Berlin –

Arbeitslosigkeit steigt wieder

Flüchtlinge lösen Trendwende aus. Drei-Millionen-Schwelle wird laut Regierung 2018 überschritten

Berlin. Trendwende auf dem deutschen Arbeitsmarkt nach Jahren sinkender Arbeitslosigkeit: Die Bundesregierung rechnet nach Informationen der Berliner Morgenpost wegen der Flüchtlingskrise jetzt offiziell mit einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosenzahlen ab 2016 und den folgenden Jahren. Bis 2018 wird sich nach Regierungserwartungen die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt um über 200.000 erhöhen und damit zum ersten Mal seit 2010 die Drei-Millionen-Schwelle überschreiten – für 2019 wird sogar mit 3,1 Millionen Arbeitslosen gerechnet, 300.000 mehr als die für dieses Jahr vorhergesagten 2,8 Millionen.

Bislang setzte die Regierung auf stetig sinkende Arbeitslosigkeit

Die neue Prognose stützt sich auf Daten eines interministeriellen Schätzer-Arbeitskreises unter Federführung des Wirtschaftsministeriums. Sie wird in Kürze öffentlich, weil die Regierung im neuen Rentenversicherungsbericht von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) auch ihre zugrundeliegenden Arbeitsmarkterwartungen dokumentieren muss. Der Bericht, den das Kabinett am Mittwoch beschließen wird, liegt der Morgenpost vor. Er ist das erste präzise Eingeständnis, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt durch den Flüchtlingszuzug zumindest für einige Zeit verschlechtert: Vor der Flüchtlingskrise war die Regierung stets von kontinuierlich weiter sinkenden Arbeitslosenzahlen ausgegangen. Dieser Trend ist jetzt gebrochen, obwohl die Regierung auch für die nächsten Jahre einen Beschäftigungszuwachs unterstellt.

Die offizielle Prognose ist jetzt noch vergleichsweise optimistisch: Für nächstes Jahr unterstellt die Regierung eine Zunahme der Arbeitslosenzahl um nur 60.000 auf 2,86 Millionen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit hat dagegen vor Kurzem berechnet, bei einem Zuzug von jeweils einer Million Flüchtlinge in diesem und im kommenden Jahr werde die Zahl der Arbeitslosen allein 2016 um 130.000 steigen. In der Arbeitsmarktstatistik schlägt sich der Flüchtlingszuzug nur verzögert nieder, weil die Migranten überwiegend erst nach einem positiven Abschluss ihrer Asylverfahren erfasst werden. Experten mahnen seit Längerem, die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt werde Jahre dauern.

Nahles hat schon erklärt, bei Weitem nicht alle arbeitsfähigen Flüchtlinge seien ausgebildete Fachkräfte. Ihre Vermittlung werde „nicht von heute auf morgen erfolgen.“ Laut IAB ist die berufliche Qualifikation der Flüchtlinge geringer als im Durchschnitt der Deutschen und auch anderer Ausländer, nach fünf Jahren werde voraussichtlich erst knapp die Hälfte der erwerbsfähigen Flüchtlinge eine Arbeit gefunden haben.

Die Nürnberger Arbeitsmarktforscher rechnen aber nicht damit, dass die Flüchtlinge in größerem Ausmaß andere Arbeitskräfte verdrängen: Nach bisherigen Erfahrungen konzentrierten sie sich auf wenige Branchen wie das Hotel- und Gaststättengewerbe. Sie gehörten auch zu den am schlechtesten verdienenden Gruppen: In früheren Jahren zugezogene Flüchtlinge hätten nach einem Jahrzehnt einen durchschnittlichen Monatsverdienst von 1500 Euro erzielt.

Experten rechnen aber rasch auch mit positiven Wirkungen durch den Flüchtlingszuzug: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet 2016 ein Wachstumsplus von 0,2 Prozent. Die Wirtschaftsweisen der Bundesregierung haben in ihrem jüngsten Gutachten erklärt, langfristig könne Deutschland von den Flüchtlingen deutlich profitieren – wenn es gelinge, sie ausreichend zu qualifizieren.