Tonträger

Der seltsame Kampf um die Schallplatten

Das Geschäft mit Schallplatten boomt. Doch es gibt nur wenige Presswerke in Europa. Musiklabels müssen lange auf die Fertigung warten.

Das Schallplatten-Presswerk Optimal in Mecklenburg-Vorpommern produziert rund um die Uhr. Jede Scheibe wird nach der Herstellung auf Fehler überprüft

Das Schallplatten-Presswerk Optimal in Mecklenburg-Vorpommern produziert rund um die Uhr. Jede Scheibe wird nach der Herstellung auf Fehler überprüft

Foto: Getty Images / Getty Images News/Getty Images

Berlin.  Matthias Westerweller ist frustriert. Der DJ aus Frankfurt am Main betreibt gemeinsam mit zwei Freunden das Musiklabel „Sundae Soul Recordings“. Im November wollen sie ihr zehnjähriges Jubiläum feiern, mit einer großen Party in einem Brüsseler Club. Zu diesem Anlass sollte eine Single mit zwei Soul-Stücken, die schon seit Jahren nicht mehr auf Vinyl erhältlich sind, erscheinen. Eine Liebhaber-Edition, Auflage: 500 Stück. Doch daraus wird nun nichts. Das Presswerk Pallas in Diepholz bei Bremen, bei dem sie ihre Schallplatten herstellen lassen, kommt nicht mehr nach. Die Aufträge stauen sich. „Früher wurde solch ein Auftrag in zwei, allerhöchstens drei Wochen abgearbeitet, heute geht es nicht mehr unter zehn Wochen“, sagt Westerweller. „Es macht einfach keinen Spaß mehr.“

Dabei läuft das Geschäft mit Vinyl so gut wie schon lange nicht mehr. Seit einigen Jahren zeigen die Verkaufszahlen wieder nach oben. 2014 ist der Absatz von Vinyl-Schallplatten laut Bundesverband Musikindustrie nun noch einmal um 27,2 Prozent gestiegen, im Jahr davor waren es sogar über 47 Prozent. Die Zahl der verkauften Schallplatten hat wieder den Wert von 1992, als der damalige Siegeszug der CD seinen rasanten Lauf nahm, eingeholt.

In Deutschland gibt es nur noch drei Presswerke für Schallplatten

Käufer von Vinyl schwärmen vom warmen Klang, vom Knistern der Nadel, dem großformatigen Cover. Im Klassik-Sektor boomt das schwarze Gold, aber auch der Verkauf von wiederaufgelegten Pop-Alben, sogenannten Re-Issues, hat kräftig angezogen. Egal ob man heute einen angesagten Concept Store oder ein klassisches Medienkaufhaus betritt: Die Vinyl-Alben, die dort in den Regalen aufgereiht stehen, stammen meist von Künstlern, die seit Ewigkeiten im Geschäft sind, von Bands wie den Talking Heads, Rolling Stones oder Led Zeppelin. Und das ist, so der Vinyl-Liebhaber Matthias Westerweller, ein großes Problem: „Die Presswerke werden von Aufträgen der Major-Labels, die ihren Backkatalog nun noch einmal wiederveröffentlichen wollen, blockiert.“ Mit der Folge, dass unabhängige Musiklabels, die in kleineren Stückzahlen produzieren, erheblich längere Produktionszeiten in Kauf nehmen müssen und ihre Veröffentlichungen deshalb viel schlechter planen können.

In Europa gibt es heute nur noch eine gute Handvoll Presswerke, darunter drei in Deutschland: das Pallas-Werk, die Leipziger Firma R.A.N.D. und der in Röbel an der Müritz ansässige Mediendienstleister Optimal, der zum Hamburger Edel-Konzern gehört. Petra Funk, Assistentin der Geschäftsleitung bei Optimal, bestätigt, dass die Nachfrage nach Vinyl enorm gestiegen ist. Während vor zehn Jahren knapp drei Millionen Platten pro Jahr hergestellt wurden, lag die Produktion 2014 bei etwa 13 Millionen. In diesem Jahr dürfte sie sogar auf 16,5 Millionen Stück klettern, schätzt Funk. Gearbeitet wird dabei längst an sieben Tagen pro Woche im Schichtbetrieb. „Unsere Maschinen laufen rund um die Uhr“, sagt sie.

