VW-Skandal

Winterkorn entschuldigt sich - und will weitermachen

VW-Chef Martin Winterkorn hat in einem Video-Statement zum VW-Skandal um Verzeihung gebeten. Zudem versprach er rasche Aufklärung.

Wie dramatisch die Lage beim VW-Konzern aus Wolfsburg derzeit ist und wie er in der Öffentlichkeit wirkt, zeigt die Eilmeldung, die die Agentur Reuters am Dienstag um 16.36 verschickt: „VW-Chef Martin Winterkorn tritt nicht zurück.“ Der Konzern hat da gerade sehr trocken eine Videobotschaft seines Lenkers angekündigt, und viele Beobachter fürchten oder hoffen, dass Winterkorn geht. Der entschuldigt sich dann im Video. Nur, muss man sagen, angesichts dessen, was den Dienstag über so alles passiert ist.

Der Konzern hat am Mittag bekannt gegeben, dass bei weltweit elf Millionen Autos auffällige Unterschiede zwischen Schadstoffwerten im Prüfstand und im realen Leben bestehen. Bisher war nur von rund 500.000 Fahrzeugen in den USA die Rede. Die US-Umweltbehörde EPA wirft VW vor, hier mit einer Software zu manipulieren, die erkennt, wenn ein Motor getestet wird und ihn so einstellt, dass die Abgaswerte gut aussehen. Im echten Betrieb sehen die Werte dann schlechter aus. Der Verkauf von VW-Dieselfahrzeugen ist in den USA gestoppt. Erste Sammelklagen werden vorbereitet. Die US-Umweltbehörde droht mit Strafen von bis zu 18 Milliarden Dollar.

VW stellt im dritten Quartal erst einmal 6,5 Milliarden Euro zurück – für „Servicemaßnahmen und weitere Anstrengungen, um das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen“. Die Nachricht ist auch eine Gewinnwarnung für das Gesamtjahr. In der Folge stürzt der Kurs der Aktie erneut um bis zu 20 Prozent ab, kostet zeitweise nur noch 101,85 Euro. Bereits am Montag hat das Papier ähnlich viel verloren. Noch am Freitag kostete eine VW-Vorzugsaktie mehr als 162 Euro. Insgesamt vernichtete der Skandal in der Spitze knapp 27 Milliarden Euro an Wert. Die Münchener Rück, der größte Rückversicherer der Welt, hat einen Börsenwert von rund 28 Milliarden Euro.

>> Wortlaut: So entschuldigte Martin Winterkorn per Video-Statement <<

Am Dienstagnachmittag schaltet Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sich ein und fordert rasche und lückenlose Aufklärung sowie „volle Transparenz“, die sie bei VW offenbar bisher vermisst. Außerdem sagt sie: „Ich hoffe, dass möglichst schnell die Fakten auch auf den Tisch kommen.“ Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat da bereits eine Untersuchungskommission unter Verkehrsstaatssekretär Michael Odenwald eingesetzt, die noch in dieser Woche nach Wolfsburg reisen soll. Die Kommission soll mit der US-Umweltbehörde zusammenarbeiten. VW hat volle Zusammenarbeit versprochen – wie auch den Amerikanern.

Inzwischen will auch das Verkehrsministerium in Italien ermitteln, und die Südkoreaner schauen sich Dieselfahrzeuge von VW genau an. Derweil plant die für Umweltdelikte zuständige Abteilung des US-Justizministeriums, mögliches kriminelles Handeln in der Affäre zu untersuchen. Es geht dem Vernehmen nach um „vorsätzlichen Betrug“ und „Vortäuschung falscher Tatsachen“. Über strafrechtliche Konsequenzen für VW-Obere bis hin zu Vorstandschef Winterkorn zu spekulieren, wie ein Mitarbeiter des Ministeriums inoffiziell sagt, sei allerdings noch „entschieden zu früh“.

US-Repräsentantenhaus könnte den VW-Chef vorladen

Mehr als ungemütlich könnte es für die VW-Chefetage werden, wenn der politische Prozess ins Rollen kommt. In Kürze, sagt der Parlamentarier Fred Upton, wird sich der Umwelt- und Handelsausschuss des Repräsentantenhauses mit der VW-Affäre befassen. Am Ende, sagen Fachleute, könnte es zur Wiederholung eines geschichtsträchtigen Auftritts kommen – diesmal nur mit einem VW-Chef an der Spitze. Vor fünf Jahren musste Toyota-Chef Akio Toyoda persönlich in Washington antreten, um sich für den Skandal um defekte Fußpedale zu entschuldigen. Wegen des Fehlers hatte es sogar Tote gegeben. Toyodas live im Fernsehen übertragener Kotau vor US-Politikern wird noch heute in Japan als nationale Demütigung empfunden.

Winterkorn hat am Sonntag bereits die Manipulation zugegeben. Am Dienstag versucht er es mit einer kurzen Videobotschaft, deren Ankündigung die Spekulationen über einen Rücktritt befeuern. Der Zuschauer erlebt einen gezeichneten Topmanager, der sich mit geradezu versteinertem Gesicht „bei unseren Kunden, bei den Behörden und der gesamten Öffentlichkeit für das Fehlverhalten“ entschuldigt. Die Botschaft zeigt aber auch: Winterkorn will weitermachen.

Ob es dazu kommt, entscheidet sich vielleicht schon an diesem Mittwoch. Dann tagt das Präsidium des Aufsichtsrats. In der außerordentlichen Sitzung befasst sich das Gremium mit dem Skandal. Sehr wahrscheinlich geht es auch um Winterkorns Vertrag. Den wollte der Aufsichtsrat ursprünglich am Freitag über 2016 hinaus verlängern. Die bei VW mächtige IG Metall spricht sich zwar gegen schnelle Personalentscheidungen aus, allerdings halten die Familien Porsche und Piëch die Mehrheit der Stimmen. Und Firmenpatriarch Ferdinand Piëch würde Winterkorn gern loswerden. Am Dienstag kursiert schon ein Name: Matthias Müller, derzeit Chef der VW-Tochter Porsche. Der Wolfsburger Konzern dementiert deutlich mit „Schwachsinn“.