Spritpreise

Warum Benzin trotz der Terrorkrise so günstig ist

Die Ölpreise sind niedrig. Die Gewinne der Ölmultis sinken. Förderprojekte werden gestoppt, Arbeitsplätze abgebaut. Die Verbraucher profitieren.

Trotz politischer Turbulenzen bleiben die Spritpreise in Deutschland derzeit vergleichsweise günstig. Der Liter Diesel kostet im Schnitt 1,129 Euro.

Trotz politischer Turbulenzen bleiben die Spritpreise in Deutschland derzeit vergleichsweise günstig. Der Liter Diesel kostet im Schnitt 1,129 Euro.

Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa

Für Autofahrer und Fuhrparkmanager herrschen derzeit günstige Zeiten. Trotz politischer Krisen ist Sprit so billig wie lange nicht mehr. Ein Liter Diesel kostet laut ADAC im bundesweiten Schnitt 1,129 Euro. Weniger hatte ein Liter im Monatsdurchschnitt zuletzt Ende 2009 gekostet – und zwar ohne Berücksichtigung der Inflation. Benzin der Sorte Super E5 war zwar kurzzeitig zu Jahresbeginn etwas billiger als die nun verlangten 1,329 Euro, aber auch dieses Preisniveau ist derzeit niedrig.

Experten verweisen auf drei Gründe: Die europäischen Raffinerien sind nicht mehr so gut ausgelastet und verlangen etwas weniger für die Umwandlung von Rohöl in Benzin und Diesel. Der Euro-Wechselkurs ist seit März relativ stabil, was wichtig ist, da Öl international in Dollar gehandelt wird. Vor allem aber: Die Rohölpreise sind extrem niedrig. Mit etwa 44,48 Dollar für ein Fass (159 Liter) der Nordseesorte Brent notiert Öl weniger als halb so hoch wie noch im Sommer 2014 – als der Preis im Juni in der Spitze 115 US-Dollar betrug.

Was verändert sich am internationalen Ölmarkt?

Zugespitzt formuliert es Steffen Bukold, Leiter des Hamburger Analysedienstes EnergyComment: „Der Wendepunkt war ein Strategiewechsel im saudischen Königshaus. Die Führer des Ölkartells Opec wollten trotz des Überangebots im Weltmarkt die Förderung Ende 2014 nicht kürzen, sondern die Marktanteile verteidigen. Das Resultat war ein Preissturz.“ Seitdem ist am Ölmarkt nichts mehr so, wie es vorher war.

Saudi-Arabien, das Land mit den reichsten Lagerstätten der Welt und knapp hinter den USA und Russland drittgrößter Produzent, hatte als wichtigster Vertreter der Opec stets die Rolle des sogenannten Swing producers inne. Ganz im Wortsinne schaukelte die Produktion hin und her, je nach Versorgungslage. War der Preis niedrig, ging der saudische Ölhahn zu – und andersherum. Doch diese Rolle wollen die Saudis nicht mehr wahrnehmen. In einem seiner wenigen Interviews sagte im Sommer der Ölminister des Landes, Ali Al-Naimi: „Nur Allah kennt den Ölpreis der Zukunft.“

Trotz der zur Schau gestellten maximalen Intransparenz wird viel über die Ziele der Saudis spekuliert. Ein mögliches Motiv: Die Erschließung neuer Ölquellen in anderen Erdteilen soll behindert werden. Tatsächlich haben die internationalen Energiekonzerne ihre Investitionen aufgrund der niedrigen Ölpreise bereits um ein Fünftel gekürzt, denn ihre Gewinne sind laut den jüngsten Quartalsberichten um etwa die Hälfte eingebrochen.

Ölkonzerne stoppen Großprojekte und bauen 200.000 Jobs ab

Beispiel Shell: Der niederländisch-britische Ölmulti hat innerhalb eines Jahres fast ein Viertel seines Börsenwerts verloren und verbucht Verluste. Große, teure Projekte wurden abgesagt. Die Gewinnung von Öl aus Teersanden in Kanada wird kaum noch ausgebaut, die von Umweltschützern heftig bekämpften Offshore-Bohrungen in der Arktis sogar komplett abgesagt.

