Frankfurt/Peking –

Börsenschreck aus Fernost

Chinas schwache Wirtschaft lässt die Aktienmärkte einbrechen. Und das ist erst der Anfang

Frankfurt/Peking.  So hatten sich die Anleger den ersten Börsentag 2016 sicher nicht vorgestellt. Der Deutsche Aktienindex Dax brach am Montag um bis zu vier Prozent ein, folgte damit den Kursstürzen in Fernost aus der Nacht zuvor. Auslöser dafür waren die schwachen chinesischen Märkte. Vor allem die Börse Schanghai brach ein. Der Hauptindex verlor fast sieben Prozent. Erstmals in der Geschichte der chinesischen Festlandbörse beendete die Börsenaufsicht den Handel vorzeitig – dank eines Schutzmechanismus, der erst seit Jahresbeginn gilt.

Warum sind die chinesischen Börsen abgestürzt?

Die Lage der Wirtschaft in China entwickelt sich noch schlechter, als bisher erwartet. Zum fünften Mal infolge ist die Industrieproduktion geschrumpft, wie eine Umfrage des Wirtschaftsmagazins „Caixin“ unter Einkaufsmanagern der Industrie ergab. Der entsprechende Index fiel von 48,6 auf 48,2 Punkte. Der Wert liegt den zehnten Monat infolge unter der Grenze von 50 – was auf einen Rückgang der industriellen Fertigung hindeutet. Für diesen Index werden vor allem die Chefs und Geschäftsführer von kleinen und mittelgroßen Privatunternehmern befragt. Ihre Antworten geben sehr viel mehr die wirkliche Stimmung der chinesischen Wirtschaft wieder als die der Konzerne, die zumeist in staatlicher Hand sind und nicht immer wahrheitsgetreu antworten.

Gibt es weitere Gründe?

Am kommenden Freitag endet das Aktienverkaufsverbot für Großanleger. Chinas Regierung hatte Anlegern, die mehr als fünf Prozent der Anteile eines Unternehmens halten, meist Fonds und Banken, im Sommer 2015 den Verkauf größerer Aktienpakete verboten. Kleinere Aktionäre haben am Montag noch Kasse gemacht, weil sie Angst vor einem Ausverkauf mit weiter fallenden Kursen haben. „Die Nervosität ist derzeit mal wieder groß“, sagt Li Daxiao, Chefvolkswirt vom chinesischen Wertpapierhaus Yingda Securities.

Warum gibt es das Verkaufsverbot?

Nach einem fast einjährigen Aktienboom sind die Festlandbörsen in Shanghai und Shenzhen vom Juni 2015 an binnen weniger Wochen um 30 Prozent eingebrochen. Erst, als die Zentralregierung eingriff, erholten sich die Märkte wieder. Das Verkaufsverbot war Teil der Handelsbeschränkungen und sollte den Ausverkauf verhindern.

Was hat es mit dem Schutzmechanismus auf sich?

Auch der Schutzmechanismus ist Teil der Handelsbeschränkungen. Er gilt seit Jahresbeginn. Steigen die Verluste an einem Handelstag auf mehr als fünf Prozent, gibt es 15 Minuten Handelspause. Fallen die Kurse nach dieser Pause weiter, kann der Handel ganz beendet werden. Deshalb war bei knapp sieben Prozent Minus am Montag Schluss. Solche Stoppmechanismen sind auch an anderen Handelsplätzen üblich, etwa in Frankfurt/Main.

Inwieweit ist auch der chinesische Normalbürger von dem Aktiensturz betroffen?

Die Zahl der chinesischen Aktionäre ist überschaubar. Die Schätzungen belaufen sich auf 175 Millionen Depots bei etwa 1,4 Milliarden Einwohnern. Allerdings sind 80 Prozent der Aktienbesitzer Privatanleger, 20 Prozent institutionelle Investoren wie Banken, Fonds und Versicherungen. In Deutschland ist das Verhältnis umgekehrt.

Warum werden die europäischen Börsen in Mitleidenschaft gezogen – oder sind hier andere Faktoren ausschlaggebend?

China ist einer der wichtigsten Märkte vieler Industriestaaten. Deshalb gerieten an der Frankfurter Börse vor allem Aktien der Autobranche und des Maschinenbaus unter Druck. Zusätzlich verunsichert der Konflikt zwischen den Ölmächten Saudi-Arabien und Iran die Märkte, was wiederum die Kurse drückt. Der Ölpreis ist wegen des Konflikts kurzzeitig gestiegen.

Warum schwächelt Chinas Industrie?

Chinas Wirtschaft befindet sich in einem radikalen Wandel. Das Land will nicht mehr billige Werkbank der Welt sein, sondern zu einem kaufkräftigen Technologiestandort heranwachsen. Die Industrie, bisher vor allem Zulieferer für westliche Firmen, wird dabei zurückgefahren. Kritiker bemängeln, dass vor allem Reformen zu langsam umgesetzt würden. Viele Ankündigungen – wie etwa Steuersenkungen – würden nicht in Taten umgesetzt, heißt es. Das belaste das Vertrauen der Wirtschaft.

Wie sehen die Aussichten für Chinas Wirtschaft für dieses Jahr aus?

Schätzungen zufolge ist das chinesische Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr deutlich unter die Zielmarke von sieben Prozent gefallen. 2006 hatte die Rate noch bei knapp 13 Prozent gelegen. Im laufenden Jahr soll das Wachstum auf 6,5 Prozent zurückgehen. Dass die Stimmungsindikatoren in der Industrie hartnäckig unter der kritischen Marke von 50 verharren, deutet nach Ansicht von Bankenanalyst Christian Heger von der HSBC auf ein „lahmes Wachstum in China“ hin, dass zunehmend auf die übrigen asiatischen Volkswirtschaften ausstrahlt und die gesamte Weltkonjunktur belastet.

Wie wichtig ist China für die Weltwirtschaft – und für Deutschland?

China ist Exportweltmeister und Nummer zwei weltweit bei den Importen – entsprechend stark ist das Land mit den anderen großen Wirtschaftsräumen und Ländern verknüpft. Die wichtigsten Exportgüter sind Autos und Autoteile, Maschinen und Anlagen sowie elektronische und chemische Erzeugnisse. China ist Deutschlands viertwichtigster Handelspartner.

Wie wirkt sich die schwächelnde chinesische Wirtschaft auf die deutsche Wirtschaft aus?

Wenn die Industrie Chinas weniger investiert, leiden darunter die Ausrüster, also Maschinen- und Anlagenbauer. Der Fachverband VDMA geht von einem Rückgang des China-Geschäfts um fünf Prozent in diesem Jahr aus.