Bilanzvorstellung

Volkswagen stellt sich auf schwierige Zeiten ein

Bei der Bilanzvorstellung in Wolfsburg ist erstmals die Tragweite des Abgas-Skandals zu erahnen. Ex-Chef Winterkorn verliert Millionen.

An den Millionengehältern bei VW gibt es reichlich Kritik – erst Recht mit Blick auf den Abgas-Skandal. Zumindest beim Ex-Chef gibt es Einbußen.

An den Millionengehältern bei VW gibt es reichlich Kritik – erst Recht mit Blick auf den Abgas-Skandal. Zumindest beim Ex-Chef gibt es Einbußen.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Wolfsburg.  Ex-VW-Chef Martin Winterkorn entgehen wegen der Abgas-Affäre Millionen von Euro, die Rückrufaktion für Millionen betroffener Autos gerät ins Stocken und auch der Verkauf einzelner Konzern-Sparten wird nicht mehr ausgeschlossen. Bei der Bilanzvorstellung am Donnerstag in Wolfsburg zeichnet sich ab, wie groß der Schaden des Abgas-Skandals für Volkswagen tatsächlich ist.

7,3 Millionen Euro Gehalt bekommt Martin Winterkorn für das vergangene Jahr. Für 2014 hatte der im September zurückgetretene Manager noch fast 16 Millionen Euro kassiert – und war damit der mit Abstand höchstbezahlte Manager aller Dax-Konzerne. Winterkorns VW-Vertrag läuft offiziell noch bis Ende 2016. Das Gehaltsminus liegt vor allem an der gesunkenen mehrjährigen variablen Vergütung, die ein Teil des Vorstands-Salärs ist. Neuer Spitzenverdiener im Volkswagen-Vorstand ist nun der Chef der schweren Nutzfahrzeuge, Andreas Renschler, mit fast 15 Millionen Euro. Er war im Winter 2015 von Daimler in den VW-Konzern gewechselt.

Probleme beim Rückruf zwingen zu Kurswechsel

Derweil muss Volkswagen beim Rückruf betroffener Diesel-Autos umsteuern. Angesichts massiver Probleme bei der Umrüstung des Passat holt der Konzern nun nach ersten Modellen des Pick-ups Amarok als nächstes den Golf in die Werkstätten. „Die Entscheidung ist heute Morgen gefallen“, sagte VW-Chef Matthias Müller am Donnerstag in Wolfsburg. Die VW-Limousine Passat hätte mit ersten Modellvarianten bereits von Ende Februar an für ein Software-Update zurückgerufen werden sollen. Doch einige Werte wären – anders als zugesagt – mit dem Update schlechter ausgefallen als zuvor. Welche Golf-Varianten nun den Vorzug bekommen, ist bisher ebenso unbekannt wie der Starttermin.

Inzwischen schließt Volkswagen auch eine Veräußerung von Geschäftsteilen nicht mehr aus. Wegen der Kosten für technische Lösungen, den Rückkauf von Fahrzeugen oder mögliche Strafzahlungen könnten sich „erhebliche weitere finanzielle Belastungen“ ergeben, heißt es in dem am Donnerstag veröffentlichten Geschäftsbericht. Außerdem könne es zu einem Rückgang der Nachfrage und geringeren Margen im Neu- und Gebrauchtwagengeschäft kommen. „Der benötigte Finanzbedarf zur Deckung der Risiken kann dazu führen, dass Vermögensgegenstände lagebedingt veräußert werden müssen.“ Bisher hat VW für die Folgen des Abgasskandals 16,2 Milliarden Euro zurückgestellt und deshalb 2015 den größten Verlust in der Unternehmensgeschichte verbucht.

Trotz Sparzwangs soll in Zukunftsprojekte investiert werden

Gleichzeitig wächst der Druck, trotz eines verschärften Sparkurses mehr Mittel in Zukunftsthemen wie Elektromobilität, Umweltschutz und neue Dienstleistungen zu stecken. Müller erklärte, VW müsse trotz der angespannten Finanzlage bei den Umwälzungen der Autoindustrie vorn mitspielen: „Das Auto der Zukunft ist effizienter, intelligenter, komfortabler und sicherer als jemals zuvor. Es fährt elektrisch und in einigen Jahren auch autonom.“ Finanzchef Frank Witter räumte ein, dies sei eine herausfordernde Strategie.

Dazu gehört auch der Umwelt- und Klimaschutz. Im Ringen um eine Einigung mit den US-Behörden rechnet VW mit Milliardenkosten für „grüne“ Projekte in den Vereinigten Staaten. Dafür veranschlagt der Konzern rund 1,8 Milliarden Euro. Bei dem Budget gehe es um „mögliche Investitionen in Umweltprojekte und die Elektromobilität“, heißt es im Geschäftsbericht. „Inhalt sowie zeitliche Verteilung der Investitionen sind derzeit noch unbestimmt.“

Neue Tochterfirmen für neue Dienstleistungen

Neue Dienstleistungen in der Mobilität sollen außerdem in einer neuen Tochterfirma umgesetzt werden. Hierzu solle „in Kürze ein rechtlich eigenständiges, konzernübergreifendes Unternehmen“ entstehen, kündigte Müller an. Auch andere Autohersteller wollen ihre Mobilitätsangebote wie Car-Sharing oder die Vernetzung mit anderen Verkehrsträgern deutlich ausbauen.

Müller sprach von einem „epochalen Wandel“ in der Autoindustrie. Dazu zählen auch alternative Antriebe wie Elektromotoren, selbstfahrende Autos und die Digitalisierung mit immer mehr Internet im Fahrzeug. Den klassischen Autoherstellern droht in diesem neuen Geschäft auch Konkurrenz von Internetriesen wie Apple und Google.

China-Geschäft weiterhin wichtige Stütze

VW will sich bei Zukunftsthemen mehr für Partnerschaften und strategische Beteiligungen öffnen. „Die Zeiten, in denen unsere Branche sich abgeschottet hat, gehören endgültig der Vergangenheit an“, sagte Müller. „Berührungsängste, Alleingänge oder die Illusion, alles besser zu wissen und zu können, werden nicht ans Ziel führen.“

Eine nach wie vor wichtige Stütze ist das China-Geschäft. Im Reich der Mitte strich VW auch 2015 wieder gut fünf Milliarden Euro ein. „Wir tun alles, um unsere Position in China in einem immer härteren Wettbewerb zu behaupten“, sagte Müller. Bei der ohnehin renditeschwachen Kernmarke VW-Pkw drücken hohe Werbekosten infolge der Abgas-Affäre die Ertragskraft. (dpa/rtr)