Schienenverkehr

Wo die Deutsche Bahn die digitale Zukunft ausprobiert

Die Deutsche Bahn will digitaler werden. Und schneller. In der DB Mindbox sucht der Konzern Kontakt zu schrägen Ideen der Gründerszene.

Der Blick in einen der drei umgebauten S-Bahn-Bögen an der Jannowitzbrücke in Berlin.

Der Blick in einen der drei umgebauten S-Bahn-Bögen an der Jannowitzbrücke in Berlin.

Foto: Reto Klar

Berlin.  Wie schön wäre es, am Bahnsteig zu stehen und schon vor Einfahrt des Zuges zu wissen, in welchem Wagen noch unreservierte Plätze frei sind und wo er hält. Wenn der Bahnsteig das anzeigen könnte, etwa mit einer grün leuchtenden Zahl. Und wer hat nicht schon einmal an einer geschlossenen Schranke zehn Minuten gewartet, ohne dass ein Zug kam? Auch diese Zeit lässt sich wahrscheinlich deutlich verkürzen – mit einem „Ohr“ an der Schiene.

Leuchtende Bahnsteige und Vibrationssensoren an Schienen sind Teil des großen Digitalisierungsprogramms, das Konzernchef Rüdiger Grube der Deutschen Bahn im Juni vergangenen Jahres verordnet hat. Das Konzept mit mehr als 250 Einzelprojekten geht weit über kostenloses WLAN in den Fernzügen und umfangreichere Bahnsteiganzeiger hinaus. Für den eher behäbigen Staatskonzern eine Art Revolution von oben: mehr Offenheit, mehr Service, mehr Experimentieren. Unter anderem in Berlin.

Kleine Änderung, sehr große Wirkung

Drei Bögen unter dem S-Bahnhof Jannowitzbrücke, draußen vor den großen Fenstern fließt die Spree. Alle paar Minuten rumpelt es, einige Meter höher fährt ein Zug. Sonst erinnern nur sehr dezent ein paar Gegenstände daran, dass die DB Mindbox eine Außenstelle der Deutschen Bahn ist. Ein Originalschild vom Lehrter Stadtbahnhof etwa oder die Verspätungstafel vom Bahnhof Zoo. Dass es manchmal nur einer ganz kleinen Änderung bedarf, um große Effekte zu erzielen, zeigt sich zum Beispiel an den Möbeln: Die Stühle etwa sind knallbunt bezogen und könnten jedes Start-up in der Hauptstadt zieren. „Standardbahnmobiliar“, sagt Frank Wolter, zuständig für Strategie, Infrastruktur und Dienstleistungen. „Wir haben sie nur bunt beziehen lassen.“

Und der Kicker, Standardausstattung jedes frisch gegründeten Digitalunternehmens? „Den hat irgendjemand mitgebracht“, sagt Onno Szillis lapidar. Er ist der Chef der DB Mindbox, der Lokomotive von Infrastruktur 4.0, jenes Teils von Grubes Strategie, der sich mit Schienen, Bahnhöfen, Energie beschäftigt. Darunter fällt ein mobiler Verkaufsstand genauso wie Sensoren, die an der Vibration der Schienen erkennen, wie weit ein Zug noch entfernt ist. Oder ein Elektro-Vespa-Verleih, der anhand der Mobilitätsdaten der Bahn sein Geschäftsmodell erweitern möchte.

Die Schnelligkeit fehlt noch etwas, daran arbeiten sie jetzt

Und immer geht es um Digitalisierung. „Stahl und Start-ups, Beton und Bytes“, fasst es Szillis zusammen. „Wie können wir die Infrastruktur, die Generationen überdauert, mit einer sich schnell wandelnden Welt, die immer online ist, verbinden?“ Es geht darum, wie die Bahn ihr Geschäft so anpassen kann, dass sie Kunden nicht mehr nur von A nach B transportiert. Und es geht vor allem um Tempo. „Sicherheit hat den höchsten Stellenwert bei uns“, sagt Wolter. „Was wir nicht gut können, ist, uns schnell zu ändern.“ Daran arbeiten sie jetzt.

Die 700 Quadratmeter der DB Mindbox sind da nur ein Teil des Planes, mit dem sich die Deutsche Bahn, die sich in den vergangenen Jahren eher mit Börsengang, Klimaanlagen- und Weichenproblemen beschäftigt hat, für die Zukunft aufstellen will. Sechs Felder hat Bahnchef Grube festgelegt: Für IT, Personal und Produktion gibt es Arbeitskreise, die sich regelmäßig treffen. Die Logistiker aus Essen haben mit dem Fraunhofer Institut in Dortmund ein Lager der Zukunft aufgebaut; in Schweden betreiben sie sogar ein Logistikzentrum, in dem Roboter die Regale transportieren und den Mitarbeitern so lange Wege ersparen. Das d.lab in Frankfurt/Main kümmert sich um Konzepte und Prototypen für den Personenverkehr. Die DB Mindbox konzen­triert sich darauf, Ideen von außen einzusammeln und zu fördern. Und die Bahn hat sich für Berlin als Standort entschieden, um vom Netzwerk in der deutschen Gründerhauptstadt zu profitieren.

