Berlin

Deutschland macht die Stromgrenze dicht

Ausbau erneuerbarer Energie führt zu massiven Netzproblemen – und zur Spaltung des deutsch-österreichischen Marktes

Berlin.  Die Idee klingt zunächst einleuchtend: Europas Stromnetze sollen nach dem Willen der EU und der europäischen Regierungen in den kommenden Jahren miteinander verschmolzen werden, um sie tauglich für die Energiewende zu machen. Denn über große Räume können sich schwankende Erträge aus Wind- und Sonnenkraft besser ausgleichen.

Doch der Netzausbau hinkt hinterher. Innerhalb Deutschlands und an der Grenze zu Österreich gibt es Engpässe. Die Folge sind stark steigende Kosten für die Verbraucher und die Auflösung des gemeinsamen Strommarkts mit Österreich. Das typische Problem: Ein Kraftwerk in Norddeutschland, das eigentlich seinen Strom zur Lieferung nach Süden bereits am Markt verkauft hat, muss abgeschaltet oder gedrosselt werden, weil der Strom aufgrund von Engpässen nicht nach Süden transportiert werden kann.

Die Netzbetreiber müssen auf dieses Ungleichgewicht reagieren – sie funken die Kraftwerke in Norddeutschland an und geben den Befehl, die Anlage herunterzufahren. Dafür bestellen sie Strom aus einem teureren Kraftwerk im Süden. So wird das Netz wieder ins Gleichgewicht gebracht.

Eingriffe zur Netzstabilisierung verursachen Kostenexplosion

Für diese Eingriffe sind aber Entschädigungszahlungen notwendig. Die Kosten dafür tragen die deutschen Stromverbraucher über die Netzentgelte, die einen Teil des Strompreises ausmachen. Nach Informationen der Berliner Morgenpost ist die Zahl dieser Notmaßnahmen, die in der Fachsprache Redispatch heißen, zuletzt dramatisch angestiegen. Dieses Jahr waren bis Ende September 4487 Eingriffe nötig im Vergleich zu 2346 im Vorjahreszeitraum, wie eine Auswertung der entsprechenden Datenbank ergab. Das ist fast eine Verdopplung. 2013 lag die Zahl der Eingriffe bei 1641.

Das führt zu einer regelrechten Kostenexplosion. Der Netzbetreiber 50Hertz schätzt, dass die Eingriffe aller vier deutschen Netzbetreiber dieses Jahr bis zu 500 Millionen Euro an Kosten verursachen. 2013 waren es laut Bundesnetzagentur lediglich 115 Millionen Euro, 2010 nur 48 Millionen.

Der Grund für die Ungleichgewichte im Netz: Im Augenblick kann überall in Deutschland und Österreich Strom zum gleichen Preis im Großhandel eingekauft werden. Die gemeinsame Preiszone, eingeführt 2002, ist einmalig in Europa und Vorbild für den Abbau von Handelsschranken. Dabei dürfen die Händler sich so verhalten, als ob die Leitungskapazität unendlich groß ist. Tatsächlich gibt es aber zwei Engpässe: Zum einen zwischen Nord- und Süddeutschland, etwa entlang der Mainlinie. Und an der deutsch-österreichischen Grenze. Kritisch wird es, wenn in Norddeutschland viel Strom aus Windkraft erzeugt wird. Die erneuerbaren Energien werden weiter ausgebaut, allein rund sechs Gigawatt Windstromleistung kommen dieses Jahr dazu – die bei idealem Wind so viel Strom wie sechs Kernkraftwerke erzeugen.

Das Problem dabei ist, dass mit der hohen Windproduktion im Norden auch die Nachfrage im Süden angekurbelt wird. Stromspeicher decken sich günstig mit Strom ein. Gleichzeitig werden zum Beispiel teure Gaskraftwerke abgeschaltet, weil sie gegen den billigen Windstrom nicht konkurrieren können. Bis zu über zehn Gigawatt an Leistung werden teilweise über die deutsch-österreichische Grenze hinweg verkauft und dann dort verbraucht oder weiter nach Süden geleitet.

