Berlin –

Vattenfall steigt aus Braunkohle aus

| Lesedauer: 4 Minuten
Björn Hartmann

Tschechisches Konsortium kauft Kraftwerke und Tagebau-Anlagen. Schweden mit Milliardenverlust

Berlin.  Es ist vollbracht – fast jedenfalls. Vattenfall verkauft sein Braunkohlegeschäft an ein tschechisches Konsortium aus dem Energiekonzern EPH und dem Finanzinvestor PPF-Investments. Im August soll das Geschäft abgewickelt sein, dann ist Vattenfall die Anlagen und alle Verpflichtungen, die damit zusammenhängen, los. Allerdings kommt der Verkauf den schwedischen Staatskonzern noch einmal teuer. Konzernchef Magnus Hall sprach von einem besonderen Tag und wirkte erleichtert.

Statt Geld zu erhalten, legt Vattenfall umgerechnet rund 1,7 Milliarden Euro in bar dazu. Zudem wird das zweite Quartal tiefrot – der Verkauf belastet mit insgesamt 2,4 bis 2,9 Milliarden Euro. Behielte Vattenfall das Braunkohlegeschäft, würde es allerdings noch deutlich teurer, sagte Konzernchef Hall in Stockholm. 7500 Vattenfall-Beschäftigte in Deutschland bekommen jetzt einen neuen Arbeitgeber, das ist etwa die Hälfte aller Beschäftigten hierzulande. Die schwedische Regierung muss dem Geschäft noch zustimmen, was als Formsache gilt. Auch die Kartellbehörden prüfen.

Vattenfall hatte 2014 angekündigt, sich von der Braunkohle in Deutschland trennen zu wollen. Im Wesentlichen aus zwei Gründen: Zum einen verfallen die Großhandelspreise für Strom, weshalb die Anlagen kaum mit Gewinn zu betreiben sind, zum anderen stoßen Braunkohlekraftwerke im Vergleich zu anderen Anlagen sehr viel Kohlendioxid aus, das für die Klimaerwärmung mitverantwortlich ist. Einschließlich der Braunkohlekraftwerke erzeugt Vattenfall die Hälfte des Stroms klimaneutral, ohne sind es 75 Prozent, wie Hall sagte. Vattenfall will künftig die Energiewende in Deutschland mitgestalten, wie Hall sagte, und in erneuerbare Energien investieren, vor allem in Offshore-Windkraftanlagen. In Schweden betreibt der Konzern zahlreiche Wasserkraftwerke und auch Atommeiler.

Im Rennen war auch der Konzern Steag aus Essen, der sich mit der australischen Macquarie zusammengetan hatte, zuletzt aber nicht bieten wollte, sondern eine Stiftungslösung vorgeschlagen hatte. Auch andere Bieter zogen sich zurück. Niemand war bereit, für das Braunkohlegeschäft Geld zu bezahlen. EPH gab ein Angebot ab.

Verkauft werden jetzt die Kraftwerke Jänschwalde, Schwarze Pumpe (beide Brandenburg), Boxberg und der 50-Prozent-Anteil am Kraftwerk Lippendorf (beide Sachsen) sowie die Tagebaue Jänschwalde, Welzow-Süd (beide Brandenburg), Nochten und Reichwalde (beide Sachsen). Auch der ausgekohlte Tagebau Cottbus Nord gehört dazu. Die Anlagen werden mit rund 3,4 Milliarden Euro bewertet. Die Tschechen übernehmen auch alle Verbindlichkeiten und Rückstellungen, die Vattenfall gebildet hat, um damit nach dem Ende des Bergbaus die Flächen zu rekultivieren.

EPH gehört Daniel Kretinsky, einer der reichsten Tschechen, der das Unternehmen 2009 gegründet hat. EPH erzeugt unter anderem Strom und Fernwärme und verkauft Strom und Gas. Seit 2011 besitzen die Tschechen auch den Braunkohleförderer Mibrag in Sachsen-Anhalt – kennen sich also mit deutschen Gewerkschaften und Politikern aus. Hinter dem Finanzinvestor FFP steht Petr Kellner, Multimilliardär und dem Magazin „Forbes“ zufolge reichster Tscheche. EPH und FFP halten je die Hälfte am Käuferkonsortium.

Damit das Braunkohlegeschäft Vattenfalls nicht reines Spekulationsobjekt wird, sieht der Vertrag einige Sonderregeln vor, wie Vattenfall-Finanzchefin Ingrid Bonde sagte. So dürfen die Käufer drei Jahre lang keine Dividenden bekommen. Es dürfen in dieser Zeit auch keine Rückstellungen aufgelöst werden. Zudem ist danach die Rendite begrenzt. Die Tarifverträge für die etwa 7500 Mitarbeiter gelten weiter. Bis 2020 sind demnach auch betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Die Perspektiven sind unklar: Drei der vier Tagebaue sind vermutlich Mitte der 2020er-Jahre ausgekohlt.

Die Tschechen glauben, dass trotz der fallenden Großhandelspreise noch gutes Geschäft mit Braunkohlestrom zu machen ist. Das sehen sie bei Vattenfall deutlich anders. Allerdings haben sich die Schweden zusichern lassen, dass sie noch Geld bekommen, sollten sich die Strompreise deutlich besser entwickeln, als sie dachten.