Buchbesprechung

„Europa 5.0“: Wachstumsperspektiven statt Crashtheorien

Finanzexperten legen ein neues Geschäftsmodell für Europa vor. Ein Buch, das wenig zu tun hat mit gern gedruckten Untergangsszenarien.

Drei Finanzexperten präsentieren ihre Vision für die wirtschaftliche Zukunft Europas. Die EZB in Frankfurt (rechtes Gebäude) bleibt ein wichtiger Baustein.

Drei Finanzexperten präsentieren ihre Vision für die wirtschaftliche Zukunft Europas. Die EZB in Frankfurt (rechtes Gebäude) bleibt ein wichtiger Baustein.

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Frankfurt.  Wenn ein Buch über Europa mal nicht mit der Empfehlung endet, der Leser möge nach Panama auswandern, wenn nicht davon die Rede ist, dass der Euro unweigerlich auseinanderbrechen müsse und Europa als Auslaufmodell ohnehin am Ende sei, dann ist das eigentlich ein gutes Zeichen. Das Problem: Untergangsszenarien und Crashpropheterien verkaufen sich exzellent in Zeiten der Eurokrise. Weniger reißerische und dafür konstruktivere Beiträge sollten aber auch ihre Chance erhalten.

„Europa 5.0“ ist das Merkel’sche „Wir schaffen das“ in Bezug auf den Wirtschaftsraum Europa. Im Unterschied zur Kanzlerin und ihrem Umgang mit der Flüchtlingskrise listet das Buch aber akribisch Lösungsvorschläge auf. Es geht darum, „Ein Geschäftsmodell für unseren Kontinent“ zu etablieren und über die Krise hinaus Wachstum und Wohlstand zu sichern.

Lebenswege der Autoren kreuzten sich bei der Deutschen Bank

„Europa 5.0“ ist von drei Autoren geschrieben worden. Luc Frieden arbeitet für die Deutsche Bank in London und bringt als ehemaliger Finanz- und Justizminister Luxemburgs viel politische Expertise ein. Nicolaus Heinen leitet die Abteilung „Global Intelligence Service“ beim Gasehersteller Linde, und Stephan Leithner steigt kommenden Monat bei der Beteiligungsgesellschaft EQT ein. Die Lebenswege der drei kreuzen sich bei der Deutschen Bank, deren Europageschäft Leithner lange Zeit vorsaß. Leithner war der erste Vorstand, der nach der Übernahme des CEO-Postens durch John Cryan gehen musste. Nicolaus Heinen war Europavolkswirt der Deutschen Bank und stets ein flammender Befürworter der europäischen Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Heinen an der Eurokrise abarbeitet. Vor knapp zwei Jahren erschien sein Buch „Mut und Wille: Wie wir Europas Blockade lösen“.

Der Bankenhintergrund der Autoren ist „Europa 5.0“ durchaus anzumerken, wie später noch ersichtlich sein wird. Der Lesbarkeit tut dies keinen Abbruch. Das Buch ist flüssig und ohne zu viel Fachchinesisch geschrieben. Am Anfang steht eine Bestandsaufnahme. Wie ist es zur Krise in Europa gekommen, wie wurde sie bekämpft? Die Ausgangsposition ist alles andere als ermutigend. Niedrige Zinsen, schwaches Wachstum und ein angeschlagener Binnenmarkt werden als die Altlasten der Zukunft bezeichnet.

Die Wirtschaft sollte stärker auf Export getrimmt werden

Die Lösungen, die zum neuen Geschäftsmodell führen sollen, beginnen damit, die Altlasten zu überwinden. Dazu gehört es nach Meinung der Autoren, die Wirtschaft stärker auf Export zu trimmen. Als Beispiel sollen Deutschland, die Niederlande, Österreich und Luxemburg dienen. Die Notwendigkeit wird mit dem demografischen Faktor begründet. „Alternde Volkswirtschaften müssen (...) ihr Wachstum langfristig aus jenen Ländern und Märkten importieren, die eine bessere Demografie aufweisen“, heißt es. Also eine jüngere Bevölkerung.

Dass dazu Handelsabkommen nötig sind, scheint auf der Hand zu liegen. Der umstrittene TTIP-Vertrag zwischen Nordamerika und der EU gilt den Autoren als eines der Heilmittel. Gut ist, was Wachstum schafft, so die Devise des Buches. Dass die Verhandlungsprozesse wenig mit Demokratie zu tun haben, spielt dagegen keine Rolle.

Digitalisierung und die auf der letztjährigen Hannovermesse beschworene „Industrie 4.0“, also das Zusammenwachsen von klassischer Industrie und Internet gelten als die Wachstumsmotoren schlechthin. „Europa 5.0“ setzt auch auf stärkere Kooperationen europäischer Unternehmen. Dafür allerdings sie ein kontinuierlicher Reformprozess nötig.

Nachhaltiges Wachstum ist möglich – langfristig

Anhand einiger Fallbeispiele macht das Buch deutlich, dass die Politik durchaus in der Lage ist, Veränderungen anzustoßen, sei es Schröders Agenda 2010, sei es der Wassenaar-Prozess in den Niederlanden der 80er Jahre.

Als weiteren Baustein nennt das Buch den Wohlstand in der Bevölkerung. „Das aktuelle Niedrigzinsumfeld und die ungleiche Teilhabe an Wertsteigerungen von Immobilien und Aktien erschweren die private Vermögensbildung für breite Teile der Bevölkerung“, heißt es. Die Lösung soll eine vollständige Kapitalmarktunion in der EU bringen. Die Staaten sollen über Anreize zusätzlich die private Vorsorge fördern.

Es steckt viel Markt in „Europa 5.0“. Die Politik soll die Rahmen schaffen, die Wirtschaft soll es richten. Damit ist das Buch ein Gegenentwurf zu den derzeit herrschenden Trends, alle Entwicklungen regulieren zu wollen, nachdem die Finanzkrise das Pendel von einer stark neo-liberal geprägten Wirtschaftspolitik hat zurück schlagen lassen. Das mag man befürworten oder ablehnen. In jedem Fall zeigt das Buch auf, dass nachhaltiges Wachstum erreicht werden kann, wenn es gelingt die Krise nicht nur kurzfristig zu überwinden, sondern langfristige Perspektiven zu schaffen. Insofern ist „Europa 5.0“ ein positiver Beitrag zu einer Debatte, die sonst eher von Kulturpessimisten geführt wird.

Luc Frieden, Nicolaus Heinen, Stephan Leithner: “Europa 5.0: Ein Geschäftsmodell für unseren Kontinent.” Gebundene Ausgabe. ISBN 978-3593505411. 29,95 Euro.