Prozess

Imagekratzer, aber kein Totalschaden für Ex-Porsche-Chef

Ex-Porsche-Chef Wiedeking ist von Manipulationsvorwurf freigesprochen worden. Der Prozess dauerte fünf Monate und hinterlässt Spuren.

Wendelin Wiedeking, der frühere Vorstandsvorsitzende des Stuttgarter Sportwagenherstellers Porsche, musste sich vor Gericht verantworten.

Wendelin Wiedeking, der frühere Vorstandsvorsitzende des Stuttgarter Sportwagenherstellers Porsche, musste sich vor Gericht verantworten.

Foto: Bernd Weißbrod / dpa

Stuttgart.  Was hat man als bestbezahlter deutscher Manager mit 100 Millionen Euro Jahresgehalt noch so vor? Das ganz große Ding. Jedenfalls Wendelin Wiedeking – damals, 2008, als Vorstandschef von Porsche. Da wollte der Mann, der die Sportwagenmarke finanziell aus dem tiefroten Drehbereich in die Steilkurve katapultiert hatte, den Volkswagen-Konzern schlucken. Dass er dabei aus der Kurve flog, kostete Anleger Milliarden. Um den juristischen Totalschaden kam Wiedeking herum: Das Landgericht Stuttgart sprach den 63-Jährigen am Freitag vom Vorwurf der Marktmanipulation frei. Dass er nur mit einem kleinen Imagekratzer aus dem waghalsigen Manöver herauskommt, muss das noch nicht heißen. Die Staatsanwaltschaft erwägt Revision.

Fünf Monate dauerte der Prozess, 22 Verhandlungstage. Mit Wiedeking auf der Anklagebank des Stuttgarter Landgerichts saß ein weiterer Ex-Porsche-Manager: der frühere Finanzvorstand Holger Härter. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hatten beide bei der versuchten VW-Übernahme mit gezinkten Karten gespielt. Wiedeking habe „erhebliche Kaltschnäuzigkeit und kriminelle Energie“ an den Tag gelegt, hieß es im Plädoyer der Anklage. Wiedeking hörte zu – und schwieg.

Einblick in Übernahmeschlacht

Die Ankläger hatten für Wiedeking zweieinhalb Jahre Haft und eine Million Euro Geldbuße gefordert, für Härter drei Monate weniger Freiheitsstrafe. Als der 63-jährige Wiedeking nach dem Freispruch vor die Presse trat, war ihm die Anspannung anzumerken. Mit etwas zittriger Stimme berichtete er von seiner Erleichterung. „Heute ist klar geworden: Mein Kollege Holger Härter und ich sind unschuldig gewesen. Wir sind froh, dass jetzt dieses Kapital abgeschlossen ist.“ Nachfragen wich er aus: „Ich muss jetzt erst mal runterkommen.“

Der Prozess gab einen Einblick in die Übernahmeschlacht zwischen Porsche und VW 2008/2009. Damals wollte sich der relativ kleine, aber lukrative Sport- und Geländewagenbauer den Branchenriesen aus Wolfsburg einverleiben. Knackpunkt des Strafprozesses war die Frage, wann genau die Entscheidung zur Dreiviertelübernahme fiel – lange war Porsche Vermutungen engegengetreten, man wolle VW beherrschen. Das wäre bei einem Anteil von 75 Prozent im Bereich des Möglichen gewesen, dann hätten Wolfsburger Gewinne nach Stuttgart abgeführt werden können.

Urteilsbegründung dauert zwei Stunden

Heute ist es genau andersrum, Porsche überweist Milliardenprofite nach Niedersachsen. Ende Oktober 2008 kam dann doch die Bestätigung des Plans. Der Aktienkurs von VW verfünffachte sich daraufhin binnen zweier Tage. Laut Staatsanwaltschaft hatten Wiedeking und Härter ihr Vorhaben zunächst verschleiert, dann nur unvollständig offengelegt und so den Kapitalmarkt manipuliert.

Die zweistündige Urteilsbegründung des Vorsitzenden Richters Frank Maurer kam einer schallenden Ohrfeige für die Ankläger gleich. Ein Argument nach dem anderen zerpflückte der Richter. Vernommene Zeugen hatten das angebliche Falschspiel der Porsche-Chefs zwar nicht bestätigen können. Aber Wiedeking und Härter hätten ihren Übernahmebeschluss nun einmal unter sich – vielleicht gar „beim Feierabendbierchen“ – getroffen, so die Staatsanwaltschaft.

Kopfschüttelnd entgegnete der Richter: Dann seien die Dementis der Angeklagten ja eine „Kabarettvorstellung“ nur um des schönen Scheins willen gewesen.

„Dass Porsche nicht Mutter Teresa ist, versteht sich“

Die Anklage hatte in ihrem Plädoyer auf Cäsar verwiesen: Wie der römische Feldherr seine Entscheidung zum Krieg gegen Pompeius noch vorm Überschreiten des Rubikon gefällt habe, so hätten sich Wiedeking und Härter frühzeitig für die Übernahme entschieden. Der Richter machte klar, was er von dem Vergleich hielt: „Das würde ja bedeuten, Julius Cäsar zieht in den Krieg, und keiner bekommt es mit.“

Drohten Ende Oktober 2008 wirklich Verluste von 14 Milliarden Euro? Nicht nachvollziehbar und eine fehlerhafte Berechnung, so der Vorsitzende Richter. Und wurde bei der Veröffentlichung der strittigen Mitteilung am 26. Oktober 2008 wirklich „in Panik“ gehandelt, wie die Ankläger behaupten? Das habe kein einziger Zeuge „auch nur im Ansatz“ bestätigt. „So wenig, wie es einen geheimen Plan gab, gab es eine geheime Panik.“ Der Richter sah dafür keine Belege, weder in den gut 200 Ordner füllenden Ermittlungsakten noch in Zeugenaussagen. „Es gab keinen Geheimplan des Vorstands.“ Dass die Beteiligung an VW nicht aus selbstlosen Motiven erfolgen sollte, „versteht sich von selbst; dass Porsche nicht Mutter Teresa ist, ebenso“.

Appell an den Anstand des Staatsanwaltes

Der Mitangeklagte Härter gab sich nach dem Urteil ebenfalls erleichtert. Mit Blick auf die Staatsanwaltschaft sagte der Ex-Finanzchef: „Wenn Sie noch ein bisschen Anstand haben, verzichten Sie auf die Revision.“ Dieser Wunsch blieb vorerst unerfüllt.

Und Vorsicht: Zumindest der Name des Chefanklägers taugt als symbolisches Indiz dafür, dass der juristische Sieg für die Ex-Porsche-Lenker vielleicht doch nur ein Etappensieg ist, dem ein zweites juristisches Rennen folgen könnte. Der Staatsanwalt, der jetzt über Revision nachdenkt, heißt Heiko Wagenpfeil.