Berlin –

Twitter verliert Millionen Nutzer

Quartalszahlen des Nachrichtendienstes irritieren Anleger. Hoffnungsschimmer gibt es kaum

Berlin. Twitter-Gründer und -Chef Jack Dorsey konnte bei der Vorstellung der Quartalszahlen nichts Positives verkünden. Denn sein Kurznachrichtendienst verliert rasant an Nutzern: Twitter meldete für das vierte Quartal des vergangenen Jahres 305 Millionen aktive Nutzer, wenn man die Abonnenten eines SMS-Dienstes herausrechnet. Das war ein Rückgang von zwei Millionen Nutzern binnen drei Monaten. Analysten hatten dagegen einen Zuwachs von zwei Millionen erwartet.

Das Unternehmen gab außerdem bekannt, dass es im vergangenen Quartal einen Verlust von 90,2 Millionen Dollar verzeichnen musste, nach einem Minus von 125,3 Millionen ein Jahr zuvor. Im gesamten Jahr verlor Twitter wieder mehr als eine halbe Milliarde Dollar.

Die Twitter-Aktie büßte in den vergangenen zwölf Monaten mehr als zwei Drittel ihres Werts ein und erreichte ein Rekordtief von 14,32 Dollar . Der Ausgabepreis beim Börsengang 2013 hatte bei 26 Dollar gelegen.

Die Anleger sind nicht zufrieden mit dem Wachstum der Nutzer

Nun sind 305 Millionen Nutzer eine hohe Zahl, doch ist der Anspruch an Internetfirmen aus dem Silicon Valley auch ein besonders hoher. Die Konkurrenz ist namhaft. Mark Zuckerbergs Facebook wird von 1,4 Milliarden Menschen mindestens einmal im Monat besucht, eine Milliarde verschickt Nachrichten beim Kurznachrichtendienst WhatsApp. Mittlerweile zeigen 400 Millionen Nutzer ihre Fotos auf Instagram. Und „nur“ 300 Millionen User hingegen senden pro Monat mindestens einen Tweet. Aber nicht nur Anleger sehen sich in ihrem Glauben an den Kurznachrichtendienst erschüttert.

Twitter ist seit Jahren um Ideen verlegen, die mehr Wachstum möglich machen und das Netzwerk aus dem Nischendasein holen könnten. Jack Dorseys jüngste Entscheidungen wurden mehrheitlich als konzeptlos interpretiert. Ende Oktober entließ er beinahe zehn Prozent der Belegschaft, er kündigte an, einen Verzicht auf die Tweet-Obergrenze von 140 Zeichen zu testen. Und bei den von Nutzern als „Favoriten“ markierten Tweets wurde das Symbol von einem gelben Stern auf ein rotes Herz geändert. Zuletzt hagelte es Kritik seitens der Twitter-Community, nachdem die Website „Buzzfeed“ berichtet hatte, der Dienst wolle eine neue Sortierung einführen, bei der die einzelnen Tweets nach Relevanz-Algorithmen angeordnet werden statt wie bisher einfach nacheinander. Das Schlagwort #RIPTwitter („Ruhe in Frieden, Twitter“) machte daraufhin die Runde.

Ein Abgesang auf Twitter wäre sicherlich verfrüht. Aber die Diskussion zeigt das Dilemma von Twitter. Vielen gilt Twitter als zu schnell, zu unübersichtlich, weniger kommunikativ, weniger sexy als andere Netzwerke mit ihren Kommentarfeldern und weichgezeichneten Bildern. Dieser Eindruck ist es auch, der viele Nutzer dazu bringt, ihre ­Accounts verstauben zu lassen. Deutlich größer als bei anderen Netzwerken ist die Zahl der Karteileichen, der ungenutzten Benutzerkonten.

Um Geld zu verdienen, will Twitter von Unternehmen bezahlte Tweets in den Nachrichtenstrom der Nutzer einschleusen. In den Anfangszeiten verzichteten die Gründer ganz auf Werbung, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Jetzt tauchen zumindest in den offiziellen Apps von Twitter und der Webversion von Unternehmen bezahlte Tweets auf – zum Ärger gerade vieler „Power-User“, die kein Interesse daran haben.

Versiegt der Zustrom neuer Nutzer, kann das zu einem großen Problem für Twitter werden – denn es gibt Grenzen dafür, wie viel Werbung man den bestehenden Mitgliedern zumuten kann. „Unsere Arbeit wird Zeit brauchen“, räumte Verwaltungsratschef Omid Kordestani denn auch etwas kleinlaut ein.