Frankfurt/Main

Die unsichtbaren Riesen der Autowelt

Digitalisierung ist der revolutionäre Trend der IAA. Doch die Schrittmacher des Internets verzichten auf pompöse Auftritte

Frankfurt/Main. Natürlich sind sie immer noch da, die kraftstrotzenden Boliden und PS-Protze. Doch Chrom, Metallic-Lack und Sechszylinder sind auf der IAA zur Nebensache geworden. Der Computer hält weiter Einzug, Vernetzung ist das Thema der Stunde. Das Auto soll zukünftig zum Teil des Internets werden.

Der Ausflug in die virtuelle Welt soll dauerhaft sein. Zu lange war das Auto offline. „Gerade die jungen Kunden fragen, warum ausgerechnet das teuerste Technikgerät im Haushalt nicht internetfähig ist”, sagt Elmar Degenhart, Vorstandschef des Autozulieferers Continental. Das Unternehmen, das vor allem für seine Reifen bekannt ist, steuert zur Digitalisierung Sensoren und Elektronik bei. Das Internetwissen kommt wiederum von Google.

Google trifft Kunden in kleinem, schmucklosem Raum

Mit Macht drängen die High-Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley auf den Automarkt. Google, Apple und Baidoo sind auf der IAA in aller Munde. Google erregte schon vor sechs Jahren mit einem führerlosen Auto für Aufsehen. Und Apple wird sogar nachgesagt, einen Autohersteller übernehmen zu wollen. „Es wird in diesen Tagen viel über neue Player gesprochen”, sagte VW-Markenchef Herbert Diess. „Ich nehme diese neuen Wettbewerber sehr ernst, aber ich sage auch: Willkommen. Denn ich bin überzeugt, dieser Wettbewerb wird die Entwicklung unserer Industrie beschleunigen.“

Ob die etablierten Hersteller die Konkurrenz aus dem Silicon Valley tatsächlich begrüßen oder fürchten, sei dahingestellt. Sicher ist, der Druck ist groß. Der Trend scheint unumkehrbar zu sein. Mit der „New Mobility World“ hat die IAA erstmals eine ganze Halle dem Thema Auto und Internet gewidmet. Doch wer beim Gang über das Frankfurter Messegelände nach den großen Hightech-Konzernen sucht, sucht vergebens. Weder Apple noch Google haben einen eigenen Messestand.

Google sieht sich auch gar nicht als Konkurrent der Autoindustrie, sucht die Kooperation. „Wir wollen definitiv kein Autobauer werden“, betont Unternehmenssprecher Kay Oberbeck. „Wir wollen jetzt weiter erforschen und testen, wie ein solches fahrerloses Auto auch in der Gesellschaft angenommen wird.“

Dabei ziehen Google und seine Mitspieler es vor, im Hintergrund zu bleiben. Und doch sind die Firmen omnipräsent. Dafür reicht Google ein schmuckloser Raum von etwa vier Quadratmetern Größe, am Rande der „New Mobility World“ in Halle 3.1. auf dem Frankfurter Messegelände. Hier lädt Google zu Diskussionen, sogenannten Panels. Offiziell spricht niemand davon, doch ist davon auszugehen, dass sich hier auch die ganz Großen der Automobilindustrie die Klinke in die Hand geben werden.

Google ist bekannt für seine „Moonshots“, Schüsse auf den Mond. Damit sind entfernte Zukunftsprojekte gemeint, die nicht alle marktreif werden. Das führerlose Auto ist eines davon. Hier allerdings sind die Vorstellungen recht klar. Kay Oberbeck geht davon aus, „dass das Fahren noch sicherer wird, dass es intuitiver wird und dass die Verbindungen mit sogenannten Smart Cities dahingehend besser werden, sodass tatsächlich auch das Fahren innerorts, in Städten, praktischer wird, schneller wird und letzten Endes auch Ressourcen einspart“. Nach der Ehe zwischen Auto und Internet soll also auch die Stadt mit dem Auto verbunden werden.

Dafür müssen die Hersteller aber erst einmal die Verbraucher überzeugen. Denn neue Technik ist immer auch Vertrauenssache. „Die Akzeptanz für diese neuen Technologien wird maßgeblich auch davon abhängen, wie wir es schaffen, den Fahrer zu informieren, was das Auto in den nächsten Sekunden tun wird“, erklärt Conti-Chef Elmar Degenhart. „Sie wollen als Fahrer nicht von irgendwelchen Manövern überrascht werden.“

Die IAA gilt als das wichtigste Treffen der Branche. Mehr als eintausend Aussteller sind zur 66. Internationalen Automobilausstellung nach Frankfurt gekommen, sie sind angereist aus 39 Ländern. 220 Weltneuheiten haben die verschiedenen Hersteller mitgebracht, dazu 27 Europapremieren und 33 Deutschlandpremieren.

Die Branche startet mit Rückenwind. Im August ist die Zahl der Neuzulassungen in Europa um elf Prozent gestiegen. Allerdings bereitet den Herstellern China große Sorgen. Die deutsche Autoindustrie hat sich von dem ehemals boomenden Markt abhängig gemacht. Sie verkauft jedes dritte Auto aus ihrer Produktion in China.