Leica-Chef Kaltner

„Das Smartphone ist nicht das Ende der Kamera“

Fotografen überall auf der Welt schwören auf Leica-Kameras aus Wetzlar in Hessen. Ein Interview mit Firmenchef Oliver Kaltner.

Das Leica-Logo an der neuen Firmenzentrale in Wetzlar

Das Leica-Logo an der neuen Firmenzentrale in Wetzlar

Foto: dpa

Am Mittwoch und Donnerstag treffen in Berlin beim ersten SingularityU Germany Summit führende Köpfe der US-Techbranche auf deutsche Top-Manager, Start-ups und Mittelstand. Einer der Redner ist der ehemalige Microsoft-Manager und aktuelle Leica-CEO Oliver Kaltner. Im Interview verrät er, warum sich der Kamera-Hersteller nun Smartphones zuwendet und wieso Leica ein Vorbild für den Mittelstand sein kann.

Berliner Morgenpost: Ich war am Wochenende in München in einer großen Leica-Ausstellung. Obwohl es in “100 Jahre Leica-Fotografie” um die komplette Geschichte Leicas ging, wurde die Gegenwart relativ schnell abgefrühstückt. Man konnte den Eindruck bekommen, dass Ihr Unternehmen vor allem von seiner Vergangenheit zehrt. Ist Leica heute noch relevant?

Oliver Kaltner: Leica ist relevanter denn je. Die Ausstellung beleuchtet die ersten 100 Jahre unserer 102-jährigen Fotografie-Geschichte. Und das macht sie sehr erfolgreich. Wir haben am 31. März unser Geschäftsjahr mit Rekordergebnis abgeschlossen. Das zeigt sehr deutlich, dass wir einen schönen Brückenschlag hinbekommen haben zwischen der Tradition einerseits - und der Zukunft andererseits.

Sie sind jetzt seit einem Jahr CEO von Leica. Was hat sich in den zwölf Monaten getan? Und wo soll die Reise noch hingehen?

Wir haben unsere Kernkompetenz - also das optische Engineering - intern noch einmal stärker ausgearbeitet. Darüber hinaus konnten wir große Erfolge bei unserer internationalen Expansion verzeichnen. Und - was mich persönlich sehr freut - Europa ist für uns weiterhin ein Wachstumsmarkt. Darauf haben wir reagiert und den Vertrieb entsprechend angepasst.

Sie kamen von Microsoft Deutschland zu Leica. Was war für Sie persönlich die größte Veränderung gegenüber dem alten Arbeitgeber?

Es ist natürlich etwas ganz anderes, ob man Teil des Top-Managements eines international operierenden Konzerns ist, oder ob man jetzt die volle Verantwortung für eine komplette Organisation trägt.

Leica Camera ist ein international operierendes mittelständisches Unternehmen. Wir haben zwei Anteilseigner - nicht zehn oder zwölf. Das hat für mich den Vorteil, dass ich mich mit beiden Shareholdern intensiv austauschen kann.

Sie haben es gerade erwähnt. Leica ist trotz seiner Geschichte ein mittelständisches Unternehmen geblieben. Zu einer Zeit, in der Firmen nur mit einer guten Idee Milliarden-Bewertungen erzielen können, klingt das ein wenig verträumt. Und vielleicht auch gefährlich, finden Sie nicht?

Ich bin überzeugt, dass eine relevante Tradition immer Zukunft hat. Man muss sich jedoch regelmäßig vor Augen führen, was die eigene Kernkompetenz tatsächlich ist. Für Leica ist das eindeutig das optische Engineering. Unsere Stärken liegen im Handwerk und in der Mechanik.

Unsere Transformationsstrategie ist einfach und klar vermittelbar. Wir waren sehr stark darauf konzentriert, Hardware zu entwickeln und zu produzieren. Jetzt müssen wir zusätzlich die Themen Software und Services angehen.

Ein Rekordumsatz von 365 Millionen Euro in 2015 liest sich nicht schlecht. Im Vergleich mit anderen Kameraherstellern bleibt Leica aber weiterhin die Außenseiterrolle. Es scheint jedoch, als fühlten Sie sich darin gar nicht so unwohl?

Wir sind ein bekennender Premiumanbieter in der Nische. Das ist eine wunderbare Situation.