Auch die Produzenten, die mit der umstrittenen Fracking-Technik in den USA seit etwa zehn Jahren immer mehr Öl förderten, ächzen unter den niedrigen Preisen. Sie konnten zwar ihre Kosten erstaunlich rasch senken und konzentrieren sich auf günstig zu erschließende Vorkommen. Doch ein Rückgang der Förderung 2016 ist wahrscheinlich. Laut der US-Energiebehörde EIA sind schon 200.000 der 700.000 Jobs in der Branche verloren gegangen.

Wenn die Ölindustrie wegen der niedrigen Preise weniger investiert, heißt das aber auch: Spätestens in ein paar Jahren kommt entsprechend weniger Öl auf den Markt – und davon könnten die Saudis dann wieder profitieren. Sie kommen relativ günstig an Öl, können ihren Marktanteil also ausweiten, ohne Verluste zu schreiben. Dass die Saudis derartige Rechenspiele im Blick haben, räumen sie durchaus ein. „Wenn wir (die Förderung) reduzieren, was passiert dann mit unserem Marktanteil? Die Preise gehen rauf und die Russen, Brasilianer und US-Produzenten nehmen unseren Anteil weg“, sagte Al-Naimi im Frühjahr. Zudem machen sie neuen Technologien wie dem Elektroauto und erneuerbaren Energien das Leben schwerer, die sich nun gegen einen günstigeren Konkurrenten durchsetzen müssen.

Die Saudis könnten aber auch politische Motive antreiben. So leidet der Erzrivale in der Region, der Iran, der unter anderem im Jemen und in Syrien gegen saudische Interessen arbeitet, besonders unter den niedrigen Ölpreisen. Auf eigene Marktanteile zu verzichten und damit den Iran zu stärken, ist eine politisch riskante Option für die Saudis.

Bleibt der Ölpreis auch in Zukunft so niedrig?

Der Verbrauch reagiert zwar kurzfristig nicht stark auf sinkende Preise und kann sie deshalb auch kaum stabilisieren. Dennoch wird der Ölkonsum weltweit immerhin um 1,8 Millionen Fass Öl pro Tag zunehmen, schätzte jüngst die Internationale Energieagentur (IEA). Das sind knapp zwei Prozent und deutlich mehr, als noch voriges Jahr erwartet. „Es sind trotzdem viele Szenarien denkbar, in denen der Ölpreis noch über mehrere Jahre niedrig bleibt“, sagt Analyst Steffen Bukold. An den Märkten wird auch Öl zur Lieferung in einigen Jahren ähnlich billig wie zur morgigen Lieferung gehandelt. Andererseits erinnert Bukold daran, dass Ölspekulanten noch nie starke Preisbewegungen vorhergesehen haben. Sie schreiben einfach nur die derzeitige Marktlage in die Zukunft fort.

Selbst der IS-Terror in Europa und die Gebietseroberungen der Islamisten in Irak und Syrien konnten den Verfall des Ölpreises nicht stoppen. Dafür ist das Überangebot zu groß, sind die vom IS kontrollierten Ölquellen zu klein und verkauft auch der IS das Öl ins Ausland, eine seiner wichtigsten Einnahmequellen. So verringert der Terrorstaat das Angebot auf dem Weltmarkt kaum. Andere schwere politische Krisen könnten die Phase niedriger Ölpreise aber dennoch beenden. „Oder eben eine Strategieänderung im saudischen Königshaus“, sagt Bukold. Auch wenn die Saudis so viel Einfluss wie sonst kein Land auf den Ölpreis ausüben: Vielleicht liegt der saudische Ölminister mit seiner Einschätzung, dass nur ein höheres Wesen die Ölpreisentwicklung kennen kann, gar nicht so verkehrt.