Wirtschaft

Wo Berliner Gründer punktenJürgen Stüber über Trends in der Start-up-Szene des Jahres 2016

Wieder einmal sind die Tage der Trend-Propheten angebrochen, die in die Kristallkugel der Start-up-Szene schauen und voraussagen, was die Innovationsbranche im kommenden Jahr zu bieten hat. Auf dem internationalen Parkett wird viel über Virtual-Reality-Brillen wie Oculus Rift oder Samsung Gear VR spekuliert, die samt dafür geschriebener Software in diesem Jahr auf den Markt kommen werden. Fred Wilson (Union Square Ventures) jedenfalls glaubt nicht an einen Durchbruch, so lange keine natürlichere Art für den Konsum von virtueller Realität in Form von 360-Grad-Video gefunden worden ist, als sich diese monströsen Apparate auf die Nase zu setzen.

Auf der Investoren- sowie Teilhaberseite geht unterdessen die Angst vor so genannten Down Rounds beziehungsweise Haircuts um, der Abwertung vor Unternehmen wie im Fall des Geolocationdienstes Foursquare, dessen Wert sich gut informierten Branchendiensten zufolge gerade einmal mehr als halbiert hat, oder die durch Kursrutsch vermasselten Börsengängen wie im Fall des Bezahldienstleisters Square oder des Cloudanbieters Box. Das ist schlecht für Angestellte, die Teile ihres Gehalts in Unternehmensbeteiligungen erhalten, und schlecht für das Klima in der Gründerszene.

Fraglich, wann dieser Virus Berlin infiziert. Thomas Grota (Telekom Ventures) spricht gar vom Ende der Unicorn-Ära. Als Unicorns werden Unternehmen mit einer Marktbewertung über einer Milliarde US-Dollar bezeichnet. Tröstlich nur, dass wir in Berlin kaum Unicorns haben. Viel ernster zu bewerten ist allerdings der dahinterstehende Zweifel am Fortbestand der immerzu nach oben weisenden Bewertungsspirale von Unternehmen und den durch sinkende Investitionsbereitschaft höher werdenden Hürden für Start-ups, Wachstumskapital zu sammeln.

Doch zurück nach Berlin: Als relativ sicher darf man das weitere Wachsen der Finanztechnologiebranche sehen. Das Digitalkonto Number26 hat hier mit seinem international beachteten Produkt die Latte ziemlich hoch gehängt. Gut: Mit einem fetten Investment auf dem Konto kann sich das Berliner Start-up Gratis-Wohltaten für seine Kunden wie kostenfreie Kreditkarten und gebührenfreie Bargeld-Transaktionen leisten. Es bleibt abzuwarten, ob diese Generosität auf Dauer Bestand haben wird. Dennoch haben die Gründer der traditionellen Kreditwirtschaft gezeigt, wie Banking der Zukunft aussieht. Die quält sich derweilen mit dem Spagat von analogen und digitalen Dienstleistungen.

Während die Geburtswehen des Innovation Lab der Deutschen Bank nun schon seit Wochen andauern, hat Berlin mit dem FinTechCube inzwischen einen Brutkasten für neue Unternehmen der Finanzbranche erhalten. Dahinter stehen die Start-up-Fabrik etventure und der Münchner Software-Anbieter Finance Base AG. Berlin macht also weiter London Konkurrenz.

Neben FinTech wird das Internet der Dinge (IoT) in der Berliner Start-up-Landschaft an Bedeutung gewinnen. Der Elektronikkonzern Cisco hat auf dem Euref-Campus in Schöneberg das Innovationszentrum openBerlin eröffnet. Das Start-up Relayr hat für sein Sensoren-Kit und die dazugehörende Entwicklungsumgebung gerade eine zweistellige Millionensumme erhalten. Und Prothesen-Spezialist Otto Bock hat nicht nur sein Science Center nach Berlin gebracht, sondern in der ehemaligen Bötzow-Brauerei in Prenzlauer Berg auch den Open Innovation Space. Erfinder können dort an der Schnittstelle von IoT und Lebenswissenschaften forschen. Das sind gute Voraussetzungen dafür, dass diese Branchen in Berlin in den nächsten Monaten an Fahrt aufnehmen.