Wir haben zwei Fertigungsstätten - in Deutschland und Portugal. Beide wurden auf Craftmanship, nicht auf Massenproduktion ausgerichtet. Das ist heute, da Smartphones das Produktfeld der digitalen Kompaktkameras nahezu komplett übernommen haben, umso wichtiger. Viele große Hersteller haben Probleme, ihre Fertigungskapazitäten auszufüllen. Davon sind wir nicht betroffen.

Also sollte sich der Mittelstand an Leica orientieren?

Der Mittelstand in Deutschland muss verstehen: Wenn wir in den kommenden fünf Jahren weiterhin das Thema Industrie 4.0 diskutieren - und jetzt kommt ein bisschen der Microsoft-Manager in mir durch - dann haben wir etwa fünfzehn Entwicklungszyklen verloren. Industrie 4.0 sollte heute im Mittelstand stattfinden. Nicht erst in fünf Jahren. Wir müssen die Diskussion darum beenden und schnell agieren.

Deutschland hat eine sehr lebendige Start-up-Kultur. Big Players wie in den USA sind jedoch die Ausnahme. Ist das ein Nachteil für die Firmen und den Standort?

Wir sollten den Blick nicht immer nur nach Amerika richten. Was in China passiert, ist viel beeindruckender. Die Geschwindigkeit dort ist beispiellos. Das Thema Human Capital ist kein limitierender Faktor. Schanghai hat heute 25 Millionen Einwohner und diskutiert die Infrastruktur für den Fall, dass die 100-Millionen-Grenze fällt.

Europa und die USA täten gut daran, China und dessen Kultur und Wirtschaft mit mehr Respekt zu begegnen.

Das beantwortet aber nicht die Frage…

Der deutsche Mittelstand ist unglaublich kraftvoll. In den Bereichen Optik und Mechanik verfügen wir zum Beispiel über Erfahrungen und Wissen, das weltweit seinesgleichen sucht.

Allerdings gibt es auch drei Herausforderungen, denen sich der Mittelstand stellen muss.

Kernproblematik Nummer eins ist seit etwa zehn Jahren das Thema Generationswechsel. Weil es in diesem Bereich teilweise keine Lösungen gab, wurden potenziell weitere zehn Jahre verschenkt. Der zweite Aspekt, der eine Rolle spielt, ist die Frage, ob und wie deutsche Ingenieurskunst internationalisiert werden kann. Drittens muss verstanden werden, dass ein Produkt ohne internationale Skalierbarkeit für den globalen Markt am Ende vielleicht zu wenig relevant ist.

Gibt es positive Antworten auf alle diese Punkte, dann hat man als Unternehmen aus dem deutschen Mittelstand gute Chancen gerade auch international.

Überhaupt hat der deutsche Mittelstand über Jahrhunderte hinweg immer für technologischen Fortschritt gesorgt. Ich weiß nicht, warum das aufhören sollte, nur weil wir jetzt über Globalisierung und Digitalisierung sprechen.

Das Thema Digitale Transformation bewegt momentan viele Unternehmen. Wie stellt sich Leica dieser Herausforderung?

Wir haben zunächst analysiert, wo wir mit unseren IT-infrastrukturellen Prozessen stehen - von der Zentrale über die Niederlassungen im Ausland bis hin zu den Leica Stores, die wir betreiben. Anschließend wurde geprüft, ob wir unsere Kunden richtig kennen und erreichen. In beiden Punkten gab es erheblichen Handlungsbedarf.

Die Ausgangslage war mit Windows 7 im Vergleich zum Mittelstand in Deutschland gar nicht so schlecht. Aber wir mussten zum Beispiel sicherstellen, dass unsere großen Ländergesellschaften jetzt auch eine SAP-Anbindung bekommen. Das sind einfache aber wesentliche Grundlagen, die intern ermöglicht werden müssen, um dann extern zu digitalisieren.

Leica investiert 11 Prozent seines Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Das klingt nicht schlecht. Doch Entwickler sind heiß begehrt. Wie kann man Ihnen den Standort Wetzlar schmackhaft machen?

Wir erleben innerhalb des Mittelstandes einen Paradigmenwechsel bei der Standortpolitik. Die Firmen kommen mittlerweile auch zum Talent.

