Berlin –

Fatale Konkurrenz von Klinik und Praxis

Patienten werden zu häufig in Krankenhäusern behandelt. Teuer ist das für die Versicherten

Berlin. Wer sich einen Leistenbruch zuzieht, der landet im Krankenhaus: 2,3 Tage verbringt der Patient in Deutschland im Durchschnitt in der Klinik. Die weitere Behandlung übernimmt dann der Facharzt in seiner Praxis. Wäre der Patient in den USA, Kanada oder in Dänemark erkrankt, wäre er ziemlich sicher gleich nach der Operation nach Hause geschickt worden.

Die scharfe Trennung zwischen Behandlung im Krankenhaus und in der Arztpraxis hat Tradition. Die Klinik ist für Notfälle und Operationen zuständig, der Arzt für die ambulante Therapie. Bei Bedarf schickt der Facharzt die Patienten ins Krankenhaus. Die Folge: Vieles wird doppelt gemacht – und kostet damit auch doppelt. Dieses Modell gefährde die Kranken und sei für alle viel zu teuer, heißt es im aktuellen Krankenhausreport der AOK.

Für Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt am Main, gleicht das deutsche Gesundheitswesen einem geteilten Land. Es gebe einen tiefen Graben zwischen stationärer Versorgung in der Klinik und ambulanter Behandlung in der Praxis, sagt Gerlach. Er spricht von einer Mauer, die „dringend wegmuss“. Schließlich übernehme kaum einer für Patienten die Gesamtverantwortung und schütze sie vor zu viel oder falscher Medizin.

Nur zögerlich bricht das festgefahrene System auf. Laut AOK-Report sind in den letzten drei Jahrzehnten rund 20 verschiedene ambulante Modelle an den Kliniken entstanden. Es geht vor allem um weniger schlimme Notfälle, aber auch um kleinere Operationen, beispielsweise Mandel-OPs. Allerdings gibt es kein einheitliches Regelwerk, das vorschreibt, wie etwa abgerechnet werden muss oder welche Qualitätsstandards gelten müssen.

Die Herausgeber des Reports beklagen einen Wildwuchs bei den Leistungen. „Die Politik muss handeln“, fordert Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. Patchwork und die „rituellen Verteilungskämpfe“ zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern seien nicht zielführend.

Knapp 80 Millionen Euro im Jahr kosten Klinikaufenthalte

Insgesamt landen jedes Jahr mehr als 19 Millionen Menschen im Krankenhaus. Durchschnittlich bleiben sie dort rund sieben Tage. Laut Report nahmen die Fallzahlen vor allem in Hamburg, Berlin und Nordrhein-Westfalen zu. Die Experten rechnen mit Gesamtkosten für die Krankenhäuser pro Jahr von mehr als 76 Milliarden Euro. Durchschnittlich kostet ein Behandlungsfall rund 4000 Euro.

Kosten, die die Krankenkassen gerne reduzieren würden. Denn ihre Ausgaben steigen, und damit die Belastungen für die Versicherten. Anfang 2016 hatten mehr als 70 Kassen der rund 117 gesetzlichen Krankenkassen ihren Zusatzbeitrag erhöht. Die Sorge, dass die hohe Zahl der Flüchtlinge die Beiträge in die Höhe treiben werden, teilen die AOK-Experten nicht. Derzeit gebe es noch keine belastbaren Zahlen über die Zahl der Flüchtlinge, die in der gesetzlichen Krankenversicherung landen werden, sagt Jürgen Wasem, Professor für Medizinmanagement. Mindestens die ersten 15 Monate sind die Kommunen für die Finanzierung der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge zuständig. Danach entscheide der Status, wer die Kosten übernimmt.

Von einem Abwälzen der Kosten auf die Beitragszahler könne daher keine Rede sein. Die „Frankfurter Rundschau“ hatte hingegen berichtet, dass bereits 2016 eine Lücke von mehreren hundert Millionen Euro entstehen werde, weil der Bund für Flüchtlinge und andere Hartz-IV-Empfänger viel zu geringe Krankenkassenbeiträge überweist. 2017 werde das Loch dann bereits auf über eine Milliarde Euro anwachsen.