Washington –

Der Tag der Abrechnung für Volkswagen rückt näher

EPA-Chefin fordert schlüssiges Konzept. Neuer Katalysatorsoll Probleme lösen

Sein Auftritt bei der heute beginnenden Automesse in De­troit ist für den neuen Volkswagen-Chef nur eine gemächliche Probefahrt. Der eigentliche Crashtest auf seiner ersten USA-Reise im Amt kommt für Matthias Müller am Mittwoch in Washington. Dann trifft der Nachfolger von Martin Winterkorn knapp vier Monate nach Bekanntwerden der Abgasbetrugsaffäre bei Dieselmotoren mehrerer Hersteller unter dem Markendach VW auf eine Frau mit Humor, Kurzhaarschnitt und Durchsetzungswillen: Gina McCarthy.

Von ihr und ihren Fachleuten wird weitgehend abhängen, ob das bisher unbekannte technische Rezept von VW zur Nachrüstung von knapp 600.000 nicht den strikten Umweltgesetzen entsprechenden Autos den amtlichen Segen bekommt. Oder ob sich bewahrheitet, was Auto-Insider in Amerika seit Wochen mutmaßen: dass der Konzern am Ende des Tages die Schummel-Autos in großer Stückzahl zurückkaufen muss. Zuletzt sah es nicht nach einer gütlichen Verständigung aus.

Im Auftrag von McCarthy verklagte das US-Justizministerium den Wolfsburger Konzern wegen mehrerer Verstöße gegen das Luftreinhaltegesetz (Clean Air Act) vor wenigen Tagen auf Strafzahlungen, die sich theoretisch zu astronomischen Milliardenbeträgen summieren können. Müller will mit einer technischen Lösung kontern. Bei seiner Visite in der EPA-Zentrale in Washington soll laut einem Bericht der „Bild am Sonntag“ ein neuer, nachträglich einzubauender Katalysator präsentiert werden, der bei über 400.000 VW-Modellen die strengen Abgasgrenzwerte in den USA schultert.

Offiziell hat sich weder McCarthys Apparat noch die Chefin der mitzuständigen kalifornischen Umweltbehörde Carb, Mary Nichols, dazu bisher verhalten. Hinter vorgehaltener Hand kommt jedoch Skepsis zum Vorschein. „Erst nach intensiven Tests“ werde sich zeigen, ob VW „diesmal nicht vielleicht wieder getrickst hat“, heißt es im Umfeld der in Fußläufigkeit zum Weißen Haus angesiedelten EPA. Dort und in anderen Institutionen, die den VW-Skandal aufarbeiten, gilt, was New Yorks Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman gerade erst gesagt hat: „Unsere Geduld mit VW ist bald am Ende.“

Klartext, von dem schon Anfang November Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt einen Vorgeschmack erhielt, als er während einer US-Tour in Washington Station machte. Der CSU-Politiker berichtete von einer zornigen EPA-Chefin, die nicht nur darüber sauer gewesen sei, dass VW die Schummelei bei den Dieselabgaswerten vor Bekanntwerden des Skandals im September über ein Jahr lang abgestritten hatte. McCarthy sei besonders ungehalten darüber gewesen, dass Wolfsburg bei der Schadensbeseitigung eher auf der Bremse als auf dem Gaspedal stehe.

Eine bessere Luftqualität dient vor allem dem Gesundheitsschutz

Dazu muss man wissen: Wer sich mit Gina McCarthy anlegt, der legt sich im Grunde mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten an. Barack Obama hatte die 61-Jährige 2013 als Chefin der mächtigen Bundesumweltschutzbehörde EPA (Environmental Protection Agency) installiert. In ihr, einer knorrigen Neuengländerin mit irischen Wurzeln, sah Obama die geeignete Person, um seinem ehrgeizigen Klimaschutzanliegen im Inland den gewünschten Nachdruck zu verleihen. Schließlich konnte die studierte Umweltingenieurin, die für hemdsärmelige Witze und Abwesenheit von jeglicher Furcht vor großen Industriebossen bekannt ist, in diesem Metier bereits 25 Jahre Berufserfahrung vorweisen.

Fünf Gouverneuren des Bundesstaates Massachusetts, darunter auch der 2012 gescheiterte republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney, diente die nahe Boston lebende dreifache Mutter als Beraterin. Dabei lernte McCarthy früh, dass es in den USA meist wenig bringt, mit dem von konservativen Ideologen als nicht existent betrachteten Klimawandel Emissionsschutzauflagen zu rechtfertigen.

Als Chefin des Büros für Luft und Strahlung in der EPA begründete sie den Schwerpunkt ihrer Bemühungen um bessere Luftqualität etwa im Clinch mit der Energiebranche schon seit 2009 vorwiegend mit dem Schutz der Gesundheit. Als McCarthy vor zwei Jahren im Auftrag Obamas strengere CO2-Grenzwerte für Kohlekraftwerke ausarbeiten musste, sagte sie: „Wenn Ihre asthmageschädigten Kinder ohne Inhalator auskommen, dann dürfen Sie sich glücklich schätzen.“

In der VW-Affäre ist es ähnlich: Die verbotenerweise bis zu 40-mal über der Norm liegenden Stickoxidwerte, die aus Hunderttausenden VW-Dieselmotoren in den USA kommen, seien für eine Vielzahl von Atemwegserkrankungen verantwortlich, ließ McCarthy ihre Experten formulieren. Die Luft für Matthias Müller im Besprechungsraum der EPA könnte am Mittwoch dünn werden.