Die Grenzleitungen können die gehandelten Mengen in solchen Situationen physikalisch schlicht nicht mehr bewältigen. Die Kapazität an der deutsch-österreichischen Grenze liegt bei nur rund 5,5 Gigawatt.

Die Folge: Es kommt zu ungeplanten Ringflüssen. Der Strom, der im Netz den Weg des geringsten Widerstands nimmt, fließt unkontrolliert ins Ausland, vor allem nach Polen und Tschechien, und dann wieder zurück nach Süddeutschland und Österreich.

Das wollten die Osteuropäer nicht mehr hinnehmen, da es ihren Stromhandel massiv beeinträchtigt und teils sogar die Wahrscheinlichkeit von Stromausfällen erhöht. Die polnische Netzaufsicht bat deshalb die dafür zuständige EU-Agentur, ACER, voriges Jahr um eine Untersuchung, ob das deutsch-österreichische Marktgebiet nicht aufgelöst werden müsste.

Das kürzlich veröffentlichte Ergebnis: Das deutsch-österreichische Marktgebiet belastet den europäischen Stromhandel tatsächlich massiv. Eine Aufspaltung, also die Beschränkung des Handels auf die physischen Kapazitäten, wurde empfohlen.

Jochen Homann, Präsident der deutschen Bundesnetzagentur, die über die Stromnetze wacht, will nun handeln. „Wir begrüßen die Empfehlung von Acer und wollen uns gemeinsam auf faire, zukunftssichere Regeln einschließlich eines realistischen Implementierungsfahrplans für die notwendigen Maßnahmen einigen“, sagt er. Schon vor dem Winter 2018/19 könnte es zu einer Trennung kommen.

In Österreich wird die Wiedererrichtung eines Grenzregimes im Stromhandel, der zu zumindest zeitweilig unterschiedlichen Strompreisen führen wird, offen abgelehnt. Dort wird eine steigende Stromrechnung erwartet, wenn Billigstrom aus Deutschland nicht mehr unbegrenzt eingekauft werden kann.

Netzausbau hält nicht Schrittmit der Produktion von Strom

Die Mehrkosten werden von Österreichs größtem Stromkonzern „Verbund“ auf 300 Millionen Euro pro Jahr geschätzt. In Deutschland würden die Strompreise im Großhandel dagegen wohl etwas fallen. Aufatmen können die Stromkunden in Osteuropa. Stromausfälle werden unwahrscheinlicher.

Explodierende Kosten für die Netzstabilisierung, Ärger mit den östlichen Nachbarn, Diskussionen mit Österreich: Die Entwicklung zeigt, dass der schnelle Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland zu massiven Problemen führt, wenn der Netzausbau nicht Schritt halten kann. Immerhin: Eine Stromleitung zwischen Thüringen und Bayern soll noch vor diesem Winter zumindest teilweise in Betrieb gehen.

Aber über die großen neuen Stromleitungen von Norden nach Süden wird immer noch gestritten. Sobald eine Trasse ins Auge gefasst wird, formiert sich vor Ort massiver Widerstand. Bayern und die CSU gaben im Sommer ihre komplette Blockadehaltung zwar auf. Dennoch rechnet kaum jemand damit, dass in den nächsten Jahren große neue Leitungskapazitäten fertig werden. Auch die beiden geplanten Grenzleitungen nach Österreich werden wohl erst im kommenden Jahrzehnt fertig.

Nun muss sich die Energiewirtschaft auf den Rückschritt einstellen. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft fordert lange Übergangsfristen. Vor allem die Stromhändler müssen sich umstellen: Bislang kann etwa an der Strombörse EEX in Leipzig Elektrizität für das Gebiet Österreich-Deutschland zur Lieferung bis in das Jahr 2020 hinein gekauft werden.

Die Trennung gilt in Österreich deshalb als ausgesprochen fauler Kompromiss auf Kosten der Österreicher. Eigentlich, so die Sicht in Wien, müsste, wenn überhaupt, Deutschland zwischen einer Nord- und einer Südpreiszone getrennt werden. Doch das wird bislang von der deutschen Politik ausgeschlossen, weil es einen schweren politischen Konflikt zur Folge hätte: Süddeutsche Industrie und Verbraucher müssten dann mit höheren Kosten rechnen.