IGeL-Leistungen

Zusatzleistungen - Ärzte setzen Patienten unter Druck

Ärzte bieten ihren Patienten zahlreiche Zusatzleistungen an, für die die Patienten selbst zahlen müssen. Doch nicht alle sind sinnvoll.

Verbraucherzentzralen mahnen zur Vorsicht bei IGel-Leistungen.

Verbraucherzentzralen mahnen zur Vorsicht bei IGel-Leistungen.

Foto: Bernd Weissbrod / dpa

Berlin.  Ähnlich wie Banken müssen auch Ärzte wohl bald ihren Patienten Produktinformationsblätter aushändigen. Nach vielen Beschwerden über umstrittene privat zu bezahlende Zusatzleistungen prüft das Verbraucherministerium die Einführung. „Am Ende hilft nur Transparenz“, sagt Verbraucher-Staatssekretär Gerd Billen. Bis zum kommenden Sommer wird es eine Auswertung der bisherigen Erfahrungen mit dem noch jungen Patientenrechtegesetz geben. Danach würden Nachbesserungen geprüft.

Denn für viel Ärger sorgen nach wie vor die sogenannten Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL). Dabei handelt es sich unter anderem um Vorsorgeuntersuchungen, die Krankenkassen nicht bezahlen. So versprechen Hautärzte beispielsweise eine bessere Vorsorgeuntersuchung, wenn sie mit einem speziellen Gerät arbeiten. Der medizinische Nutzen ist oft umstritten. Offenkundig nutzen viele Ärzte die Unsicherheit der Patienten aus, um ihnen die oft zwischen 20 und 40 Euro teuren Extras zu verkaufen. Das lässt die Bilanz der IGeL-Beschwerdestelle vermuten.

Patienten äußern Ärger online

Auf dem von den Verbraucherzentralen betriebenen Internetportal www.igel-aerger.de sind im ersten Jahr des Bestehens 1500 Beschwerden von Patienten eingegangen. Augendruck-Untersuchungen, die zusätzliche Krebsvorsorge beim Frauenarzt oder die teure Vorsorge beim Hautarzt stehen in der Rangliste der Eingaben ganz oben. „Fachärzte igeln mehr als Hausärzte“, berichtet Wolfgang Schuldzinski von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Die Regelungen des Patientenrechtegesetzes würden vielfach nicht eingehalten.

Am häufigsten äußern Patienten ihren Ärger, weil sie von ihrem Arzt unter Druck gesetzt worden sind. Dabei bedienen sich laut Schuldzinski manche Mediziner unfeiner Methoden und erwecken den Eindruck, ihre Patienten gingen ein großes Gesundheitsrisiko ein, wenn sie die Privatbehandlung ablehnen. Eine Frau schilderte dem Experten ihre Erfahrungen mit einer umstrittenen Krebsvorsorge beim Frauenarzt. „Es hörte sich so an, als würde sie ohne diese Untersuchung an Krebs erkranken“, berichtet Schuldzinski. Zwei Drittel der Beschwerdeführer seien in einer Praxis ähnlich unter Druck gesetzt worden.

Ärzte verdienen gut an Sonderleistungen

Für die Ärzte sind die Zusatzleistungen ein beliebtes Zubrot. Billen zufolge setzten die Praxen damit jährlich bis zu 1,5 Milliarden Euro um. Frühere Studien haben ergeben, dass jedem dritten gesetzlich Versicherten schon einmal IGeL-Leistungen angeboten wurden. In drei von vier Fällen wurden diese erbracht. Umtriebig seien vor allem Augen-, Frauen-, Zahn- und Hautärzte sowie Orthopäden. Der Markt ist bisher völlig unreguliert. „Jeder Arzt kann sich selbst Leistungen ausdenken und vermarkten“, so Schuldzinski. Besonders oft würden Frauen und Besserverdienende angesprochen.

Die Beschwerdestatistik belegt, dass die Mediziner das Wohl ihrer Patienten nur bedingt im Blick behalten. Oft wurden sie nicht über alternative Methoden informiert, deren Kosten von der Krankenkasse getragen werden. Mitunter sollten Patienten schon bei der Anmeldung bei der Sprechstundenhilfe entsprechende Vereinbarungen unterzeichnen. Jeder dritte Beschwerdeführer berichtet davon, dass ohne IGeL-Leistungen die Behandlung nicht mehr weitergeführt worden sei.

Mediziner bauen mitunter Druck auf

Besonders unanständig findet Schuldzinski eine weitere Variante umsatzorientierter Ärzte. Dabei müssen die Patienten auf spätere Haftungsansprüche gegen den Arzt schriftlich verzichten, wenn sie keine IGeL-Leistungen annehmen wollen. „Die Verwendung solcher Verzichtserklärungen ist lediglich ein psychologisches Druckinstrument, das jeglicher rechtlicher Grundlage entbehrt“, stellt der Experte fest. Die Verbraucherzentralen mahnen Ärzte ab, die mit dieser oder anderen unlauteren Methoden auf Kundenfang gehen. Dazu benötigen sie Hinweise von Patienten, die schriftliche Vereinbarungen mit ihren Ärzten an die Beschwerdestellen schicken können. Denn der Nachweis eines Fehlverhaltens scheitert oft daran, dass Aussage gegen Aussage steht.

Das Gesetz schreibt den Medizinern vor, dass sie die Patienten im Gespräch über den Nutzen und die Risiken der Zusatzleistungen aufklären und die Kosten schriftlich auflisten müssen. Außerdem müssen IGeL-Leistungen schriftlich vereinbart und nach der Gebührenordnung abgerechnet werden. Da dies oft nicht der Fall ist, droht Billen mit einer Produktinformationspflicht. Darin müsste der Arzt angeben, ob der Nutzen des Angebots auch wissenschaftlich erwiesen ist oder welche Alternativen die Kassen bezahlen.