USA

VW gibt Betrug mit Abgaswerten zu

VW hat tatsächlich die Abgaswerte mit einer Software manipuliert. VW-Chef Winterkorn verspricht Aufklärung.

Volkswagen-Chef Martin Winterkorn verspricht Aufklärung der Abgas-Affäre

Volkswagen-Chef Martin Winterkorn verspricht Aufklärung der Abgas-Affäre

Foto: © Wolfgang Rattay / Reuters / REUTERS

Washington/Berlin.  Der VW-Konzern hat zugegeben, in den USA massive Abgasmanipulationen begangen zu haben. „Wir haben das gegenüber der Behörde eingeräumt. Der Sachverhalt trifft zu“, sagte ein Firmensprecher. „Wir arbeiten aktiv mit der Behörde zusammen.“

VW-Chef Martin Winterkorn kündigte am Sonntag eine externe Untersuchung der Vorgänge an. „Ich persönlich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben“, erklärte er. Volkswagen dulde keine Gesetzesverstöße. Die Geschehnisse hätten jetzt „für mich ganz persönlich höchste Priorität“, versprach Winterkorn.

Laut der US-Umweltschutzbehörde EPA soll VW bei Dieselfahrzeugen die Abgasgrenzwerte bei offiziellen Tests mittels einer speziellen Software vorsätzlich manipuliert haben. Es geht um fast eine halbe Million Autos. Für den Konzern könnte dies nach Angaben der Behörde eine Rekordstrafe von bis zu 18 Milliarden Dollar nach sich ziehen – doch das ist längst nicht die einzige mögliche Folge.

Wirtschaftliches Desaster im wichtigen US-Automarkt

Für VW Amerika bedeutet die Betrugsaffäre ein wirtschaftliches Desaster: Der Konzern hat seine US-Händler angewiesen, keine Dieselfahrzeuge mit 2-Liter-Maschinen des Baujahres 2015 mehr zu verkaufen. Zudem hat die EPA Volkswagen die Unbedenklichkeitsbescheinigung für Dieselautos des Baujahres 2016 verweigert. Das heißt: Der neue Passat ist unverkäuflich, bis VW den Nachweis führt, dass die Abgasnormen eingehalten werden.

Weitere Rückschläge: Der „Consumer Report“, die amerikanische Stiftung Warentest, hat die Kaufempfehlung für die Modelle Jetta und Passat zurückgezogen – solange, bis eine „Rückrufaktion dazu führt, dass die Motoren der Abgasnorm entsprechend nachgerüstet sind. Und die Anwaltskanzlei Hagens Berman Sobol Shapiro LLP hat damit begonnen, eine Sammelklage gegen VW anzustrengen. „Wir sind mit Anrufen erboster Kunden überschwemmt worden“, sagt Kanzleichef Steve Berman. Tenor der Klage: Die von VW zu verantwortende Manipulation sorgt beim Wiederverkauf für einen Wertverlust.

Umweltverbände wie die Safe Climate Campaign schießen sich auf ein Kernargument ein: „VW ist der führende Konzern, wenn es darum geht, Amerikaner zum Kauf eines Dieselautos zu überreden, weil das angeblich besser für die Umwelt ist. Jetzt kommt heraus – sie haben nicht die Wahrheit gesagt.“

Auch Justizministerium könnte aktiv werden

Autoexperten rechnen damit, dass auch das Justizministerium aktiv wird. „Irgendwer bei VW muss entschieden haben, dass es unter ökonomischen Aspekten besser war, zu betrügen, als die Abgasnormen einzuhalten“, schreiben US-Medien, „das kann strafrechtlich relevant sein.“

Betroffen sind laut EPA Passat-, Golf-, Jetta-, Beetle- und Audi-A3-Modelle aus den Produktionsjahren 2009 bis 2015. Sie müssen binnen eines Jahres gesetzeskonforme Abgaswerte aufweisen. Wie VW die technische Nachrüstung auf eigene Kosten bewerkstelligen will, ist unklar. Konzernchef Winterkorn stellte heraus, dass Volkswagen „alles daran setzen wird, Vertrauen wiederzugewinnen und den entstandenen Schaden wiedergutzumachen“.