Wir wissen ganz genau, welche Kapazitäten wir bei den Ingenieuren in Wetzlar bekommen. Wetzlar ist in den Bereichen Mechanik, Optik und Optoelektronik ein Kompetenzzentrum - das finden wir nirgendwo sonst auf der Welt.

Allerdings haben wir auch bewusst die Entscheidung getroffen, ein Design-Team in München aufzubauen. Aktuell diskutieren wir, wo sich Software am besten entwickeln lässt, und wo eine schnelle Anbindung zu Start-ups gegeben ist. Wir wollen also gar nicht alle Leistungen nach Wetzlar holen. Es ist viel wichtiger, den Mittelstand so zu verstehen, dass wir Satellitenstrukturen aufbauen, um so an Talente zu kommen.

Leica kooperiert jetzt mit Huawei und hat zum ersten Mal eine Kamera für ein Smartphone entwickelt. Wie erklärt man so etwas seinen Mitarbeitern und den langjährigen Kunden? Wird hier nicht der Kern der Marke Leica gefährdet?

Die Mitarbeiterreaktion war sehr positiv - vor allem im Kreis der Ingenieure. Da haben wir weltweit führende Spezialisten bei uns im Unternehmen, und alle wurden involviert. Es gibt eine große Begeisterung dafür, das traditionelle Wissen auf andere technologische Formfaktoren anzuwenden.

Wir haben mit dem Huawei P9 und dem P9 Plus gezeigt, wie viel mehr man aus der Fotografie mit dem Smartphone noch herausholen kann.

Das Smartphone ist nicht das Ende der Kamera. Es ist vielleicht das Ende der digitalen Kompaktkamera für 100 bis 200 Euro. Aber in diesem Segment bewegen wir uns nicht. Unsere eigenen Produkte werden durch das Smartphone also nicht torpediert.

Wie muss man sich das eigentlich vorstellen? Hat da jemand aus China bei Ihnen in Wetzlar angerufen und gefragt, ob Sie gemeinsam ein Smartphone entwickeln wollen?

Die rufen nicht nur an, die nutzen auch soziale Medien und ein etwas antiquiertes Kommunikationsmittel wie die E-Mail. Sie können davon ausgehen, dass wir mittlerweile aus allen Ländern dieser Welt kontaktiert werden. Mit Bekanntgabe der Huawei-Verbindung haben die Anfragen noch einmal deutlich zugenommen.

Firmen wie Samsung, Panasonic und Sony setzen bei neuen Produkten auf Markenbotschafter, die sie in sozialen Netzwerken wie Instagram finden. Bei Leica war es in der Vergangenheit eher andersherum. Fotografen fanden Leica und wurden durch ihre Bilder zu Botschaftern. Müssen Sie hier umdenken?

Wir haben tatsächlich noch die Situation, dass Fotografen sich irgendwann bereit fühlen, Leica-Botschafter zu sein. Das sage ich mit allem Respekt, denn bei meinen bisherigen Firmen ist mir das so nicht begegnet. Das ist eine tolle Ausgangslage. Aber es ist natürlich richtig, dass Social Media unglaublich wichtig ist. Und da haben wir auch noch Nachholbedarf.

Wer eine Leica-Kamera kaufen will, der geht zum Händler seines Vertrauens. Online sieht es meist düster aus. Weder über Amazon noch auf der eigenen Homepage vertreibt Leica seine Produkte. Warum eigentlich?

Wir sind in einem Premiumsegment unterwegs, das weniger mit klassischen Kameraherstellern wie Nikon oder Canon zu vergleichen ist, sondern eher mit einer Uhrenmanufaktur. Es geht um das Erleben, ums Anfassen, um den Meinungsaustausch, um sehr guten Service. Unstrittig ist, dass wir eigene Online-Verkaufsplattformen aufbauen müssen. In Frankreich, Italien oder Australien haben wir das bereits getan. Aber hier gibt es eindeutig noch Nachholbedarf.

Verraten Sie uns noch kurz: Womit haben Sie Ihr letztes Foto gemacht?

Mit einer Leica Q. Das ist meine absolute Lieblingskamera. Tolle Qualität der Bilder, und man kann die Fotos gleich aufs Smartphone übertragen und in den sozialen Netzwerken teilen.