Berlin –

„Die Zeit rauchender Schlote ist vorbei“

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Berlin. Die neue Präsidentin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin, Beatrice Kramm, sieht sich als kreative Macherin. In ihrem Hauptberuf als Filmproduzentin ebenso wie im neuen Ehrenamt. Sie will der Berliner Wirtschaft eine starke Stimme geben. Ein Gespräch mit Beatrice Kramm über ihre Pläne.

Berliner Morgenpost: Ihr Geschäftsmodell als Filmproduzentin ist die Entwicklung kreativer Ideen. Welche kreative Idee braucht die Berliner Wirtschaft am dringensten?

Beatrice Kramm: Sicherlich ist eine der Stärken der Berliner Wirtschaft ihre Kreativität. Sie macht unseren Standort aus und befördert Berlin als Gründerhauptstadt. Was Wirtschaft deshalb insbesondere braucht, sind verlässliche politische Rahmenbedingungen und Freiraum: eben für Kreativität, für Wachstum.

Sie haben sich in Ihrer Antrittsrede als „die Neue“ angekündigt. Was werden Sie anders machen als Ihr Vorgänger?

Ich denke, jeder Mensch ist anders – aufgrund von persönlichen Prägungen, Erfahrungen, vom Charakter her. Das wirkt sich natürlich auch auf das Handeln aus und auf die individuelle Art, Verantwortung zu übernehmen und ein Amt zu führen. Ich habe mir vorgenommen, mir erst einmal einen Eindruck zu verschaffen und dann bei den Herausforderungen zu priorisieren. Damit bin ich immer gut gefahren.

Was ist Ihre größte Stärke, was Ihre Schwäche?

Ganz klar: Offenheit – und Ungeduld.

Sie sind die erste Präsidentin in der 114-jährigen Geschichte der IHK. Was kann eine Frau in dieser Position besser als ein Mann?

Ich würde nicht von besser oder schlechter sprechen – Eric Schweitzer war ein hervorragender IHK-Präsident. Ich werde es halt anders machen: Pumps passen ja auch nicht in die Fußabdrucke von Herrenschuhen.

In den vergangenen zehn Jahren ist die Berliner Wirtschaft im Dienstleistungssektor erfolgreich geworden. Reicht das aus?

Die Berliner Wirtschaft ist im Dienstleistungssektor sehr erfolgreich – zumal getrieben durch den starken Tourismus in unserer Stadt. Im Zuge der Digitalisierung wird das nächste Kapitel der Berliner Wirtschaft die Indus-trie 4.0 sein. Hier hat Berlin grade durch seine enge Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft eine hervorragende Ausgangslage.

Die Digital- und Kreativwirtschaft ist in Berlin gewachsen. Welche Rahmenbedingungen brauchen wir, um dieser Entwicklung Nachhaltigkeit zu verleihen?

Für jede Branche gilt: Es muss nicht jedes Detail bis ins Letzte bürokratisch geregelt sein. Gleichzeitig brauchen wir schnelle Verwaltungsentscheidungen. Nur so kann Berlin attraktiv bleiben. Für die weitere wirtschaftliche Entwicklung brauchen wir Menschen, die gern nach Berlin kommen.

Sie haben Bildung als den „Rohstoff dieser Stadt“ bezeichnet ...

Ich sehe zwei große Herausforderungen: Zum einen müssen wir gesellschaftlich fest verankern – bei Eltern, Schülern, in Politik und Verwaltung und bei den Gewerkschaften –, dass die duale Berufsausbildung der Start in eine erfolgreiche Karriere ist. Zum anderen brauchen wir einen Prozess, um den Tausenden zu uns geflüchteten Menschen mit Bleibeperspektive über Kompetenzerhebung und Spracherwerb einen Weg zur Integration in Ausbildung und Arbeit zu ermöglichen.

Sie wollen die traditionelle Industrie stärken. Was sind hier Ihre Pläne?

