Stuttgart

„Wir waren Visionäre, keine Spieler“

Im Porsche-Prozess sind sich die beiden angeklagten Ex-Chefs Wiedeking und Härter keiner Schuld bewusst

Stuttgart.  In der Stuttgarter Olga­straße reiht sich ein Prunkbau an den nächsten. In die Sandsteinfassaden wurden Engelsgesichter gemeißelt und Löwen mit Blumenranken im Maul. Das Landgericht aber ist ein nüchterner Klotz aus Stahl und Glas. Es ist der Ort, an dem sich seit Donnerstag die Ex-Porsche-Vorstandsmitglieder Wendelin Wiedeking und Holger Härter wegen des Vorwurfs der informationsgestützten Marktmanipulation verantworten müssen. Es geht um Porsches gescheiterten Versuch, 2008 Volkswagen zu übernehmen. Eine Löwennummer, wie es Wiedeking einmal nannte.

Er betritt um kurz vor 9 Uhr mit festem Schritt den Sitzungssaal 1 des Landgerichts. „Morgen“, sagt er mit dunkler Stimme, schüttelt einige Hände, und geht dann durch zwei Schwingtüren in den Teil des Raums, der die Zuschauer von den Protagonisten der Verhandlung trennt. Er zieht sich noch einmal seine Hose zurecht. Dann ist Showtime. Bei ihm ist der Mann, der 13 Jahre lang für Porsche das Geld besorgt hat. Härter lächelt, Wiedeking auch. Die Fotoapparate klicken.

Der Vorwurf, den die Staatsanwaltschaft Stuttgart den beiden macht, wiegt schwer: Sie sollen 2008 verschleiert haben, Porsches Anteil an VW auf eine beherrschende Mehrheit von 75 Prozent aufstocken zu wollen. Bei einer Verurteilung drohen den Managern hohe Geld- oder sogar Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren. Dass es soweit kommt, schließt Wiedeking für sich schon einmal aus: „Ich habe mir in der Sache nichts vorzuwerfen und bin davon überzeugt, von den haltlosen Vorwürfen freigesprochen zu werden.“

Von einem heimlichen Anschleichen an Volkswagen könne keine Rede sein, sagt Wiedeking. In den Mitteilungen der Porsche SE zwischen März und Oktober 2008, auf die sich die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage stützt, sei stets der aktuelle Stand der Beratungen wiedergegeben worden. Eine verdeckte Beschlusslage, die Wiedeking und Härter vorgeworfen wird, habe es nicht gegeben. Bis zum 26. Oktober 2008, als die Porsche SE die Öffentlichkeit darüber informierte, dass der Sportwagenhersteller eine Dreiviertelmehrheit an VW anstrebt, sei höchstens von einer Beteiligung von etwas mehr als 50 Prozent die Rede gewesen. Wiedeking sagt: „Wir waren zwar Visionäre, aber keine Spieler.“

100 Minuten lang dauert sein Vortrag, bei dem er einer trotzigen Predigt gleich zu jedem Punkt der Anklage Stellung nahm und der Staatsanwaltschaft selbst unlautere Absichten unterstellt: „Sie leisten Schützenhilfe für die Klagen der Hedgefonds.“

Viele Verfahren sind bei Gerichten im In- und Ausland noch anhängig. Anleger hatten viel Geld verloren, als der Kurs der VW-Aktie Ende Oktober stark schwankte. Am 28. Oktober kostete die VW-Stammaktie im Tagesverlauf mehr als 1000 Euro. Als bekannt wurde, wie viele VW-Stammaktien Porsche besitzt und wie viele Optionen aus Stammaktien sich Porsche gesichert hatte, schoss die Nachfrage auf den restlichen Teil in die Höhe, und mit ihr der Preis. Hedgefonds verloren Milliarden – und wollen sich das Geld nun wiederholen. Auch Privatanleger büßten Millionen ein. Bisher waren Zivilklagen aber in keinem Fall erfolgreich. Die Verurteilung von Härter und Wiedeking im Strafprozess hätte wohl Signalwirkung für die Schadenersatzklagen. Vielleicht sitzen deshalb im Publikum so viele Klägeranwälte.

Ob sie ihre Chancen auf Erfolg steigen sehen, ist fraglich. Auch Härter macht unmissverständlich klar, dass er sämtlichen Vorwürfen mit Nachdruck entgegentritt. Dass er beispielsweise 2008 Beteiligungsmöglichkeiten an VW über 50 Prozent hinaus hat prüfen lassen, sieht er als seine Pflicht als Finanzvorstand und nicht als Teil eines geheimen Pakts. Etwas weniger souverän als Wiedeking trägt er seine 80-minütige Rede vor, des Öfteren in Details korrigiert von seiner Anwältin.

Das Ziel, größter Einzelaktionär zu werden, sagt Härter, sei eine Zukunftsfrage für Porsche gewesen. Der Sportwagenbauer hatte unter anderem einen Partner gebraucht, der helfen sollte, die geplanten strengen CO2-Vorgaben der EU einzuhalten. Das, sagt Härter, wäre für Porsche allein nicht stemmbar gewesen. Die hohen CO2-Werte der großen Fahrzeuge mussten sich in einem größeren Konzern mit vielen kleineren Modellen mit niedrigeren CO2-Werten verstecken.

Das hat letztlich auch geklappt. Nur nicht so, wie Härter und Wiedeking sich das ausgemalt hatten. Porsches Übernahmeversuch scheiterte. Volkswagen übernahm die Porsche AG, unter deren Dach das operative Sportwagengeschäft zusammengefasst ist.

Es wird ein langes Verfahren. Am 29. Oktober geht es weiter.