Davos –

Von Superreichen und den Rettern der Welt

Ab Mittwoch treffen sich im Schweizer Bergort Davos wieder die wichtigsten Entscheider. Es geht vor allem um Flüchtlinge

Davos.  Wie reich kann ein Mensch sein? Die internationale Hilfsorganisation Oxfam hat eine Antwort, die viel über die Lage in der Welt und die Probleme derzeit aussagt: Die 62 reichsten Menschen der Welt besitzen mittlerweile so viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – mehr als 1,61 Billionen Euro. Im vergangenen Jahr teilten sich diese Summe noch 80 der reichsten Menschen. Armut und die ungleiche Verteilung von Vermögen auf der Welt sind auch einige der Hintergründe der weltweiten Flüchtlingswelle, eines der wichtigsten Themen beim Weltwirtschaftsforum im Schweizer Davos, das am Mittwoch beginnt – auch wenn es dort offiziell vor allem um die Digitalisierung und die vierte industrielle Revolution gehen soll.

Oxfam zufolge nimmt die soziale Ungleichheit dramatisch zu. In den vergangenen fünf Jahren habe sich das Vermögen der wohlhabendsten Menschen um 44 Prozent erhöht, während der Besitz der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung um 41 Prozent schrumpfte. Die Weltbevölkerung wuchs demnach im gleichen Zeitraum um 400 Millionen.

Bundespräsident Gauck redet zur Eröffnung

Die Spezialisten der Hilfsorganisation werteten den „Wealth Reports 2015“ der Schweizer Großbank Credit Suisse aus. Und sie benennen Ursachen für die Ungleichverteilung: Große Vermögen und Kapitalgewinne würden unzureichend besteuert; Konzerne – die auch das Wirtschaftsforum finanzieren – verschöben Profite in Steueroasen.

Ob Oxfam die Teilnehmer des Wirtschaftsforums nachhaltig beeinflusst, ist unklar. Die Hilfsorganisation legt ihre Analyse jedes Jahr vor Beginn des Treffens in Davos vor. Weltweit gibt es nur wenige Ereignisse, die derart viele Entscheider aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik besuchen. Insgesamt werden mehr als 2500 Teilnehmer erwartet. Zugesagt haben zum Beispiel Eric Schmidt, Verwaltungsratschef der Google-Mutter Alphabet, GM-Chefin Mary Barra und Microsoft-Topmanager Satya Nadella. Zudem sind mehr als 40 Staats- und Regierungschefs vor Ort, darunter die Premierminister David Cameron (Großbritannien), Ahmet Davutoglu (Türkei) und Benjamin Netanjahu (Israel). Aus den USA hat sich Vizepräsident Joe Biden angekündigt. Dabei sein sollen auch Schauspieler Leonardo DiCaprio und Forumsdauergast Bono, Sänger der irischen Gruppe U2.

Das beste Zeichen für die Verlagerung des Interesses weg von der vierten digitalen Revolution hin zu drängenderen Themen ist die Rede, die Bundespräsident Joachim Gauck am Eröffnungstag im Kongresszentrum halten wird. Viel hat die Pressestelle des Bundespräsidialamtes bislang nicht mitgeteilt. Aber klar ist, dass Gauck über Flucht, Migration und Wohlstand reden will. Dabei wird es vermutlich nicht an ein paar eindringlichen Mahnungen an die Bundesbürger, aber auch die anwesenden Spitzenpolitiker mangeln.

Denn die Herausforderungen, die die aktuellen Fluchtbewegungen nach Europa mit sich bringen, seien „viel größer, als wir sehen und sehen wollen“, sagt auch Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Lagarde hält es für möglich, dass 2016 ähnlich viele Menschen nach Europa kommen wie 2015.

Und dann stellen sich die heute schon drängenden Fragen noch viel dringlicher: Welche Staaten nehmen die Neuankömmlinge auf, wer bezahlt das, wie lässt sich die Zuwanderung in naher Zukunft wieder auf ein leichter zu handhabendes Maß verringern? Um eine bessere internationale Zahlenbasis für die Antworten zu liefern, will Lagarde in Davos eine neue IWF-Studie über Kosten und Nutzen von Migranten und deren Einfluss auf die Volkswirtschaft vorstellen.

Neben Gauck werden aus Deutschland unter anderem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Ga­briel (SPD) nach Davos reisen. Hinzu kommen zahlreiche Vorstandschefs und Spitzenmanager von Unternehmen.

Angesichts der jüngsten Terroranschläge sind Tausende von Soldaten und Polizisten im Einsatz, die den sonst beschaulichen Ort sichern. Kontrollen und Absperrungen könnten noch dichter ausfallen als in vergangenen Jahren. Ohnehin errichtet die Schweizer Armee zusätzliche Posten selbst in Dörfern, die weit von Davos entfernt sind. Die Prominenz wird mit Hubschraubern vom Flughafen Zürich in das Bergtal geflogen. Und permanent patrouillieren die Jets der Schweizer Luftwaffe den gesperrten Luftraum über dem Skiort.

Eng mit dem Thema der Flüchtlinge hängt die Lage in Syrien zusammen. Forumschef Klaus Schwab hat Gespräche hinter verschlossenen Türen über den Krieg in dem nahöstlichen Land angekündigt. So ist auch der Außenminister des Iran in Davos. Teheran unterstützt die Regierung des kriegführenden syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Ob sich gerade in den Schweizer Bergen der Krieg beenden lässt, ist allerdings eher unwahrscheinlich.