Lebensumstände

US-Verhältnisse? Deutschland droht Spaltung in Arm und Reich

Forscher sorgen sich um die deutsche Mittelschicht. Zahlen zeigen: In Deutschland geht die Wohlstandsschere immer weiter auseinander.

Abgerutscht: Familie Monroe vor dem Wohnwagen, in dem sie im Trailer Park Gatorpark in Florida lebt.

Abgerutscht: Familie Monroe vor dem Wohnwagen, in dem sie im Trailer Park Gatorpark in Florida lebt.

Foto: Modrow/laif / LAIF

Berlin.  Die Mittelschicht gilt als das Rückgrat der bundesdeutschen Gesellschaft, doch ihre Bedeutung schwindet mehr und mehr. Seit 1983 ist der Anteil der erwachsenen Bürger, die ein mittleres Einkommen beziehen, von 62 auf 54 Prozent zurückgegangen. Das zeigt eine am Freitag veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Die Wissenschaftler haben eine brisante Parallele aufgedeckt: In den beiden vergangenen Jahrzehnten schrumpfte die Mittelschicht in Deutschland mit einem Minus von sechs Prozentpunkten genau so schnell wie in den USA – wo sich jetzt Populisten wie Donald Trump die Abstiegsängste weißer Durchschnittsamerikaner zunutze machen.

Die Mitte schrumpft schneller als gedacht

„Wir können es uns nicht leisten, dass immer mehr Menschen abgehängt werden“, warnte DIW-Präsident Marcel Fratzscher. „Wenn die Mittelschicht schrumpft, schadet das der deutschen Wirtschaft.“ Die Forscher hatten sich, alarmiert von neuen US-Untersuchungen, auf die Suche nach Vergleichsdaten für Deutschland gemacht. Ermittelt wurde der Anteil der sogenannten Einkommensmitte an der erwachsenen Bevölkerung – bei einer vierköpfigen Familie zum Beispiel zählen aktuell alle Haushalte mit einem Einkommen zwischen 2780 und 8300 Euro (vor Steuern und Sozialabgaben) dazu.

Das Ergebnis: 1983 gehörten noch 62 Prozent zur Mittelschicht. 1991, nach der Wiedervereinigung, war der Anteil auf 60 Prozent gesunken. Doch bis 2013 schrumpfte die Mitte weiter auf 54 Prozent. Je zur Hälfte verlor sie an Arm und Reich: Der Anteil unterer Einkommensschichten stieg auf 33 Prozent, während jetzt 13 Prozent zur oberen Schicht gehören. DIW-Forscher Markus Grabka sagte: „Was uns vor allem überrascht hat, ist die Tatsache, dass der seit 2006 starke Beschäftigungsaufbau nicht zu einer Stabilisierung oder einer Zunahme der Mittelschicht geführt hat.“ Das wäre eigentlich zu erwarten gewesen, meint er.

Vor allem Ausländer steigen ab

Als zentrale Gründe für das Schrumpfen der Mittelschicht in Deutschland sehen die Experten ein Anwachsen des Niedriglohnbereichs: Die Zahl der meist geringer bezahlten Jobs im Dienstleistungssektor habe zugenommen, besser dotierte Arbeitsplätze in der Industrie seien weggefallen. Und: „In Deutschland sind in den letzten Jahren zunehmend die Ausländer aus der Einkommensmittelschicht abgestiegen“, sagte Grabka.

In den USA rutschten verstärkt aus Lateinamerika stammende Menschen ab. Und die Mittelschicht wird älter: Der Anteil bei den 18- bis 30-Jährigen sank in Deutschland von 1983 bis 2013 von 69 auf 52 Prozent, bei den 30- bis 45-Jährigen von 78 auf 64 Prozent.

In den USA gibt es eine deutlich größere Polarisierung

Dass die Mitte genauso schnell schrumpft wie in den USA, hält das DIW für einen „überraschenden Befund“. Allerdings gibt es in den USA eine deutlich größere Polarisierung. Einkommensverluste der Absteiger und -gewinne der Aufsteiger sind vergleichsweise größer. Während die Bezieher mittlerer Einkommen in Deutschland ihre Vermögen seit 2002 im Schnitt um 15 Prozent steigern konnten, verlor die US-Mittelschicht ein Viertel ihres Vermögens.

Um die Mitte hierzulande zu stärken, schlagen die Experten eine „offensive Lohnpolitik“ mit der finanziellen Aufwertung von Dienstleistungsberufen vor. Sie plädieren für Anreize zur Umwandlung von Minijobs in reguläre Beschäftigungsverhältnisse, mehr Qualifizierung und bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.