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Die Skandalserie beim VW-Konzern – Was bisher bekannt ist

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Jennifer Kalischewski
Das Image von VW hat seinen Glanz verloren.

Das Image von VW hat seinen Glanz verloren.

Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa

Falsche Stickoxid- und Kohlenmonoxid-Werte, geschönte Unfallstatistiken – bei VW jagt eine Hiobsbotschaft die nächste. Ein Überblick.

Berlin.  Für Volkswagen ist es die schwerste Krise der Konzerngeschichte. Anfang September war bekannt geworden, dass VW bei Abgastests von Dieselfahrzeugen die Ergebnisse manipuliert hatte. Seither überschlagen sich die Ereignisse. Mittlerweile verdichten sich die Hinweise darauf, dass die Manipulationen nicht auf das Handeln Einzelner zurückgehen, sondern dass es sich um einen Betrug mit System handeln könnte. Ein Überblick über das, was bisher geschah.

• Wie alles anfing

Mitte September hatte die US-Umweltbehörde EPA den Skandal um geschönte Abgaswerte bei Volkswagen ins Rollen gebracht. Sie wies nach, dass VW eine Betrugssoftware einsetzte, um die Stickoxidwerte bei Testmessungen künstlich zu drücken. Die betroffenen Diesel-Autos erkennen demnach über eine Software die Situation auf einem Prüfstand. Der Motor schaltet in einen Abgas-Schonmodus und hält so strikte Emissionsvorgaben ein. Im Normalbetrieb auf der Straße soll der Schadstoffausstoß dagegen deutlich höher sein.

In den USA drohen dem Konzern Strafen in Höhe von umgerechnet bis zu 16 Milliarden Euro. VW hatte insgesamt elf Millionen Dieselfahrzeuge weltweit mit der Betrugssoftware ausgestattet. Europaweit ruft er nun 8,5 Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten, allein in Deutschland sind es auf Anordnung des Kraftfahrt-Bundesamts 2,4 Millionen. Der Konzern stellte für die Rückrufaktion 6,7 Milliarden Euro zurück.

• Welche neuen Vorwürfe erhebt die EPA?

Die US-Umweltbehörde EPA beschuldigte den Volkswagen-Konzern am Montag, bei weiteren Dieselmodellen gepfuscht zu haben. Die EPA wirft VW vor, die manipulierte Software auch bei Porsche-Fahrzeugen und jüngeren Modellreihen eingebaut zu haben, „um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern“. Wie die Behörde mitteilte, seien in bestimmten Diesel-Modellen der Marken VW, Audi und Porsche Drei-Liter-Diesel-Motoren verbaut worden, die bei Stickoxid-Emissionen die in den USA erlaubten Grenzwerte bis um das Neunfache überträfen. Bislang streitet VW diese Vorwürfe ab.

• Welche Modelle sind betroffen?

Zunächst ging es bei den Enthüllungen der EPA lediglich um den Vierzylindermotor EA 189 mit bis zu 2,0 Litern Hubraum. Betroffen waren dabei die Modelljahre 2009 bis 2015. Nun hat die Umweltbehörde aber auch die größere, sechszylindrigen Motoren mit 3-Liter-Hubraum im Visier.

Dabei geht es um die Geländelimousinen VW Touareg, Porsche Cayenne und Audi Q5 sowie die Limousinen Audi A6 Quattro, Audi A7 Quattro, den Audi A8 sowie dessen Langversion aus den Modelljahren 2014 bis heute. Die neue EPA-Rüge bezieht sich auf etwa 10.000 Dieselfahrzeuge, die seit dem Modelljahr 2014 in den USA verkauft wurden. Hinzu käme eine bislang unbekannte Zahl aktueller Autos, heißt es.

Auch 3000 Diesel des Sportwagenbauers Porsche seien betroffen, teilte die VW-Tochter mit. Bei den Autos handle es sich um Cayennes, die zwischen Januar und September in den USA ausgeliefert wurden. Die Vorwürfe würden derzeit geprüft.

• Kommt VW damit endlich zur Ruhe?

Nein, im Gegenteil. Der VW-Skandal erreichte am Dienstag eine neue Dimension. Nach den manipulierten Werten beim Stickoxidausstoß gab es neue Hiobsbotschaften: Bei internen Untersuchungen zur Aufklärung des Manipulations-Skandals habe VW festgestellt, dass bei der Typ-Zulassung einiger Fahrzeugmodelle zu niedrige CO2-Werte und somit auch falsche Verbrauchsangaben festgelegt worden seien. 800.000 Fahrzeuge seien betroffen – diesmal nicht nur Diesel, sondern auch Benziner.

Autos der Typen Polo, Golf und Passat stoßen demnach zu viel klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) aus. Bei der VW-Tochter Audi seien A1- und A3-Modelle betroffen, teilte der Konzern mit. Bei Škoda gehe es um den Octavia, bei Seat um die Modelle Leon und Ibiza. zu Hohe CO2-Werte wurden bei 1,4-, 16- und 2,0-Liter-Varianten von Dieselmotoren festgestellt. Auch bei einer geringen Stückzahl an Benzinmotoren habe es Auffälligkeiten gegeben. VW beziffert die wirtschaftlichen Risiken auf rund zwei Milliarden Euro.

• Was bedeutet das für die Verbraucher?

Die neue Dimension des Abgas-Skandals könnte auch für deutsche VW-Kunden Folgen nach sich ziehen. Denn in Deutschland hängt die Höhe der Kfz-Steuer für jüngere Autos auch vom Ausstoß von Kohlendioxid ab. Pkw mit niedrigerer CO2-Emission sind in der Haltung steuerlich günstiger als Fahrzeuge mit höherem Ausstoß. Deshalb kann es sein, dass durch die Abgas-Manipulationen Kfz-Steuern für Autos aus dem VW-Konzern zu niedrig festgesetzt worden sind – und nun angepasst werden müssen.

• Warum droht VW Ärger aus der US-Verkehrsaufsichtsbehörde?

Nach manipulierter Software, zu hohen Stickoxidwerten und zu hohem CO2-Ausstoß kommt es für VW in den USA noch dicker: Mitten im Skandal wirft die Verkehrsaufsicht NHTSA dem Konzern vor, auch Fehler bei Pflichtmeldungen zu Unfällen mit Verletzten und Todesfällen gemacht zu haben. Das wurde am Dienstag bekannt. VW habe externe Prüfungen eingeleitet, teilte der Autohersteller daraufhin mit. Allerdings nicht auf Eigeninitiative, sondern weil die Verkehrsbehörde dies eingefordert habe, hieß es bei der NHTSA.

Aufgefallen seien die Werte, weil VW im Vergleich zu anderen Herstellern ungewöhnlich selten in der Unfallstatistik auftauchte. Für VW kommen die Ermittlungen der Verkehrsbehörde zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Wegen der manipulierten Abgaswerte drohen dem Autobauer in den USA ohnehin schon hohe Strafen und teure Rechtsstreitigkeiten. Jetzt könnten zusätzliche Kosten auf ihn zukommen. Die NHTSA hatte etwa gegen Honda im Januar eine Strafe von 70 Millionen Dollar verhängt, weil der Autokonzern mehr als 1700 Unfälle nicht vorschriftsmäßig gemeldet hatte. (mit dpa/rtr)