Wir müssen das eine tun, ohne das andere zu lassen – das heißt konkret: Auch in Berlin wird es weiterhin klassische Industrieunternehmen in der Metallverarbeitung und der Elektroindustrie geben. Die IHK Berlin widmet sich den typischen Herausforderungen wie Fachkräftemangel oder Flächenbedarf. Die Zeit der rauchenden Schlote ist aber vorbei: Berlin bietet beste Voraussetzungen für die Entwicklung von smarten, urbanen Industrien und kann deshalb die moderne Industriestadt schlechthin werden.

Was wünschen Sie sich vom neuen Senat, der im September gewählt wird?

Als IHK Berlin erarbeiten wir – gemeinsam mit der Handwerkskammer – auch zu dieser Wahl einen konkreten Forderungskatalog in Form von Wahlprüfsteinen. Dies geschieht in einem breiten Werkstattprozess mit den ehrenamtlich engagierten Unternehmern. Eine zentrale Forderung: Berlin und seine Wirtschaft brauchen eine leistungsfähige Verwaltung.

Sie haben in den 90er-Jahren Ihre ersten Berufserfahrungen in der IHK gesammelt. Von welcher profitieren Sie als Präsidentin heute am meisten?

Ich kenne die IHK Berlin tatsächlich seit einer Zeit, als es ihr wirtschaftlich schlecht ging und auch die Berliner Wirtschaft das kranke Kind der Republik war. Die vergangenen zehn, 15 Jahre beweisen jedoch eindrucksvoll, was diese Stadt und ihre Bewohner imstande sind zu leisten. Diese positive Motivation nehme ich auch mit in mein Amt als Präsidentin der IHK Berlin. Für mich ist klar: Wachstum ist immer eng verbunden mit Verantwortung.

Sie haben als „Kassenwartin“ die damals finanziell angeschlagene IHK saniert. Was ist das Learning aus dieser Zeit und wie zeitgemäß ist die Zwangsmitgliedschaft heute?

Pardon, es heißt gesetzliche Pflichtmitgliedschaft – und sie ist mehr denn je aktuell. Die Kammern übernehmen als Selbstverwaltung der Wirtschaft hoheitliche Aufgaben. Die Welt beneidet uns um die duale Berufsausbildung. Und wir vertreten das Gesamtinteresse der Wirtschaft: So sind wir beispielsweise mahnende Stimme, was die Leistungsfähigkeit der Verwaltung oder der Verkehrsinfrastruktur betrifft. Auch kümmern wir uns darum, dass die Gewerbetreibenden Platz in der Stadt bekommen. Und nicht zuletzt profitieren unsere 284.000 Pflichtmitglieder vom guten Service.

Sie haben sich als kreative Gestalterin angekündigt. Wo sehen Sie Innovationspotenzial in der Binnenstruktur der Kammer? Was wollen Sie da verbessern?

Zunächst einmal freue ich mich, dass die IHK Berlin eine so starke Dienstleistungsorganisation ist, mit tollen und kompetenten Mitarbeitern. Dies ist der Verdienst meiner Vorgänger und von Jan Eder als Hauptgeschäftsführer. Für mich gilt auch hier: Ich möchte alle noch besser kennenlernen und mir die Aufgaben der Zukunft schnell – aber in Ruhe – anschauen, um dann zu priorisieren.

Wie ist Ihr Verhältnis zu anderen wirtschaftlichen Institutionen in der Stadt?

Gerade mit der Handwerkskammer gibt es seit jeher eine enge Verbindung – ob bei der dualen Berufsausbildung, bei der Erstellung der Wahlprüfsteine oder bei unzähligen weiteren gemeinsamen Initiativen. Auch mit VBKI und UVB haben wir viele gemeinsame Themen und Schnittmengen. Ich freue mich auf eine Fortsetzung der kons-truktiven Zusammenarbeit.