Peking –

Deutsche Exporteure in Sorge um China

Volksrepublik meldet mit 6,9 Prozent das schwächste Wirtschaftswachstum seit 25 Jahren

Peking.  Wie Chinas Statistikamt am Dienstag bekannt gab, ist die chinesische Wirtschaft 2015 um 6,9 Prozent gewachsen – so wenig wie seit mehr als 25 Jahren nicht. Die chinesische Führung selbst hatte vor einem Jahr ein Wachstumsziel von sieben Prozent ausgegeben. Das ist das erste Mal, dass China das von der Regierung selbst gesteckte Ziel knapp verfehlt.

China war viele Jahre lang vor allem durch den Bau immer neuer Industrieanlagen, Autobahnen, Containerhäfen und Hochhaussiedlungen gewachsen. Doch angesichts der weltweit sinkenden Nachfrage vor allem nach Stahl, aber auch zahlreicher Industrieprodukte sind viele Unternehmer nicht mehr ausgelastet und leiden unter Überkapazitäten. Schon seit einiger Zeit versucht die chinesische Führung, die Wirtschaft umzubauen und setzt stattdessen auf mehr inländischen Konsum und den Dienstleistungssektor. Das gelingt aber nur bedingt. „Ein Blick auf die einzelnen BIP-Komponenten verdeutlicht die Transformation der chinesischen Wirtschaft hin zu einem von mehr Konsum getriebenen Modell“, urteilt Commerzbank-Experte Zhou Hao. Seiner Einschätzung nach hat der Konsum 2015 bereits zu zwei Drittel zum Gesamtwachstum beigetragen.

Doch einige zentrale Reformen zum Umbau der chinesischen Wirtschaft sind im vergangenen Jahr gescheitert. Vor allem Chinas Aktienmärkte sollten 2015 zum Sprung ansetzen und so funktionieren wie die Börsen in New York, Hongkong und London. Doch als im Sommer an den chinesischen Aktienmärkten eine Blase platzte und die chinesische Führung in alter Manier versuchte, mit Verkaufsverboten und anderen Restriktionen einen weiteren Kursverfall zu stoppen, sorgte sie für noch mehr Unruhe. Inzwischen nähern sich die Kurse den Werten von Mitte 2014 an, bevor die Reformen begannen.

Clemens Fuest, der künftige Chef des renommierten Ifo-Instituts hat erst vor ein paar Tagen in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters gewarnt, dass Chinas konjunkturelle Pro­bleme verstärkt auch der deutschen Exportwirtschaft zusetzen könnten. Das Reich der Mitte sei inzwischen viertwichtigster Exportmarkt für deutsche Unternehmen. Der Ökonom rechnet damit, dass die deutschen Exporteure sich verstärkt auf anderen Märkten umschauen müssten. Im vergangenen Jahr dürften die Ausfuhren nach China erstmals seit 1997 gesunken sein. Allein die Maschinen- und Anlagenbauer verzeichneten ein Minus von knapp sechs Prozent. „Wir erwarten in diesem Jahr aus China keine wesentlichen Wachstumsimpulse für unsere Exporte“, sagte der Chefökonom des Branchenverbands VDMA, Ralph Wiechers.

In China werden derweil große Infrastrukturprojekte angeschoben. Zwar bestreitet die chinesische Führung, aktive Konjunkturhilfe zu leisten, doch allein seit Anfang des Jahres hat die staatliche Planungsbehörde neue Strecken für Hochgeschwindigkeitszüge und Autobahnen im Wert von über 35 Milliarden US-Dollar genehmigt, nachdem sie zum Jahresende bereits Projekte in Höhe von rund 70 Milliarden Dollar bewilligten.

Dazu passt, dass die staatlich kon­trollierten Banken bereits seit einigen Monaten die Kreditschraube wieder deutlich gelockert haben. Allein 2015 haben die chinesischen Banken Kredite in Höhe von umgerechnet mehr als 1,8 Billionen Dollar vergeben. ABC-Ökonom Yu warnt vor einem Abnutzungseffekt bei der Ausgabe von noch mehr billigem Geld. Die Milliarden würden nur wenig für zusätzliches Wachstum sorgen. Er empfiehlt stattdessen, marode Betriebe zu schließen und auf diesem Wege Überkapazitäten abzubauen. Kurzfristig sei das vielleicht schmerzhaft, mittelfristig würde das zu einem sehr viel gesünderen Wachstum beitragen.

An den Finanzmärkten kamen die Daten dennoch gut an. „Böse Überraschungen oder gar die gefürchtete harte Landung blieben aus“, sagte NordLB-Analyst Frederik Kunze. Die Kurse an den Börsen in Asien und in Deutschland legten zu. Investoren rechnen mit mehr Konjunkturstützen durch Regierung und Notenbank. Letztere pumpte erst am Montag rund 7,7 Milliarden Euro ins Bankensystem und bemüht sich, die Landeswährung Yuan wieder zu stabilisieren.