Es gibt keine Hersteller, die neue Plattenpressautomaten produzieren

Woran es am meisten hakt, ist, dass es für die Herstellung der Schallplatten keine neuen Geräte gibt. Die Maschinen, mit denen heute Vinyl-Schallplatten produziert werden, stammen aus den 1970er und 1980er Jahren. Mit dem Aufstieg der CD wurde die Fertigung der Pressen eingestellt. „Wir sind in den vergangenen Jahren durch etliche Länder gereist, haben Pressautomaten und Ersatzteile in Skandinavien, England und Russland erworben und sogar ein Museumsstück des Technikmuseums in Berlin wiederbelebt“, berichtet Funk. Mittlerweile aber ist der Markt weitestgehend abgegrast. Deshalb setzt man bei Optimal heute vor allem auf Instandhaltung.

Auf das Wagnis, in die Produktion neuer Pressmaschinen einzusteigen, will sich dagegen bislang noch niemand einlassen. Die Investitionen in die Entwicklung der hochkomplizierten Technik wären erst einmal hoch. Und ob der Vinyl-Boom weiter anhält, ist schwer abzuschätzen. Verglichen mit den Absatzzahlen von CD-Alben (in Deutschland immerhin noch rund 87 Millionen pro Jahr) und Downloads bleiben die schwarzen Scheiben ein Nischenprodukt. Der im Moment am kräftigsten wachsende Musikmarkt sind die Streaming-Dienste. Der Bedarf an neuer Technik, um Schallplatten zu produzieren, ist zwar akut, bleibt aber trotzdem überschaubar.

Vor allem den Techno- und Houselabels, die dem Vinyl über Jahre die Treue gehalten haben, setzt der Engpass zu – weil die Popkultur in diesen Genres am schnelllebigsten ist. Produzenten von elektronischer Musik veröffentlichen ihre Stücke meist zuerst über Internet-Plattformen wie Soundcloud, auch auf den Playlists der DJs und in den Clubs landen die Tracks dann erstaunlich schnell. Das Vinyl kommt nur schwer hinterher.

Manche Musilabels müssen Monate warten, bis eine Pressung fertig ist

„Dass der Markt verstopft ist, ist ein Fakt“, sagt Julius Steinhoff. In Hamburg betreibt er den Plattenladen „Smallville Records“ und das dazugehörige gleichnamige Label. Früher haben sie ihre neuen Stücke als sogenannte „White Labels“ an die DJs verschickt. Diese Testpressungen in kleiner Stückzahl, die vor der eigentlichen Produktion stehen, bieten die Werke heute kaum mehr an. „Reine Vinyl-DJs gibt es nicht mehr“, sagt Steinhoff. Auch er hat, wenn er als DJ auflegt, mittlerweile immer einen USB-Stick dabei. Wer die neusten Stücke spielen will, kommt um das digitale Format nicht mehr herum.

Unzufrieden mit der Situation ist man auch beim Berliner Independent-Label „Morr Music“. Dauerte es früher inklusive zweier Testpressungen häufig nicht einmal einen Monat, bis ein Vinyl-Album fertig wurde, warten die Berliner heute schon mal vier Monate. Dass daran aber ausschließlich die Majorlabels mit ihren Re-Issues schuld sind, glaubt Jens Alder, der bei „Morr Music“ für die Herstellung der Tonträger zuständig ist, nicht. „Die einfache Gleichung Groß gegen Klein passt nicht“, ist er überzeugt. „Alle machen heute mehr Vinyl, und auch die Independent-Labels bringen jede Menge Wiederveröffentlichungen heraus.“ Diese Einschätzung der Marktlage teilt man auch beim Presswerk Optimal. Bleibt also nur die Hoffnung, dass sich doch bald jemand findet, der sich auf die Neuentwicklung von Pressmaschinen einlässt.