Berlin –

Der Krawallmacher

Frank Bsirske legt mit der Gewerkschaft Ver.di fast ganz Deutschland lahm

Berlin.  Auf die Frage, was er für den Umweltschutz unternimmt, hat Frank Bsirske einmal geantwortet: „Ich fahre mit Bus und Bahn oder gehe zu Fuß.“ Er habe keinen Führerschein und besitze deshalb auch kein privates Auto.

Das braucht er auch nicht, denn als Chef der Gewerkschaft Ver.di hat Bsirske einen Dienstwagen mit Fahrer. Von den Streiks im öffentlichen Dienst, zu denen seine Gewerkschaft aufgerufen hat, ist er selbst deshalb kaum betroffen. Millionen von Pendlern aber, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, werden Ver.di vermutlich verflucht haben. Auch an Flughäfen, Kitas oder bei der Müllabfuhr haben Beschäftigte der Kommunen und des Bundes gestreikt.

„Der Sinn von Warnstreiks ist es, Tarifverhandlungen zu beschleunigen“, sagte Bsirske der „Süddeutschen Zeitung“ und deutete eine Einigung mit den Arbeitgebern am heutigen Donnerstag oder am Freitag an: Man wolle in der dritten Verhandlungsrunde „ein Gesamtpaket schnüren“. Bsirske wird dann höchstselbst am Verhandlungstisch in Potsdam sitzen. Tarifkonflikte dieser Dimension sind immer Chefsache.

Bsirske ist etwas anders als andere Gewerkschaftsführer. Er ist nach wie vor der Einzige, der kein SPD-Parteibuch hat, sondern Mitglied der Grünen ist. Bsirske steht aber auch einer Organisation vor, die zersplitterter ist als Gewerkschaften wie die IG Metall oder die Chemiegewerkschaft IG BCE, die immer nur eine große Branche organisieren. Ver.di versucht, mehr als ein Dutzend Branchen mit 1000 Berufen zu bündeln. Erzieher, Friseure und Mitarbeiter an Universitäten – Bsirske muss für alle da sein. Er ist in der teils chaotisch organisierten Gewerkschaft das zentrale Bindeglied. Der ehemalige Personaldezernent der Stadt Hannover, der seine Frau bei einem Warnstreik kennenlernte, ist die einzige Person, mit der sich alle Ver.di-Mitglieder identifizieren können.

Bsirske ist bald länger im Amt als Helmut Kohl Kanzler war

Tatsächlich hat die Gewerkschaft seit ihrer Gründung im Jahr 2001 nie einen anderen Vorsitzenden gehabt. Bis 2019 ist Bsirske gewählt, es ist seine fünfte Amtszeit. Er wäre dann nicht nur länger im Amt als Helmut Kohl Kanzler war, sondern würde die klassische Rentengrenze für Gewerkschaftschefs von 65 Jahren um zwei Jahre überschreiten. „Ohne Bsirske ist Ver.di fast nicht vorstellbar“, sagt Hagen Lesch, Gewerkschaftsexperte des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

Bsirske, der Krimis, Jazz und grünen Tee liebt, gilt als letzter Klassenkämpfer und Krawallmacher unter den Gewerkschaftschefs. Dass Ver.di fast immer irgendwo zum Streik aufruft, liegt an der Struktur der Gewerkschaft, gehört aber auch ausdrücklich zum Programm. „Die Gewerkschaft versucht, den Streik als Mittel zu nutzen, um Mitglieder zu werben“, sagt IW-Experte Lesch. Das gelingt allerdings nur mäßig. Während beispielsweise die IG Metall Zuwächse bei den Mitgliederzahlen verzeichnet, konnte Ver.di den Abwärtstrend nur verlangsamen. Das liegt auch an den kleinen Spartengewerkschaften für Fluglotsen, Piloten oder Ärzte, die Ver.di potenzielle Mitglieder wegnehmen.

Immer wieder versucht Bsirske, seine Gewerkschaft durch Kampagnen zu profilieren, wie gegen den Versandhändler Amazon oder schon vor zwölf Jahren gegen den Discounter Lidl. Der Erfolg dieser Strategie ist durchwachsen. Die Arbeitsbedingungen wurden besser, aber mehr Betriebsräte und Ver.di-Mitglieder gab es dadurch nicht. Immerhin: Dass es jetzt einen gesetzlichen Mindestlohn gibt, ist maßgeblich Bsirske zu verdanken. Zehn Jahre lang hat er dafür gekämpft.