Berlin/Wolfsburg –

Was wusste Martin Winterkorn?

Unterlagen deuten an, dass dem VW-Chef der Abgasbetrug früher als behauptet bekannt war

Berlin/Wolfsburg.  Verschiedene Ermittler arbeiten sich gerade durch Aktenordner voller Mails, Vermerke und vertraulicher Unterlagen, um herauszufinden, wer für den Abgasskandal bei VW und den Betrug mit der Schummelsoftware in Dieselmotoren verantwortlich ist. Neben der Schuldfrage ist für Konzernrevision, die US-Kanzlei Jones Day und die Braunschweiger Staatsanwaltschaft immer noch nicht klar, wann die Konzernspitze von der Schummelsoftware erfahren hat. Interne Papiere legen jetzt nach Informationen der „Bild am Sonntag“ nahe, dass Konzernchef Martin Winterkorn bereits im Mai 2014 Kenntnis gehabt haben könnte – fast eineinhalb Jahre, bevor die Affäre öffentlich wurde.

In einer Notiz an Winterkorn hatte demnach damals ein Vertrauter darüber berichtet, dass US-Behörden bei Stickoxidmessungen überhöhte Werte festgestellt hätten. Sie lägen bis zum 35-Fachen über den Grenzwerten. „Es ist zu vermuten, dass die US-Behörden die VW-Systeme daraufhin untersuchen werden, ob Volkswagen eine Test­erkennung in die Motorsteuergeräte-Software implementiert hat (sogenanntes Defeat Device)“, zitiert die Zeitung. Unklar ist allerdings, ob Winterkorn das Schreiben wirklich gelesen hat. Geschehen ist nach Mai 2014 recht wenig. Durchgegriffen hat die Konzernspitze damals jedenfalls nicht.

Die VW-Motorenentwicklung hatte sich den Unterlagen der „Bild am Sonntag“ zufolge zu diesem Zeitpunkt bereits intensiv Gedanken über den Umgang mit den US-Behörden und deren Messwerten gemacht: „Kommentarlose Anerkennung oder Ignorierung der Ergebnisse“, heißt es in einem Bericht aus dem April 2014. Demnach wurde schon damals das Angebot eines Software-Updates erwogen, dadurch sei eine Reduzierung der Emissionswerte zu erreichen, „jedoch keine Einhaltung der Grenzwerte“. Die Motorenentwicklung denke sogar über den „Rückkauf von Fahrzeugen“ nach.

Im Mai 2014 ist das offenbar auch Thema in einer E-Mail an VW-Amerika-Chef Michael Horn: Dort geht es der Zeitung zufolge um „monetäre Strafen“. Eine Idee: „Fahrzeuge zurückkaufen und außer Landes bringen“. Der Schreiber der Mail warnt, die US-Behörden könnten Schummelsoftware mit eigenen Tests entdecken.

So kommt es dann auch. Und weil sich der Konzern aus Wolfsburg wenig kooperativ zeigt, gehen die Umweltbehörden von Kalifornien (Carb) und der USA (EPA) damit am 18. September 2015 an die Öffentlichkeit. Der Konzern muss den Betrug zugeben. Der Aktienkurs bricht dramatisch ein. Fünf Tage später tritt Konzernchef Martin Winterkorn zurück, beteuert aber, sich keines Fehlverhaltens bewusst zu sein, und zeigt sich erschüttert, dass so etwas möglich gewesen sei.

Nachfolger wird Porsche-Chef Matthias Müller. VW stellt 6,7 Milliarden Euro zurück, um die Krise zu bewältigen. Wegen der Folgen der Affäre muss der Konzern sogar seine Bilanzvorlage und die Hauptversammlung verschieben. Gegen VW wird in mehreren Ländern ermittelt, in den USA laufen mehrere Sammelklagen. Es drohen Milliardenstrafen. Die Mitarbeiter bangen um ihre Arbeitsplätze.

Weltweit hat Volkswagen in elf Millionen Fahrzeugen weltweit, davon 2,7 Millionen Autos in Deutschland, Dieselmotoren eingebaut, die mit der Schummelsoftware ausgestattet sind. Anfang Februar hat das Unternehmen in Deutschland begonnen, die fehlerhaften Motoren zu reparieren.

VW und Winterkorn äußerten sich nicht zu den neuen Vorwürfen. Der Konzern will in der zweiten Aprilhälfte einen Bericht vorlegen.