Berlin –

Start-up-Hauptstadt Europas: Berlin hängt London ab

2,14 Milliarden Euro Risikokapital flossen in 183 Unternehmen

Berlins Start-up-Szene hat im vergangenen Jahr einen deutlichen Entwicklungsschub erlebt. Risikokapitalgeber pumpten 2015 insgesamt 2,14 Milliarden Euro in 183 junge und wachsende Unternehmen der Hauptstadt. Im Vorjahr wies das Start-up-Barometer der Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) 891 Millionen Euro Venture-Capital aus. Manche Firmen kamen sogar mehrfach in den Genuss frischen Geldes. Insgesamt gab es 205 Finanzierungsrunden, im Vorjahr waren es 111. In Deutschland ist Berlin mit diesen Zahlen absolut dominierend und auch unter Europas Metropolen liegt die Stadt weit vorne.

Insgesamt zogen deutsche Gründer im Vorjahr 3,1 Milliarden Euro Risikokapital an. 70 Prozent davon flossen also nach Berlin. Hamburg folgt mit knapp 300 Millionen Euro auf Platz zwei, Bayern (258 Millionen Euro) und Baden-Württemberg (211 Millionen Euro) liegen dahinter. Deutschland insgesamt gerät damit immer stärker in den Blick der Kapitalgeber, die nach aussichtsreichen Unternehmen für die Zukunft suchen. Die 3,1 Milliarden Euro 2015 bedeuten eine Verdoppelung der Investitionssumme von 2014 und fünfmal mehr als 2013. Als Venture-Capital oder Risiko-Kapital bezeichnet man eine direkte Beteiligung von Investoren an einem aussichtsreichen Unternehmen. Das Geld wird meistens für Wachstum, technische Weiterentwicklung und Marketing eingesetzt.

Die Geldgeber rechnen damit, dass manche Projekte auch scheitern und ihr Einsatz verloren geht. Sie setzen aber darauf, dass einige Firmen groß werden und nach einigen Jahren ein Weiterverkauf etwa über die Börse erhebliche Gewinne einbringt. Diese Art der Finanzierung von jungen Unternehmen war bisher vor allem in den USA üblich.

Junge Technologie-Unternehmen sind lohnende Investitionsziele

„Deutsche und ausländische Investoren nehmen deutsche Internet- und Technologie-Start-ups ins Visier“, so Peter Lennartz, Partner bei Ernst & Young. Wachsende Risikobereitschaft und Anlagedruck sowie starke Schwankungen an den Aktienmärkten und niedrige Zinsen würden junge Technologieunternehmen zu reizvollen Investitionszielen machen. Zwei Drittel der Deals lagen unter fünf Millionen Euro.

In ganz Europa hat sich das Engagement der Wagniskapitalgeber deutlich erhöht. Die eingesetzte Summe stieg von 7,5 Milliarden Euro 2014 auf 11,7 Milliarden Euro ein Jahr später. Auf Deutschland entfiel der größte Anteil, wenn auch Großbritannien bezogen auf die Einwohnerzahl etwas besser abgeschnitten hat.

Dass Berlin aber annähernd jeden fünften Euro des in Europa ausgeteilten Wagniskapitals auf sich gezogen hat, macht deutlich, wie weit die Stadt auf dem Weg zum Silicon Valley des alten Kontinents gekommen ist. International hat sich Berlin gegenüber anderen Standorten abgesetzt. 2014 hatte London noch mehr Investitionsrunden verzeichnet, wenn auch beim eingesetzten Kapital Berlin schon knapp an der Spitze lag. Mit seinen 2,14 Milliarden Euro eingesammelten Kapital hat die deutsche Hauptstadt London jedoch 2015 deutlich abgehängt. Für London kommen die Marktbeobachter auf 1,77 Milliarden Euro Investitionssumme in 132 Finanzierungsrunden. Auf den weiteren Plätzen folgenden Stockholm, Paris, Hamburg, München und Zürich, wobei sich ein erheblicher Abstand auftut.

Der Erfolg Berlins im Jahr 2015 erklärt sich ein Stück weit aus den Branchen, die in diesem Jahr mit Geldsegen bedacht wurden. Ganz vorne in Deutschland lagen Konsumentendienstleister und Onlinehändler, die in Berlin sehr stark vertreten sind. Diese Branche konnte weit mehr als jeden zweiten in Deutschland investierten Euro vereinnahmen. Es folgten Finanzdienstleister, Big-Data-Analysten und Gesundheitsanwendungen. Die Ernst & Young-Studie macht aber auch deutlich, dass Risikoinvestments in den Themen Energie, Mobilität und Industrieprodukte noch rar gesät sind. Berlins Spitzenposition wird getrieben durch Finanzierungsrunden von Ablegern der Berliner Start-up-Schmiede Rocket Internet. So sammelte der Essenslieferdienst Delivery Hero, der in Deutschland unter Lieferheld firmiert, fast 600 Millionen Euro ein. Auch der Kreditvermittler Zencap erhielt eine dreistellige Millionensumme, ebenso wie der Koch-Abonnement-Versender Hello Fresh und die Konkurrenz von Foodpanda.

Trotz dieser Finanzierungsrunden für einige seiner Gründungen ist die Aktie von Rocket Internet unter Druck. Seit Jahresbeginn verlor das Papier weiter und war am Donnerstag noch gut 18 Euro wert, weit weniger als der Ausgabekurs von 42,50 Euro aus dem Oktober 2014. Dennoch gelang es Rocket-Gründer Oliver Samwer, selbst frisches Kapital einzusammeln. Der Rocket Internet Capital Partners Fund schoss 385 Millionen Euro für frische Investitionen zu.