Wirtschaft

Eine Lücke in Berlin wird gefüllt

Jürgen Stüber über den neuen Typ des Wagniskapitalgebers

Es waren sechs Meldungen im Kurznachrichtendienst Twitter, die die Berliner Investorenlandschaft in den ersten Tagen des neuen Jahres veränderten: „BlueYard Capital ist ein neues Wagniskapitalunternehmen in Berlin, das einen 120 Millionen Dollar umfassenden Frühphasen-Fonds in Europa investiert“. So lautet übersetzt die erste Nachricht. Die folgenden fünf Meldungen präzisieren diese Botschaft.

Ciarán O’Leary, in den vergangenen Jahren das Gesicht des Berliner Wagniskapitalgebers Earlybird und eine der wichtigsten VC-Persönlichkeiten der Hauptstadt, hat den neuen Fonds mit seinem Ex-Kollegen Jason Whitmire gegründet. Als Partner haben die beiden Chad Fowler an Bord genommen, den neuen Chef des Berliner Vorzeige-Start-ups 6wunderkinder, das im vergangenen Jahr von dem Elektronikkonzern Microsoft gekauft worden war. Die Summe wurde nie genannt. In Branchendiensten wurden Beträge in Höhe von bis zu 200 Millionen Dollar genannt. Fowler hatte seinen neuen Job von Gründer Christian Reber übernommen, der seinen CEO-Posten einige Monate nach dem Verkauf niederlegte.

BlueYard markiert eine neue Phase und eine höhere Entwicklungsstufe der Berliner Start-up-Landschaft. Inzwischen ist in Berlin die nächste Generation von Investoren gereift, die das Ökosystem selbst mit seiner finanziellen Dynamik hervorgebracht hat. Der Verkauf von Internetunternehmen, den der Branchenjargon „Exit“ nennt, macht immer öfter leitende Angestellte, die mit Unternehmensbeteiligungen bezahlt wurden, zu Investoren. Das fehlte bislang in Berlin.

Im vergangenen Jahr hat sich das geändert. Die Gründung von BlueYard ist kein Einzelfall: Paua Ventures zum Beispiel, die in den Sextoy-Händler Amorelie, die Onlineparfümerie Flaconi und den Web-Discounter Lesara investierten, schloss einen 45 Millionen Dollar umfassenden Fonds. Dieses Kapital soll in junge und viel versprechende Gründungen investiert werden.

Auch b-to-v legte im vergangenen Jahr einen neuen Fonds mit einem Volumen von mehr als 60 Millionen Euro auf. Rund 200 unternehmerische Privatpersonen stehen hinter dieser Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in aus St. Gallen und Berlin. Auch b-to-v investiert früh in Unternehmen. Der Chauffeurdienst Blacklane gehört ebenso zu den Portfoliounternehmen von b-to-v wie der 3-D-Druck-Pionier BigRep, der Weinhändler Wine in Black oder der Onlineshop für Babybedarf, windeln.de.

Für Ciarán O’Leary ist die neue Gemengelage in der Berliner Investorenszene „ein sehr großer Schritt für das Ökosystem“. BlueYard will jedenfalls in Internetunternehmen investieren, die Märkte dezentralisieren und damit demokratisieren, indem sie Zugangsbarrieren aus den Angeln heben und Technologien für eine breitere Masse zugänglich machen.

Den drei BlueYard-Investoren ist bei der Auswahl ihrer künftigen Portfoliounternehmen der Umgang mit Nutzerdaten von großer Bedeutung, heißt es in einem Blogbeitrag von O’Leary. Chancen auf Investments haben Unternehmen, die ihre Nutzerdaten dezentralisieren und von den Moguln der Datenwirtschaft ebenso fern halten wie vom Zugriff staatlicher Stellen. Das dürfte das spannendste Projekt von BlueYard werden.