Abgas-Skandal

Wie Volkswagen mit ganz viel Liebe die Krise wegfeiern will

Wie feiert man in der größten Krise der Firmengeschichte? Das VW-Fest „Movimentos“ hat es in diesem Jahr sehr schwer. Eine Beobachtung.

Konzern in Schieflage: Der VW-Konzern steckt in einer der schwesten Krisen seiner Geschichte.

Konzern in Schieflage: Der VW-Konzern steckt in einer der schwesten Krisen seiner Geschichte.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Wolfsburg.  Die erste Reihe im Heizkraftwerk des VW-Werks heißt „Reihe A“. Die ist an diesem Abend reserviert für die neuen und alten Vorstandschefs des größten europäischen Autobauers. Und es sind viele gekommen und lachen und prosten und feiern.

Nachdem die Künstler von „José Montalvo“ auf der Bühne in diesem Heizkraftwerk Hip-Hop und Flamenco abwechselnd und gleichzeitig getanzt haben, nachdem sie einander auf der Bühne geküsst, umarmt, sich aber auch dramatisch getrennt haben — da sitzen sie alle in der Reihe A bis Reihe Z und klatschen frenetisch. Die spanischen Künstler verbeugen sich und schauen so, als hätten sie noch nie in ihrem Leben Applaus bekommen, so dankbar. Dann beginnt plötzlich ein dumpfes Donnern und jemand in Reihe P sagt: „Das ist so ein typischer Movimentos-Moment, das macht das Publikum, wenn es ihnen wirklich gefällt.“ Reihe A steht auf. Die anderen folgen.

Traditionelles VW-Kulturfestival

Am Freitagabend wurde im Heizkraftwerk des VW-Autohauses in Wolfsburg die Eröffnung der „Festwochen der Autostadt“ gefeiert. Es war ein Moment der Normalität, den es seit September 2015 nicht mehr gab. Der Autohersteller geht im Dieselskandal durch die größte Krise seines Bestehens. Aktuell tobt der Machtkampf zwischen VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh und VW-Markenchef Herbert Diess, der nun am Montag auch das Präsidium des Aufsichtsrats beschäftigt. Der Betriebsrat fürchtet Sparmaßnahmen und Stellenabbau, um den Konzern wieder auf Vordermann zu bringen. Die Bilanzpressekonferenz am 28. April, bei der Klarheit über die finanziellen Auswirkungen der Krise geschaffen werden soll, rückt bedrohlich näher.

Doch das Kulturfestival mit dem etwas sperrigen Namen „Movimentos“ soll zumindest in diesem Jahr ganz normal über die Bühne gehen. In den kommenden Wochen wird es Tanz geben und Lesungen und Jazz und Theaterstücke – und einige dieser Veranstaltungen werden in einem der Herzstücke des Autobauers aufgeführt: im Heizkraftwerk, jenem Backsteinbau mit seinen vier Schornsteinen, der seit den 1930er-Jahren zu Wolfsburgs Silhouette gehört. Hier drin wird seit 14 Jahren eine Bühne für mehrere Wochen aufgestellt, auf der Sting und Rammstein schon spielten und in diesem Jahr auch wieder ein Kulturprogramm angeboten wird, für die Mitarbeiter in Wolfsburg, aber auch die Gesellschaft des Dreiecks zwischen Hamburg, Hannover und Berlin – als hätte es nie ein „Diesel-Gate“ gegeben.

Überall in Wolfsburg ist das Wort „Liebe“ plakatiert

Das ist nur zu schaffen, wenn man ganz dick auftritt. Und so kommt es zu diesem beinahe unglaublichen Bild, dass überall in Wolfsburg rote Plakate hängen mit dem Wort „Liebe“ darauf. Denn das ist das Motto von Movimentos in diesem Jahr. Das ganz große Gefühl als Antwort auf die ganz großen Probleme. Fairerweise muss gesagt sein, dass Maria Schneider, zusammen mit Bernd Kauffmann künstlerische Leiterin von Movimentos, dieses Motto schon lange vor dem Abgas-Skandal bestimmt hatten. „Es soll eine Motto sein“, sagt Schneider unserer Redaktion, „in dem die anderen Themen von früheren Festivals sich wiederfinden.“ Sie habe mit „Heimat“ begonnen und über „Mut“, „Weisheit“ und „Glück“ schließlich mit „Liebe“ einen guten Abschluss finden wollen. „Das Motto Frieden war schon schwierig im letzten Jahr“, sagt sie und meint die Terror-Attentate. „Aber am Ende des Tages kam jetzt nur Liebe in Frage.“

