Divestment

Das Kapital flieht vor der schmutzigen Kohle-Industrie

Viele Investoren wollen schmutzige Kohle-Industrie nicht mehr finanzieren. Sie ziehen ihr Kapital im Sinne der Divestment-Bewegung ab.

Berlin.  Kurz vor dem Klimagipfel in Paris, auf dem die Politiker den Klimaschutz ein großes Stück voranbringen sollen, bildet sich an ganz anderer Stelle eine schnell vorrückende Front gegen die Erderwärmung: Immer mehr Investoren, die über riesige Anlagevermögen verfügen, wollen ihr Geld nicht mehr für klimaschädliche Geschäfte zur Verfügung stellen.

Divestment, zu deutsch das Abziehen von Kapital, nennt sich die Bewegung, die vor gerade einmal drei Jahren von ersten Umweltschutzorganisationen in den USA ins Leben gerufen wurde. Auf den ersten Blick verzeichnet Divestment explosives Wachstum. In der Woche vor dem Klimagipfel gab der deutsche Versicherungsriese Allianz bekannt, mit Divestment ernst zu machen. Der von Oliver Bäte geführte Konzern teilte mit, dass „künftig keine kohlebasierten Geschäftsmodelle“ finanziert werden sollen. Bei der Kohleverbrennung entsteht im Vergleich zu Öl und vor allem Gas deutlich mehr klimaschädliches Kohlendioxid.

Umweltschutz und ethische Erwägungen

Hinter Divestment stecken zwei Grundideen: Erstens der Umweltschutz und ethische Erwägungen. Der Entzug von Kapital schwächt die Klimaverschmutzer. Je weniger Geldgeber es gibt, desto höher steigen im Schnitt die Zinsen, die bezahlt werden müssen. Damit verlieren die Unternehmen an Schlagkraft und können nicht mehr so viel in neue Projekte investieren.

Zweitens, so betont es die Allianz explizit, wollen sich die Investoren auch selbst schützen. Denn wenn die Welt sich auf immer stärkeren Klimaschutz einigt, könnten Investitionen in besonders klimaschädliche Unternehmen schnell an Wert verlieren. In Umweltschützer-Kreisen ist bereits von der „Kohlenstoff-Blase“ die Rede.

Die Allianz verwaltet insgesamt Geldanlagen im Wert von 630 Milliarden Euro. Damit wächst die Divestment-Bewegung sprunghaft an. Im September waren laut einer Branchenstudie global 2600 Milliarden Euro der Divestment-Bewegung zuzurechnen, 30 mal mehr als ein Jahr zuvor.

Ursprünglich schlossen sich vor allem kleinere, ethisch motivierte Investoren an: Universitäts-Fonds aus den USA, Stiftungen und kirchliche Geldverwalter. Doch dieses Jahr kamen einige echte Schwergewichte der Finanzwelt dazu: Der norwegische Staatsfonds, der ausgerechnet, die Gewinne aus der Gas- und Ölgewinnung verwaltet, will seine rund 850 Milliarden Euro nicht mehr in Kohle investieren, ebenso mehrere staatliche Pensionskassen in Kalifornien mit etwa der halben Anlagesumme und der französische Versicherungsriese Axa mit rund 1000 Milliarden in seiner Verwaltung.

Kriterien gerade der Großinvestoren sind lasch

Große Zahlen - doch was werden sie bewirken? Für die Allianz springt zunächst einmal jede Menge Werbeeffekt heraus. Die Umweltorganisation urgewald zum Beispiel spricht von einem „riesigen Schritt“ und feiert die eigene Lobbyarbeit. Doch die Kriterien gerade der Großinvestoren sind lasch. Die Allianz und andere Großinvestoren setzen eine Umsatz-Grenze. Wer 30 Prozent seiner Einkünfte oder mehr durch Kohlebergbau oder Kohleverbrennung erzielt, fliegt aus dem Portfolio.

Doch ein solcher Schwellenwert ist problematisch, wie ein Beispiel zeigt: BHIP Billiton, der australische-britische Bergbau-Gigant, ist einer der größten Kohlekonzerne der Welt. Doch er verdient auch viel mit Eisenerz, Kupfer und anderen Mineralien. Die Kohle machte zuletzt nur knapp zwölf Prozent des Umsatzes aus.

Allianz, Axa und Co. können also weiterhin Anleihen und Aktien von BHP kaufen. Bei der Allianz werden aufgrund dieser Auslegung des Divestment-Konzepts insgesamt nur rund vier Milliarden umgeschichtet, gab der Konzern bekannt. Bei der Axa sind es sogar nur 500 Millionen Euro. Ein winziger Bruchteil der Anlagesumme. Hinzu kommt: Den Fokus allein auf die Kohle zu legen ist inkonsequent.

Kleine Investoren sind konsequenter

Andere extrem klimaschädliche Unternehmen bleiben komplett außen vor, zum Beispiel die Ölmultis, die in Kanada in besonders energieintensiven und klimaschädlichen Prozessen aus Teersanden Rohöl gewinnen. Viele kleine Investoren, die sich der Divestment-Idee anschließen, sind wesentlich konsequenter, manche finanzieren zum Beispiel generell keine Unternehmen mehr, die auf fossile Energien setzen. Auch in Deutschland gibt es neben der Allianz einige kleinere Divestment-Teilnehmer, die konsequenter vorgehen. Kürzlich beschloss die Stadt Münster als erste Kommune, kein Geld mehr in klimaschädlichen Sektoren anzulegen. Es geht dabei aber nur um einen zweistelligen Millionenbetrag.

Doch einige prominente grüne Investoren wenden sich bereits von der Divestment-Idee ab. Bill Gates, der gerade bekanntgab, zwei Milliarden Euro zusätzlich in grüne Energie zu investieren, ist ein prominenter Gegner. Er hält Divestment für eine „Schein-Lösung“, denn durch den Abzug von Investoren-Geldern werde nicht weniger Kohlendioxid emittiert, sondern nur durch Abgaben für die Verbraucher.

Der Umweltverband WWF, bekannt für Kooperationen mit Unternehmen, bewertet den Divestment-Trend denn auch eher zurückhaltend. „Wenn Großunternehmen wie die Allianz öffentlichkeitswirksam aus der Kohlefinanzierung aussteigen, ist dies durchaus ein positives Signal“, sagt Matthias Kopp, der Finanzexperte des WWF.

Langfristig sei es aber entscheidend, dass gerade die Industriezweige, die besonders viel Kohlendioxid ausstoßen, in den Umbau ihrer Geschäftsmodelle investierten. „Dabei hilft Divestment nicht, denn damit verabschiedet man sich aus dem Dialog“, sagt Kopp. Stattdessen sei es sinnvoller, wenn Investoren von den Unternehmen glaubhafte Klimaschutzkonzepte verlangten.

Vor allem müssten die politischen Rahmenbedingungen stimmen, sagt Kopp. Wie das Weltklima geschützt werden kann, entscheide sich nicht in der Allianz-Zentrale in München, sondern am Verhandlungstisch in Paris.