Berlin –

Praktikanten bekommen deutlich mehr Geld

Bezüge steigen dank Mindestlohn. Den meisten jungen Menschen ist Berufserfahrung wichtiger als Bezahlung

Berlin.  Praktikanten galten lange Zeit als die Mitarbeiter, die am schlechtesten bezahlt werden und am längsten arbeiten müssen. Es entstand der Begriff der „Generation Praktikum“, die sich von einem schlecht bezahlten Job zum nächsten hangeln muss. Inzwischen aber hat sich die Lage an der Praktikantenfront etwas entspannt und zwar nicht nur, weil es weniger Schul- und Universitätsabsolventen gibt. Auch der seit einem Jahr geltende Mindestlohn hat die Konditionen deutlich verbessert.

Vollwertige Mitarbeiter sind Praktikanten noch immer nicht, dafür fehlen ihnen oft Erfahrung und Ausbildung: Der typische Praktikant ist zwischen 23 und 25 Jahre alt. Aber zumindest die Bezahlung hat sich spürbar erhöht. So verdiente der durchschnittliche Praktikant im vergangenen Jahr rund 950 Euro im Monat, wie aus einer Untersuchung der Unternehmensberatung Clevis mit der Stellenbörse Absolventa hervorgeht, die der Berliner Morgenpost vorliegt. Das ist eine Steigerung um fast 100 Euro – verglichen mit den rund 860 Euro, die es im Schnitt 2014 gab. Deutlicher fällt der Gehaltssprung bei den Praktikanten aus, die einen Rechtsanspruch auf den Mindestlohn haben. Sie verdienten im Schnitt 1240 Euro im Monat. Die Bezahlung variiert je nach Branche zum Teil deutlich.

Am meisten gab es für Praktikanten der Untersuchung zufolge bei Unternehmensberatern und Wirtschaftsprüfern mit 1382,90 Euro brutto. Am zweitmeisten zahlten Unternehmen der Konsumgüterindustrie mit 1380,43 Euro. Den größten Gehaltszuschlag gönnten die Personaldienstleister den Mitarbeitern auf Zeit: Nach 602 Euro 2014 erhielten Praktikanten im vergangenen Jahr im Schnitt 1334,05 Euro – 732,05 Euro mehr. Mit 700 Euro vergüteten Vereine und Nichtregierungsorganisationen die Arbeit am schlechtesten.

Die Bezahlung von Praktika war einer der großen Streitpunkte vor Einführung des Mindestlohns. Seit dem 1. Januar 2015 gilt nun: Den Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro pro Stunde bekommt nur, wer älter als 18 Jahre ist und freiwillig ein Praktikum macht, das außerdem länger dauern muss als drei Monate. Umgekehrt gilt: Für Praktika, die zur Ausbildung in der Schule oder an der Universität dazugehören, gibt es keinen Mindestlohn. Auch Praktikanten, die weniger als drei Monate lang arbeiten und dies auf eigene Initiative hin neben ihrer Ausbildung tun, gehen leer aus.

Zahlen die Arbeitgeber Praktikanten also einfach freiwillig mehr Geld? So einfach ist es nicht. Wie die Unternehmensberater herausgefunden haben, werden die Praktikumszeiten nämlich kürzer. Das heißt: Die Firmen setzen offenbar auf Arbeitsverhältnisse, die vom Mindestlohn ausgenommen sind. Konkret: Der Anteil der dreimonatigen Praktika, für die weniger als 8,50 Euro Stundenlohn gezahlt werden muss, verdoppelte sich.

Die Dauer der Praktika hat sich spürbar verkürzt

Nun dauert jedes fünfte Praktikum nur drei Monate. Bisher war es nur jedes zehnte. Die durchschnittliche Praktikumszeit dauert zwar noch immer etwas mehr als fünf Monate – aber auch das ist weniger als noch vor einem Jahr. Damals waren es noch sechs Monate. Ob die Unternehmen wegen des Mindestlohns insgesamt weniger Praktika anbieten, darüber gibt die Studie keine Auskunft.

Eines aber scheint sich nicht geändert zu haben: Praktikanten sind bereit, viel und lange zu arbeiten. Die durchschnittliche Arbeitszeit geben sie mit 39 Stunden an – das ist deutlich mehr als die in Tarifverträgen vereinbarte Wochenarbeitszeit vieler Branchen. Knapp 40 Prozent der Praktikanten geben sogar an, regelmäßig Überstunden zu leisten. Praktikanten in Unternehmensberatungen arbeiten fast 44 Wochenstunden, in der Konsumgüterindustrie sind es fast 41 Stunden. Im Maschinenbau und in der Finanzbranche sind die Zeiten mit 37 oder sogar 36,5 Stunden dagegen relativ kurz.

Diese Arbeitszeiten passen zu der Motivation, die die meisten Befragten als Grund für das Praktikum angegeben haben. Drei von vier Nachwuchskräften finden es der Untersuchung zufolge wichtiger, Erfahrungen im Beruf zu sammeln, als angemessen Geld zu verdienen.

Dass der Mindestlohn auch für Praktikanten gilt, finden die meisten gut. Mehr als 80 Prozent der Befragten meinen auch, der Mindestlohn für Praktikanten gehöre zu einem fairen Arbeitgeber dazu. Aber nur 60 Prozent finden es wichtig, dass ein Unternehmen ihnen dann auch tatsächlich die geltenden 8,50 Euro Stundenlohn zahlt.

„Unsere Studie zeigt, dass die Gründe für ein Praktikum in erster Linie darin liegen, zu lernen, den eigenen Lebenslauf aufzuwerten sowie die betreffende Branche kennenzulernen“, sagt Kristina Bierer, die bei Clevis Consult die Untersuchung leitete. „Die Gehaltsfrage spielt nur eine untergeordnete Rolle.“

Clevis Consult und Absolventa befragten zwischen April und September 2015 mehr als 6200 Studenten und Berufseinsteiger. Absolventa gehört zur Funke Mediengruppe, in der auch die Berliner Morgenpost erscheint. Die Studie wird an diesem Donnerstag veröffentlicht.