Die Deutsche Bahn öffnet ihren Datenschatz

Das Team der DB Mindbox und die Start-ups sind zwar nahe genug an der Zentrale der Bahn, knappe drei Kilometer, um die Vorteile nutzen zu können, gleichzeitig aber weit genug weg, um nicht von der Trägheit gebremst zu werden, die ein Konzern mit 196.000 Mitarbeitern in Deutschland einfach hat. Das ist Absicht, wie Szillis sagt: „Der Vorstand gibt uns Freiheit.“

Da sind etwa die brachliegenden Datenmengen von Aufzügen, Bahnsteiganzeigern, Weichen. Allein Letztere liefern mehr als eine Milliarde Datensätze im Jahr. Bisher saß die Bahn auf den Daten. Unter data.deutschebahn.com kann nun jeder darauf zugreifen und damit zum Beispiel Apps programmieren. Die Bahn unterstützt dies. Vielleicht zeigt das, wie tief greifend der Wandel bei der Bahn doch ist: „Vor fünf Jahren haben wir jedem, der unsere Daten unrechtmäßig gehackt hat, mit Klage gedroht“, sagt Szillis.

Die Weiche meldet, wenn sie gewartet werden muss

Und jetzt gibt es „Hackathons“. Da sitzen dann etwa einige Programmierer 24 Stunden lang über den Daten, die die Bahnsteigaufzüge der deutschen Bahn ununterbrochen liefern. Am Ende kommen zwölf verschiedene Lösungen rund um die Aufzüge heraus. Was etwas merkwürdig klingt, betrifft eines der großen Ärgernisse für Reisende: ausgefallene Aufzüge. Und wenn sich aus den Daten ablesen lässt, dass ein Fehler droht, kann etwa der Techniker schon kommen, bevor der Aufzug ausfällt. Oder die Smartwatch zeigt, ob der Aufzug an der Station fährt.

Eingezogen in die S-Bahnbögen ist das Team rund um die DB Mindbox Ende Januar, vorher waren sie im Betahaus unter vielen anderen Start-ups untergekommen. Derzeit sind vier Gründerteams dabei, an ihren Produkten zu arbeiten. Siut aus Berlin etwa, die den leuchtenden Beton erfunden haben und jetzt sehen, wie er sich für die Bahn anpassen lässt. Oder eMio, ebenfalls aus Berlin, mit Elektro-Vespa-Sharing. Auch mit dabei ist naturtrip.org, wo Reiseziele ins Grüne angeboten werden, ausgehend von der Frage, wie viel Zeit derjenige hat, der einen Ausflug mit dem öffentlichen Nahverkehr machen will. Die App der kleinen Firma aus Berlin sucht zum Zeitbudget ein passendes Ziel und liefert die Anreisemöglichkeit mit. Nummer vier in der Runde ist Dynamic Components aus München. Das Team überlegt, wie die Sensordaten aus Weichen, Aufzügen und Betonschwellen zusammengeführt und nutzbar gemacht werden können.

Die intelligente Lichtsteuerung von Alumia wird bereits getestet

In der ersten Runde arbeitete Konux aus München in der DB Mindbox an einem Weichensensor. Sensivys aus Saarbrücken baute den Sensor für die Schiene, der erkennt, ob ein Güter- oder ein Personenzug anrollt und wie weit er entfernt ist, ob ein Baum aufs Gleis gefallen ist oder Personen auf der Strecke herumlaufen. Alumia aus Berlin entwickelte eine intelligente Lichtsteuerung für Bahnhöfe, die am Südkreuz getestet wird. Und Inabe aus Halle/Saale entwickelte eine App, die den Reisenden durch den Bahnhof lotst. „Wir holen uns spannende Ideen von außen und wollen sehen, ob die zu uns passen, sagt Szillis. Dafür gibt es Zugang zum Netz der Bahn. In der ersten Runde beteiligt sich die Bahn an den jungen Firmen bewusst nicht; nach den drei Monaten sind verschiedene Formen der Zusammenarbeit bis hin zur Beteiligung möglich.

Für jede Runde können sich Start-ups bewerben, eine Auswahl von 15 Firmen wird zur Kurzvorstellung eingeladen, eine Jury von Vertretern der Bahn und externen Spezialisten etwa vom Hightechgründerfonds wählt dann vier bis sechs aus, die sich drei Monate damit beschäftigen können, „ihre Idee auf Bahn zu drehen, statt sich für einen Investor hübsch zu machen“, wie Szillis sagt. Die Bahn stellt Büroraum, 25.000 Euro, den Zugang zum Bahnsystem und den Daten sowie einen Paten, der innerhalb des Konzerns die Türen öffnen kann. Und Scheitern ist in den drei Monaten erlaubt. Ausdrücklich.

Die Bahn lobt jetzt auch Challenges aus

Zusätzlich lobt die DB Mindbox noch Challenges (Herausforderungen) aus: etwa die Digitalisierung von Dokumenten und Plänen gemeinsam mit der TU Berlin. Es gibt Tausende Infrastrukturdokumente, die gescannt und in eine Datenbank überführt werden sollen. Nur: Wie kann man im Scan automatisch erkennen, was im Dokument steht? Und wie lassen sich die Dokumente systematisch auswerten und sortierbar machen? Im Idealfall übrigens taugt eine der Ideen der Start-ups so sehr, dass die Bahn die Zusammenarbeit verlängert. Wie bei Konux. Der Sensor wird gerade gemeinsam weiterentwickelt. Er soll bald Zugverspätungen wegen Weichenstörungen verringern.

Bewerbung Derzeit können sich interessierte Start-ups für die dritte Runde (den sogenannten Batch) in der DB Mindbox bewerben. Die Frist endet am 1. Mai. Informationen gibt es unter www.mindboxberlin.com im Internet.In dieser Runde geht es vor allem um neue Serviceideen und Läden für die Bahnhöfe. Wer es in die Endrunde schafft, darf seine Vorschläge in einem Bahnhof ausprobieren.