Frankfurt/London –

Gemeinsam stark

Deutsche Börse und London Stock Exchange legen Einzelheiten ihrer Fusion vor. Kritiker warnen

Frankfurt/London.  Carsten Kengeter geht volles Risiko. Gerade einmal neun Monate nach Amtsübernahme setzt der Chef der Deutschen Börse zum Gipfelsturm an. In Rekordtempo hat er sich mit der Londoner Börse auf einen Zusammenschluss auf Augenhöhe verständigt. Wenn alles gut geht, soll Ende dieses Jahres, spätestens Anfang 2017 die europäische Superbörse perfekt sein. Für die Deutsche Börse wäre es nach einer Serie von gescheiterten Übernahmen seit der Jahrtausendwende die Chance, wieder an die Weltspitze zu rücken. Doch bis das gelingt, sind noch zahlreiche Hindernisse zu überwinden.

Da sind vor allem zahlreiche Wettbewerbshüter und Aufsichtsbehörden, die alle die Fusion verhindern könnten. Einige Analysten verweisen darauf, dass Deutsche Börse und London Stock Exchange (LSE) etwa das Abwicklungsgeschäft (Clearing) in Europa beherrschen könnten. Zudem gäbe es im Aktienhandel eine große Dominanz.

Kengeter und sein LSE-Amtskollege Xavier Rolet sehen das – verständlicherweise – anders. Man dürfe das Geschäft der Börsenbetreiber nicht nur durch die europäische Brille betrachten, sagt Rolet. „Wir haben weltweit einen gnadenlosen Wettbewerb.“ Und da komme es entscheidend auf Größe und effiziente Strukturen an. Deutsche Börse und LSE nahmen 2015 rund 4,7 Milliarden Euro ein, mehr als alle anderen Börsenbetreiber weltweit. Beide Chefs gehen davon aus, zusammen jährlich 450 Millionen Euro sparen zu können.

Kengeter wirbt zudem, ganz Europa könne von der Fusion profitieren. Unternehmen bekämen leichteren Zugang zu einem viel größeren Kapitalmarkt. Zugleich könnten die Börsen ihre Angebote zu deutlich niedrigeren Preisen anbieten. Letztlich werde die Superbörse auch die Sicherheit und Transparenz des weltweiten Handels verbessern.

„Das ist ein richtungsweisender Schritt zum richtigen Zeitpunkt“, sagt Rolet – ungeachtet der Unsicherheiten wegen des anstehenden britischen Referendums über die EU-Mitgliedschaft. Beide Seiten betonen, sie würden sich auch von einem „No“ der Briten zur EU nicht bremsen lassen. Allerdings gibt Rolet zu, die Folgen eines möglichen EU-Austritts Großbritanniens (Brexit) seien derzeit nicht abschätzbar. Die Entscheidung der Aktionäre soll just in den Zeitraum um den 23. Juni fallen, wenn die Briten über ihre EU-Zukunft abstimmen.

Widerstand gibt es auch an den beiden Finanzstandorten. Viele Briten sehen das geplante Geschäft als feindliche Übernahme ihrer Börse durch „die Deutschen“. Schließlich sollen die Aktionäre der Deutschen Börse mit gut 54 Prozent die Mehrheit an der gemeinsamen Holding halten. Und Kengeter soll Chef werden.

In Deutschland stört Kritiker besonders, dass der rechtliche Sitz des neuen Unternehmens London sein soll. „Ich kann das betriebswirtschaftlich nachvollziehen“, sagt Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon. „Ich kann mir aber schwerlich vorstellen, dass wir die Börse für den Euro-Raum nicht im Euro-Gebiet haben und im schlimmsten Fall nicht einmal in der Europäischen Union.“

Die beiden Börsenchefs halten solche Bedenken für abwegig. Sie betonen, beide Finanzzentren würden profitieren. Frankfurt etwa könnte seinen internationalen Bedeutungsverlust im Handelsgeschäft wettmachen. Zudem würden wichtige Funktionen der Megabörse in der Mainmetropole angesiedelt. Die Bundesregierung erklärte, sie unterstütze das gut 25 Milliarden Euro schwere Geschäft, wenn dadurch der Finanzplatz Frankfurt gestärkt werde.

Das Entstehen eines neuen Marktführers wird den beiden US-Börsenriesen CME und ICE nicht gefallen. Sie werden wohl versuchen, mit höheren Angeboten einen Bieterkampf um die LSE zu entfachen.

Zumindest die beiden Topmanager verstehen sich gut. Rolet betont, er kenne Kengeter seit einer gemeinsamen Zeit bei der Investmentbank Goldman Sachs vor gut 20 Jahren: „Wir sprechen eine gemeinsame Sprache, die der Finanzwelt.“