Einkommensstudie

Ungleichheit wächst: Immer mehr Reiche und immer mehr Arme

Nach einer Studie des WSI-Archivs wächst die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland. Jeder siebte lebt von weniger als 1000 Euro.

Ein alte Frau sitzt ain einer Einkaufsstraße und bettelt.

Ein alte Frau sitzt ain einer Einkaufsstraße und bettelt.

Foto: dpa Picture-Alliance / Jens Kalaene / picture alliance / ZB

Berlin.  Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist gut und die Arbeitslosigkeit gering. Trotzdem kommt der Aufschwung seit Jahren bei vielen Menschen nicht an. Zu diesem Ergebnis gelangt der Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung (WSI). „Die gute Konjunktur sollte eigentlich dazu führen, dass die Einkommensungleichheit zurückgeht, aber das ist nicht der Fall“, sagt die Verteilungsexpertin des Instituts, Dorothee Spannagel. Demnach hat die Spreizung der Einkommen sogar wieder zugenommen, nachdem die Finanzmarktkrise den langfristigen Trend unterbrach.

Besonders problematisch sieht die Wissenschaftlerin die sinkende soziale Mobilität. Das bedeutet, die Chance, von einer Einkommensklasse in eine andere auf- oder abzusteigen, ist relativ gering. Bereits seit den 80er-Jahren zeigt sich diese Position besonders an den „Rändern“. „Einmal reich, immer reich, einmal arm immer arm“, bewertet Spannagel die Auswertung. „Sehr reiche Haushalte, die mehr als das Dreifache des mittleren verfügbaren Einkommens haben, müssen heute seltener als in den 1980er Jahren einen Abstieg befürchten.“

Chancen für einen Aufstieg sinken

Für Arme dagegen sanken im gleichen Zeitraum die Chancen auf finanziellen Aufstieg beträchtlich. Die aktuelle Erhebung zeigt, dass beispielsweise etwa 46 Prozent derjenigen, die 2005 arm waren, auch 2012 arm waren. Bei den sehr Reichen waren knapp 57 Prozent weiterhin sehr reich. Das heißt, auch die Turbulenzen der Wirtschafts- und Finanzkrise hat diese Bevölkerungsschicht gut überstanden.

Deutlich mehr Bewegung gibt es dagegen bei den Einkommensgruppen dazwischen. Allerdings betrifft dies immer häufiger den Abstieg in eine niedrigere Einkommensklasse. Bedroht ist vor allem die untere und obere Mittelschicht. Dabei handelt es sich um Haushalte, denen zwischen 1000 und knapp 2500 Euro pro Monat zur Verfügung stehen. „Sie haben sich zu Klassen mit deutlichen Abstiegsrisiken entwickelt“, sagt Spannagel. „Es steigen vor allem mehr Menschen zu den Armen ab als noch in den 1980er Jahren.“

14,4 Prozent haben weniger als 1000 Euro zur Verfügung

Das Institut hat für die Erhebung vor allem Daten des sozio-oekonomischen Panels (SOEP) genutzt. Dabei wurden Zehntausende Haushalte über Jahre befragt. Einen weiteren Beweis für die ungleiche Einkommensverteilung sehen die WSI-Forscher auch in der hohen Armutsquote. Sie liegt in Deutschland bei rund 14,4 Prozent. Das bedeutet, ein Einpersonenhaushalt verfügt über weniger als 1000 Euro im Monat. 1991 lag sie noch bei rund elf Prozent.

Bis 2009 stieg der Anteil der armen Menschen auf rund 15 Prozent. Seitdem bleibt sie relativ konstant. Im vergangenen Jahr konnten acht Prozent der Befragten sogar nur auf ein Einkommen von weniger als knapp 800 Euro pro Monat zurückgreifen. Die Quote der „sehr Armen“ ist zwar niedriger als 2009 (knapp neun Prozent). Aber bis zum Ende der 90er-Jahre lag sie meist bei unter sechs Prozent.

Mindestlohn als Hilfe gegen die Einkommenskluft

Auch die Forscher wissen, dass nicht allein gesellschaftliche Strukturen und politische Entscheidungen für die ungleiche Verteilung verantwortlich sind. Eine Scheidung oder Arbeitslosigkeit machen selbst vor den sehr Reichen nicht halt. Andererseits gibt es auch für Menschen mit wenig Geld Möglichkeiten, etwa über einen Jobwechsel oder eine berufliche Weiterbildung aus der Armutsspirale auszubrechen.

Zudem wertet Spannagel den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde als ein Instrument gegen die „wirtschaftliche und soziale Polarisierung“. Hier dürfe es keine weiteren Ausnahmen geben, sondern es müsste zügig eine Anhebung ausgehandelt werden. Zudem schlägt die Wissenschaftlerin eine höhere Besteuerung „superreicher“ Haushalte vor. Steuert die Politik nicht dagegen, werde die Schere zwischen Arm und Reich weiter aufgehen.