wie und mit welchen Modellen die Firmen mit in Lizenz hergestellten Geräten unter dem Etikett Nokia in den Wettbewerb einsteigen werden, weiß heute verlässlich niemand. Den elektrisierenden Effekt der angekündigten Wiederauferstehung mindert das nicht. Der Mythos Nokia, der bald wieder leben soll, schürt Emotionen.

Branchen-Analysten in Amerika sagen: „Der Weg könnte steinig werden.“ Der Geruch des Scheiterns, maßgeblich von Microsoft zu verantworten, laste auf der Marke. Im Herbst 2011, als Nokia mit dem Lumia 800 sein erstes von Microsoft unterstütztes Windows-Phone präsentierte, sah die Welt noch anders aus.

Ballmer und der von Microsoft an die Nokia-Spitze gewechselte Manager Stephen Elop verbündeten sich, um den führenden Mobil-Betriebssystemen Android von Google und iOS von Apple, die heute zusammen auf 85 Prozent Marktanteil kommen, den Kampf anzusagen. Software und Hardware aus einer Hand, lautete die Devise.

Windows-Phone hatte keinen Erfolg

Zwei Jahre später kaufte Ballmer die Handysparte der Finnen und schmiedete noch große Pläne. Bis 2018 sollten Handys auf der Windows-Plattform für 45 Milliarden Dollar Umsatz und 15 Prozent Marktanteil sorgen. Aber der Erfolg blieb aus. Die Geräte aus dem Hause Microsoft/Nokia trafen oft nicht den Geschmack des Publikums. Das Betriebssystem gilt Experten zufolge als modern aber unübersichtlich. Außerdem konnte Microsoft den wohl wichtigsten Treibstoff der Smartphone-Ökonomie nicht liefern: Apps. Viele der kleinen Programme, mit denen sich heute fast alles am Smartphone erledigen lässt, was früher nur am PC ging, gab es nicht für das Windows-System. Oder erst mit Verspätung. Resultat: mangelnde Akzeptanz, mickrige Zahlen.

Im letzten Quartal des Jahres 2015 fiel der Verkauf von Windows-Smartphones um fast 50 Prozent auf weltweit 4,5 Millionen. Branchenführer Apple wurde im gleichen Zeitraum über 75 Millionen Geräte los.

Dass Satya Nadella, der von Beginn viel stärker auf Online-Dienste aus der Cloud baute als auf den Verkauf von Hardware, irgendwann die Reißleine ziehen würde, machte er bereits im vergangenen Sommer deutlich. Damals kündigte der Microsoft-Chef an, dass man auf Sicht nur noch eine kleine Modell-Palette mit Handys vorhalten werde.

Erinnerungen an den „Knochen“

Damit solle sichergestellt werden, dass Microsoft nicht bei Null anfangen müsse, wenn sich durch technische Neuerungen doch ein Szenario für massive Investitionen in den Mobilfunkmarkt ergeben sollte. Aber danach sieht es vorerst nicht aus. Im Gegenteil. Selbst ob die Lumia-Reihe Bestand haben wird, ist unter den neuen Vorzeichen fraglich. Microsoft, heißt es in US-Medien, will das „Kapitel Nokia endgültig abschließen“.

Die Rückkehr der Kult-Marke weckt nicht nur Fantasie. Auch Erinnerungen. Etwa an dieses Ding mit der nach oben ausziehbaren Antenne. Wer was auf sich und/oder sein Ansehen bei Freunden und Geschäftspartnern hielt, musste es haben. Das Nokia 1011 revolutionierte 1992 die Mobilfunkwelt. Bis dahin hatte der sogenannte „Knochen“ den Markt beherrscht – ein Motorola-Gerät von wuchtiger Größe und stattlichem Gewicht.

Das Finnen-Handy, kleiner, leichter und leistungsfähiger, fegte den US-Konkurrenten förmlich aus dem Markt. Der neue Trendsetter kam mit einem Speicher für 99 Telefonnummern daher und konnte bereits SMS empfangen, wenn auch nicht senden. Die Einführung des Neulings markierte den Anfang des Aufstiegs der Marke Nokia zum Weltmarktführer.

Nokia 1100 gilt als meistverkaufte Handy der Welt

Bis heute halten die Finnen einen inoffiziellen Weltrekord: Das Nokia 1100 gilt als das meistverkaufte Handy der Welt. Über 250 Millionen Mal ging das Gerät mit dem legendär leistungsstarken Akku über die Ladentheken der Welt. Als Smartphone-Reihe steuert das iPhone auf die Milliarden-Marke zu; als Einzelgerät kommt kein Apple-Modell an das Nokia 1100 heran.

Kann es für Nokia, das zu goldenen Zeiten jedes zweite Handy auf der Welt produzierte und für fast ein Viertel aller finnischen Exporte sorgte, im kleinen Maßstab eine gedeihliche Zukunft im Mobilfunksektor geben? In Schwellen- und Entwicklungsländern in Afrika und Asien telefonieren Millionen Menschen mit einfachen Nokia-Handys.

Teure Smartphones sind dort Randerscheinungen. Als quasi virtueller Hersteller, der letztlich nur seinen traditionsreichen Namen für ein von Drittanbietern zusammengesetztes Mobiltelefon zur Verfügung stellt, will Nokia auch hier bald auf den Markt treten. Die Geräte, heißt es, sollen auf dem Android-System laufen. Die Microsoft-Windows-Nokia-Ära ist vorbei.