Wolfsburg/Washington

VW hat nun auch Kohlendioxid-Problem

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Dirk Hautkapp und Andreas Schweiger

Weitere 800.000 Autos könnten vom Abgasskandal betroffen sein. Zwei Milliarden Euro Schaden

Wolfsburg/Washington.  Der Abgasskandal bei Volkswagen weitet sich aus. Der Autobauer räumte gestern Abend ein, dass es auch bei der jüngsten Generation der kleinen und mittelgroßen Diesel-Motoren Unregelmäßigkeiten bei den Abgaswerten gibt. So seien die Verbrauchsangaben zu gering angegeben worden und damit die Angaben zum Kohlendioxid-Ausstoß. Das Unternehmen gab bekannt, dass es bei internen Prüfungen zu „nicht erklärbaren“ CO2-Werten bei Fahrzeugen gekommen sei. Ein Sprecher sagte dieser Zeitung, dass die Autos dadurch aber nicht ihre Einstufung in die Abgasnorm Euro 6 verlieren würden.

Bisher drehte sich die Affäre ausschließlich um Stickoxid aus Dieselmotoren, also um ein Umweltgift, das die Atemwege des Menschen und die Natur belastet. Nun wird offenbar klar: Auch beim Kohlendioxid, dem Hauptschädling für das Klima, räumt VW „Unregelmäßigkeiten“ ein.

Laut VW sind nach derzeitigem Erkenntnisstand weltweit etwa 800.000 Fahrzeuge der Marken VW, VW Nutzfahrzeuge, Audi, Skoda und Seat betroffen. Genannt wurden die VW-Modelle Polo, Golf, Passat, Caddy, die Audi-Modelle A1 und A3, der Skoda-Octavia und der Seat-Ibiza. Die Autos müssten nicht technisch nachgerüstet, sondern neu zertifiziert werden. VW schätzt den möglichen Schaden auf zwei Milliarden Euro. Betroffen sind 1,4-Liter-, 1,6-Liter- und 2,0-Liter-Diesel-Motoren des Typs EA 288, der von VW gefertigt wird und den Motortyp ablösen soll, bei dem VW Manipulationen eingeräumt hatte. „Spiegel Online“ berichtet zudem, dass bei den CO2-Werten nun auch ein Benzinmotor in geringer Stückzahl betroffen sei. Der Aufsichtsrat teilte mit, dass er die neuen Unregelmäßigkeiten mit „Sorge“ zur Kenntnis nehme. Man werde zeitnah über Maßnahmen beraten.

Und die Verantwortlichen stehen vor einer weiteren heiklen Baustelle: Neben der Marke Volkswagen könnte auch die Premiummarke Audi eine aktive Rolle spielen. Denn den 3,0-Liter-Dieselmotor, den die US-Umweltbehörde EPA bemängelt hatte, liefert nicht VW, sondern Audi, wie die „Braunschweiger Zeitung“ aus dem VW-Umfeld erfuhr. Sollten sich die Vorwürfe der US-Behörde bestätigen, würde das dem Skandal ein neues Gewicht geben. Die Verstöße gegen die US-Abgasregeln wären dann nicht das Werk Einzelner, wie VW bisher behauptet, sondern hätten System. Eine zweite Konzernmarke hätte betrogen.

Doch auch nach den jüngsten Vorwürfen steht Aussage gegen Aussage. VW bekräftigt, „dass keine Software bei den 3,0-Liter V6-Dieselaggregaten installiert wurde, um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern“. Die US-Behörde wirft VW dagegen erneut vor, manipuliert zu haben, damit die Motoren die Werte in Tests einhalten. Im Fahrbetrieb seien die Stick­oxidgrenzwerte dann um das Neunfache überschritten worden. Die Motoren sind im Porsche Cayenne und Audi- und VW-Geländewagen eingebaut.

Die EPA hatte am 18. September veröffentlicht, dass VW bei bestimmten kleineren Dieselmotoren eine Software einsetzt, die Testfahrten erkennt und die Stickoxide dann herunterregelt. Betroffen sind weltweit elf Millionen Autos. VW drohen Milliardenstrafen und zahlreiche Sammelklagen. In der Folge musste Konzernchef Martin Winterkorn gehen, Porsche-Chef Matthias Müller übernahm.

Trotz VW-Dementi: Bei der EPA sind sie sich sicher. „Unsere Tests sind eindeutig“, sagte ein mit den Untersuchungen betrauter Mitarbeiter, der aus rechtlichen Gründen anonym bleiben muss. Die VW-Motorenkonstrukteure hätten auch bei PS-starken Dieselmodellen von Porsche, VW und Audi versucht, den Schadstoffausstoß zu schönen. Anders als bei den kleinen VW-Dieselmotoren für Golf, Jetta und Passat kam laut EPA diesmal keine ausgeklügelte Software zum Einsatz, sondern eine spezielle Abschalteinrichtung, die den Ausstoß etwa bei steilen Anstiegen reguliert. Deshalb gehe VWs Dementi an der Sache vorbei. Dass eine Software eingesetzt wurde, hatte die EPA in ihren Vorwürfen an den Konzern nicht behauptet. Die Krux: Die spezielle Abschalttechnik ist nicht illegal. Dutzende Hersteller benutzen sie. Aber: Man muss als Firma ihren Einsatz bei der Zulassung eines Autos klar offenlegen und begründen. Das hat der Volkswagen-Konzern auch bei den beanstandeten Modellen der Baureihen 2015 und 2016 laut EPA nicht getan.