Datenschutz

Viele Kunden geben bewusst ihre Daten preis

Datenschutzbestimmungen lesen die wenigsten Verbraucher. Der Handel fordert einfachere Regeln. Doch Verbraucherschützer warnen vor Missbrauch.

Beim Einkauf geben Kunden viele persönliche Informationen an den Handel weiter

Beim Einkauf geben Kunden viele persönliche Informationen an den Handel weiter

Foto: Robert Schlesinger / dpa

Berlin. Verbraucher geben heute bei jedem Einkauf eine Menge persönlicher Daten preis, egal ob sie im Internet bestellen, oder mit EC-, Bonus- und Treuekarten im Laden bezahlen. Gleichzeitig haben die Fähigkeiten von Computern, diese Daten zu analysieren und zu verknüpfen, eine Effizienz erreicht, die vor Kurzem noch unvorstellbar war.

Die Ergebnisse dieser Datenanalysen können für Menschen verstörend sein: Wie etwa der Fall einer Supermarktkette in den USA, deren Computerprogramm die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft und den Geburtstermin von Kundinnen berechnen konnte, bevor deren persönliches Umfeld davon wusste. Bestimmte Änderungen im Einkaufsverhalten der Frauen – etwa parfümfreie Körperlotions und bestimmte Wattebällchen – korrelierten mit Stadien der Schwangerschaft, ermöglichten die genaue Vorhersage sowie den Versand entsprechender Werbung des Supermarkts.

Datenhändler erheben Informationen über Kunden ohne deren Wissen

Verbraucher merken auch in Deutschland zunehmend, dass persönliche Daten in völlig anderen Bereichen eingesetzt werden als zum ursprünglichen Verwendungszweck bei deren Erfassung. Datenhändler erwerben Informationen über Konsumenten größtenteils ohne deren Wissen und speichern sie oft unbefristet. Solche Firmen haben Zugriff auf enorme Mengen von Daten – vom Zahlungsverhalten über Aktivitäten in sozialen Medien bis zu religiösen und politischen Zugehörigkeiten. Die Datendossiers ermöglichen Schlussfolgerungen über ethnische Zugehörigkeit, Einkommen oder Gesundheit und werden an Handel, Politik, Versicherungen oder Personalabteilungen verkauft.

Eine neue EU-Verordnung zum Datenschutz soll künftig europaweit regeln, was erlaubt ist und was verboten. Doch seit 2012 tobt in Brüssel ein Kampf der Lobbyisten um jede Formulierung der Verordnung. Bis zu 4000 Änderungsanträge gab es zuletzt – ein auch in Brüssel selten gesehenes Maß an Lobbyaktivitäten von Unternehmen, Verbänden und Regierungen bemängelte die Initiative European Digital Rights in Berlin. Bis Ende dieses Jahres sollen die sogenannten Trilogverhandlungen abgeschlossen sein, in denen Rat, Parlament und Kommission der EU die letzten Meinungsverschiedenheiten ausverhandeln.

In dieser Phase des Verfahrens meldete sich der Handel in Deutschland zu Wort und warnte vor steigendendem bürokratischem Aufwand für Unternehmen. Man halte schon die geltenden Datenschutzvorschriften für viel zu kompliziert, sagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), Stefan Genth, in Berlin. „Einfachere Regelungen sind sowohl im Interesse der Verbraucher als auch der Händler.“ Und: „Die aktuell sehr komplexen Datenschutzerklärungen haben keinen Mehrwert.“

Sehr viele Onlinekäufer lesen die Richtlinien nicht

Er stützte sich auf eine Umfrage des Instituts für Handelsforschung unter rund 9000 Onlinekäufern in neun EU-Staaten. Demnach lesen 63 Prozent der Befragten selten oder nie die Datenschutzbestimmungen, wenn sie im Internet etwas bestellen oder sich bei sozialen Netzwerken anmelden. In Deutschland lag dieser Anteil bei 51 Prozent. Gleichzeitig fürchtet sich die Mehrheit der Nutzer vor einem Missbrauch ihrer Daten. Rund 90 Prozent der Verbraucher wünschen sich ein Datenschutzsiegel, dem sie vertrauen können.

Der HDE und auch der Bundesverband für Online- und Versandhandel sprachen sich für eine EU-weit einheitliche Regelung aus. „Derzeit sind die deutschen Händler wegen der besonders strengen Vorgaben hierzulande im Wettbewerb mit ausländischen Anbietern oft benachteiligt“, sagte Hauptgeschäftsführer Christoph Wenk-Fischer. Beide Verbände schlugen vor, nach deutschem Vorbild in allen EU-Betrieben Datenschutzbeauftragte einzuführen sowie ein Datenschutzsiegel der Firmen. Das könne die Persönlichkeitsrechte der Verbraucher wirksamer schützen als formalisierte Datenschutzerklärungen und staatliche Aufsichten.

Dem widersprechen Datenschützer und Verbraucherzentralen. „Ein selbstgestempeltes Siegel der Wirtschaft wird nie das gleiche Vertrauen erwecken können wie ein Siegel einer wirklich unabhängigen Instanz“, sagt Barbara Körffer, Referatsleiterin am unabhängigen Datenschutzzentrum Schleswig-Holstein. Auch könne nur eine staatliche Aufsicht „echte neutrale Kontrolle gewährleisten im Sinne der Verbraucher“. Kunden müssten wissen, was mit ihren Daten passiert, meint auch Lina Ehrig, Leiterin Team Digitales und Medien beim Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin. Datenschutzerklärungen seien dafür unverzichtbar.