Doch Maria Schneider hat auch keine leichte Position, diese ehemaligen Theaterwissenschaftlerin und Germanistin, hier in der Welt der Manager und der Zahlen. Zu verquickt ist eben auch am „Ende des Tages“ das Schicksal von VW mit der Autostadt, die ein Tochterunternehmen des Autobauers ist und diese Kulturveranstaltung finanziell produziert. Die Autostadt ist wie eine Brosche, die sich das Milliardenunternehmen leistet, zumal eine besonders schöne, ein Gelände von Stararchitekten gestaltet, mit „Dufttunnel“ von Olafur Eliason, technischen Spielereien sowie interaktiven Ausstellungen – alles state-of-the-art, wie man sagt. Es muss nicht einmal betont werden, dass hier in der Autostadt nur zum Teil Autos die Hauptrolle spielen. Es geht eher um eine Erlebniswelt rund um Thema „Innovation“. Da darf es im angedockten Restaurant auch Gurkenlimonade (lecker) und vegane Haferteigpizza (abenteuerlich) geben.

Balanceakt in der Krise

Doch wie ist die Stimmung in der Autostadt in einer Zeit, in der ein Streit darum tobt, ob es angemessen ist, den Managern einen Millionenbonus zu zahlen? Und geht es in den Festwochen nicht auch genau darum: Wofür kann das Geld ausgegeben werden, wenn die 70.000 Arbeiter auf ihre Prämie in diesem Jahr zumindest in voller Höhe verzichten müssen? Reicht es, Movimentos lediglich das Budget um 20 Prozent zu kürzen? „Es ist vor allem beim VIP-Programm gespart worden“, sagt sie, etwas angestrengt, weil sie zu oft nach Einsparungen gefragt wurde. Vor allem wurde durch den Wegfall des großen Konzerts im Kraftwerk und dem Einsparen einer Tanz-Company wurde das geringe Budget ausgehalten. Schneider: „Wir haben mitgespart für Volkswagen.“ In diesem Jahr kommen sämtliche Tänzer zum Beispiel aus Europa und nicht – wie in den Anfangsjahren – von „allen Kontinenten, auf denen VW produziert“.

Und so ist dieses Festival ein idealer Stimmungsmesser für den Zustand im Herzen eines der wichtigsten Unternehmen des Landes. Es ist auch der einzige Moment des Jahres, in dem Nicht-VW-Mitarbeiter in dieses Herz eingelassen werden. „Aus Angst vor Industriespionage“, wie ein Mitarbeiter andeutet. Dort stehen die Gäste in Lederjacke dann ganz ohne abgetrennten VIP-Bereich neben den Vorstandsmitgliedern und Lokal-Politikern. Sie wollen in diesen Tagen Einigkeit nach außen tragen. Von regelmäßigen Gästen ist zu hören, dass mehr Vorstände als sonst anwesend sind – bis auf den Betriebsratschef selbstverständlich. „Vielleicht steht er vor der Tür und schimpft“, scherzt jemand. Die Krise gilt im Kraftwerk an diesem Abend als absolutes Gesprächstabu. Doch das gilt generell für die Autostadt. Eine Mitarbeiterin im Kundenkontakt sagt über ihren Alltag: „Sehen Sie, es ist wie bei einem Ehepaar, das sich gerade getrennt hat, da fragen Besucher auch nicht ständig nach: Na, wie läuft‘s?“

VW-Aufsichtsratschef Pötsch setzt auf Zusammenhalt

Vielleicht ist es da ganz gut, eine Frau wie Maria Schneider an der Spitze zu haben, die „überhörig“ ist. Seit ihrer Kindheit, sagt sie, hat Maria Schneider ein Gehör von 150 Prozent. Das heißt auch: Sie bekommt sehr viel mit. Dass sie mit ihrem feinen Gespür vieles richtig gemacht hat, in diesem vielleicht letzten Jahr, kann sie am Abend von Hans Dieter Pötsch persönlich erfahren. Er sagte unserer Redaktion, dass ihm das Motto Liebe gefalle („Wunderbares Wort, das gut in die Zeit passt“) und auch die Auswahl der Tanzgruppe seinen Geschmack traf. Etwas salomonisch interpretiert er deren Auftritt, das Zusammenfinden und Trennen: „Ich denke, das Stück hat gezeigt, wie wichtig Zusammenhalt ist und wir haben gesehen, was erreicht werden kann, , wenn viele Menschen als Team auftreten,, was sie gemeinsam bewegen können.“

Nur ein Satz geht an dem Abend etwas unter. Das ist der Moment, in dem die Tänzer längst gegangen sind, die Standing Ovation vorbei und um Gottes Willen niemand sagen kann, was nächstes Jahr mit Movimentos ist. Maria Schneider hauchte ihn fast ins Mikrofon, als gerade besonders viele Gläser klirrten: „Wer keine Heimat mehr hat, der braucht Liebe.“