Nach dem Geständnis von VW rätseln Autoexperten, was den Weltkonzern VW zu einem solch riskanten und laut EPA illegalen Geschäftsgebaren getrieben haben könnte. Dass VW einen raffinierten Algorithmus in die Dieselfahrzeuge einbaute, der den Abgasausstoß nur in Testsituationen um das 40-Fache senkte, können sich Experten wie Aaron Bragman vom Portal cars.com nur so erklären: „Die Autos müssen ohne die Abgaskontrollen besser funktioniert haben als mit.“

Drew Kodjak vom International Coucil on Clean Transportation geht davon aus, dass die manipulierten Autos in punkto Durchzugskraft und Beschleunigung mehr Leistung erbrachten. Fragt man VW, warum der Konzern trotz erwiesener Grenzwertüberschreitungen und dem Versprechen, sie zu regeln, nicht ordnungsgemäß gehandelt hat, bekommt man – noch – keine Antwort. Spielten die Investitionskosten im Falle einer hunderttausendfachen Rückrufaktion eine Rolle? Oder glaubte VW, man könne die Umweltbehörde EPA mit smarten Tricks hinter die Fichte führen?

Fragen nach Abgastrickserei werden in Deutschland lauter

„Da ist etwas fundamental schiefgegangen bei VW“, sagt Autofachmann Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Die von VW eingebaute Software habe offenbar keinen anderen Zweck, als in Situationen mit speziellem Drehmoment und Lenkwinkel, die nur bei Tests vorkommen, den Abgasverbrauch drastisch zu drosseln. Ein Programm, das als reine Verschleierungstechnik konzipiert sei. „Das ist vorsätzliche Täuschung“, so Bratzel. Es sei verwunderlich, dass die Manipulationen der US-Tochter nicht längst in der VW-Zentrale bekannt waren.

„Das ist ein Bärendienst für die ganze deutsche Dieseltechnologie“, sagt Bratzel. Hierdurch werde das Image von Dieselautos in den USA schwer beschädigt, deshalb seien auch BMW und Daimler betroffen. „Man versucht seit Jahren, in den USA die Dieseltechnologie zu etablieren – und jetzt das“, sagte Bratzel. Volkswagen sei nun in der Bringschuld, auch in Europa zu beweisen, dass der Konzern nicht mit Abgasmessungen getrickst habe. „Damit muss sich VW jetzt auseinandersetzen und alles transparent machen“, fordert der Experte. „Die Diskussion kommt natürlich auch auf Deutschland zu“, meint Bratzel. „Mein Rat an VW wäre, jetzt schnell und offen darzulegen, falls hier ähnliche Programme eingebaut wurden.“

Problem besteht laut Umwelthilfe auch in Europa

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) teilte bereits mit, das Problem bestehe nicht nur in den USA, sondern in noch deutlich stärkerem Umfang in Europa, und dort vor allem bei den deutschen Herstellern. „Die DUH protestiert gegen die vorsätzliche Nichteinhaltung gesetzlicher Grenzwerte für die giftigen Dieselabgase durch die deutschen Autokonzerne“, sagt Jürgen Resch, der Bundesgeschäftsführer der Organisation.

„Um wenige Hundert Euro mehr Profit pro Fahrzeug zu machen, verbauen die Autokonzerne minderwertige Katalysatoren, die auf der Straße bis zu 25-mal höhere Schadstoffmengen emittieren als erlaubt“, sagt Resch. Seit zehn Jahren seien die Grenzwerte für das besonders gesundheitsgefährdende Dieselabgasgift Stickstoffdioxid in der Atemluft deutscher Städte massiv überschritten. Dennoch würden keine ausreichend wirksamen Maßnahmen ergriffen.