Düsseldorf –

Jeder zehnte Bürger ist überschuldet

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Wilfried Goebels

6,7 Millionen können Verbindlichkeiten nicht mehr begleichen – darunter zunehmend Senioren

Düsseldorf.  Knapp jeder zehnte Bundesbürger ist überschuldet und kann seine Zahlungsverpflichtungen derzeit nicht mehr begleichen. Besonders auffällig ist der Anstieg der älteren Schuldner. Bei Senioren über 70 Jahren kletterte die Verschuldungsrate in den vergangenen beiden Jahren sogar um mehr als 30 Prozent. Derzeit sind 150.000 Rentner dieser Altersgruppe überschuldet.

Laut dem aktuellen „Schuldneratlas“ des Verbandes Creditreform zählen der Stadtstaat Bremen, Berlin und das Ruhrgebiet zu den „Sorgenkindern der Schuldnerentwicklung“. Die Bundeshauptstadt landet mit einer Schuldnerquote von 12,99 Prozent sogar auf dem zweitschlechtesten Platz im Bundesländervergleich. Damit ist mehr als jeder achte Berliner überschuldet.

Scheidungen und Krankheiten führen oft in die Schuldenfalle

Bei der Vorstellung der neuesten Studie bezifferte Aufsichtsratschef Helmut Rödl die Zahl der Überschuldeten im Oktober 2015 auf 6,7 Millionen Bürger über 18 Jahre. Dies entspricht einer Zunahme von 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Mit einer Quote von mehr als zehn Prozent liegen auch Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg über dem Bundesschnitt von 9,9 Prozent. Die niedrigste Verschuldung weisen die Bayern mit nur 7,1 Prozent auf. Als überschuldet gilt, wer seinen Zahlungsverpflichtungen in absehbarer Zeit nicht nachkommen kann.

Laut Creditreform stecken deutschlandweit rund 3,95 Millionen Menschen in einer dauerhaften Schuldenspirale. Dabei hat die Arbeitslosigkeit als Hauptgrund für unbezahlbare Schulden etwas an Bedeutung verloren: Lag die Quote noch 2008 bei 28 Prozent, so sind es jetzt noch 18 Prozent.

Weitere Gründe für hohe Schuldenberge sind Scheidung, Krankheiten, Unfälle, Firmenpleiten aber auch unwirtschaftliche Haushaltsführung. So haben laut Studie die niedrigen Zinsen dazu beigetragen, dass Sparbücher für Anschaffungen „geplündert“ und Kredite aufgenommen wurden.

Stark angestiegen ist deshalb auch die Zahl der Privatinsolvenzen. 2015 standen überschuldete Männer durchschnittlich mit 39.000 Euro „in der Kreide“. Bei Frauen lag das Minus bei 27.000 Euro – mit steigender Tendenz. Sorgen bereitet, dass mehr Menschen an der Altersvorsorge sparen.

Rudolf Mertens vom Paritätischen Wohlfahrtsverband erwartet, dass „bei der Altersarmut noch einiges ins Haus steht“. Durch Niedriglöhne und Arbeitslosenzeiten werde die Überschuldung der Älteren in den nächsten Jahren deutlich zunehmen. Den relativen Rückgang der Überschuldung bei jungen Leuten unter 30 Jahren führt Aufsichtsratschef Rödl auf mehr Beratung in den Schulen zurück. 2015 sank deren Zahl bundesweit um 3,4 Prozent auf 1,7 Millionen.

Süddeutschland weist niedrigste Verschulungsquote auf

Viele Privatleute geraten nach durch zuviele Einkäufe in eine anhaltende Finanzkrise. Perspektivisch gehen die Experten davon aus, das die Schuldnerzahlen insgesamt eher steigen als abnehmen werden. So bleibe die Konsumlaune der deutschen Verbraucher auf hohem Niveau. In den Städten ist das Schuldenniveau dabei höher als in ländlichen Kreisen. Inzwischen steigen die Überschuldungszahlen im Westen schneller als im Osten der Republik. Die besten Werte erreichen die Süddeutschen: Von den 100 Städten und Kreisen mit den geringsten Schuldenquoten liegen nur neun außerhalb von Bayern und Baden-Württemberg.