Wirtschaft

Im postmobilen ZeitalterKünftig werden immer mehr Dienste vom Smartphone in die Cloud auswandern

Jetzt hat man gerade mal den PC zum Recyclinghof gebracht und sich an das Tablet und das Smartphone gewöhnt. Und schon rufen die Propheten im Silicon Valley die nächste Ära aus: „Postmobile“ lautet das neue Modewort. Der Begriff beschreibt die Zeit, in der das mobile Internetgerät aus der Funktion einer isolierten Plattform für spezielle Anwendungsfälle herausgewachsen ist. Man denke an das frühe iPhone: Es verfügte über eine Zahl von Apps, die eine klar abgegrenzte Aufgabe erfüllten. Die Internetwolke (Cloud) hatte den Massenmarkt noch nicht erreicht. Die Vernetzung war niedrig.

Die postmobile Ära auszurufen, soll nicht bedeuten, dass Smartphones und Tablets verschwinden werden. Im Gegenteil: Ihre Zahl steigt weiterhin. Heutzutage besitzt auf der ganzen Welt schon mehr als jeder Vierte ein Smartphone, im Jahr 2018 wird der Anteil der Smartphone-Nutzer global fast 40 Prozent betragen, wie das Internetportal Statista ausgerechnet hat.

Aber wir werden unsere Smartphones anders benutzen. Sie werden zunehmend zur Fernbedienung unseres Lebens werden. Schon heute schaffen die Apps durch einen virtuellen Tastendruck ein Taxi herbei, eine Putzkraft oder eine Pizza. Eine intelligente App wie tado erkennt anhand von Geodaten, wenn ich auf dem Nachhauseweg bin, und schaltet rechtzeitig vor meiner Ankunft die Heizung an.

Die Programme weiten sich aus und vernetzen Umgebungen. Plötzlich verstehen sich das iPhone und das Infotainmentprogramm im Auto: Ein Musikstück, das man auf dem Weg zur Garage mit dem iPhone hörte, wird, wie bei aupeo, nahtlos im Auto fortgesetzt. Überhaupt Musik: Man kann sich kaum noch an die Zeit erinnern, als man Mediatheken pflegte und Stunden mit dem Versuch der Synchronisierung von Titeln, Alben und Playlists zwischen unterschiedlichen Geräten zubrachte. In Zukunft werden noch mehr Dienste auf die Internetwolke auswandern. Spotify und Dropbox waren erst der Anfang.

Es gibt nur noch einen einzigen nachvollziehbaren Grund, ein Smartphone mit großem Speicher zu kaufen: die hierzulande miserable Netzversorgung. Wer seine Playlist auch in der Berliner U-Bahn oder während einer Zugfahrt durch Vorpommern genießen will, kommt ohne eine Offlinefunktion nicht aus, die Titel auf dem Gerät speichert und auf Wunsch abspielt.

Neben der Verlagerung von Daten in die Cloud gibt es ein zweites Indiz für das postmobile Zeitalter, auf das der Tech-Aktivist Robert Scoble hinweist: „Algorithmen kontrollieren unsere Existenz.“ Ein gutes Beispiel dafür sind kleinste Bluetooth-Sender, die immer beliebter werden. Sie werden Beacons genannt und wurden von Apple erfunden. Bahnhöfe und Läden werden zunehmend mit diesen digitalen Schreihälsen ausgestattet. Kommt ein Mensch mit einem Smartphone an einem dieser Beacons vorbei, fängt das Smartphone automatisch das Beacon-Signal auf und sendet es an eine Datenbank. Im positiven Fall nutzt eine Software diese Information zur Navigation in Innenräumen, im negativen sendet sie mir eine Werbebotschaft auf den Sperrbildschirm.

Ein schönes Beispiel für diese Technologie ist die App Downtown, die das Bestellen und Bezahlen im Restaurant vereinfacht. Ein Beacon ortet den Tisch, an dem der Gast sich niedergelassen hat, die App zeigt die Speisekarte an. Der Gast wählt aus, ohne dass er auf einen Kellner warten muss. Nach der Mahlzeit wird automatisch bezahlt – wieder ohne Wartezeiten. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, wann das erste Berliner Restaurant die kellnerlose Bestellung mit Downtown ermöglicht.Jürgen Stüber

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