Düsseldorf

Der Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann droht das Ende

Für Kaiser's gibt es nur noch zwei Alternativen: Fusion mit Edeka oder Zerschlagung. Für die Rettung ist aber eine Genehmigung nötig.

Entweder muss die Supermarktkette Kaiser's Tengelmann mit Edeka fusionieren oder sie steht vor dem Aus

Entweder muss die Supermarktkette Kaiser's Tengelmann mit Edeka fusionieren oder sie steht vor dem Aus

Foto: Roland Weihrauch / dpa

Düsseldorf. Sigmar Gabriel lässt sich Zeit. Eigentlich hätte der Bundeswirtschaftsminister schon bis Ende August entscheiden müssen, ob er für die Fusion der Supermarktketten Edeka und Kaiser’s Tengelmann eine Ausnahmegenehmigung erteilt. Diese hatten die Unternehmen am 29. April beantragt. Doch der SPD-Politiker prüft noch. Er will die Stellungnahmen der Bundesländer abwarten, deren Einzelhandel von der Fusion besonders betroffen wäre, auch eine öffentliche Anhörung aller Parteien steht aus.

Es ist ein schwieriger Fall. Im Kern geht es um die Frage, ob der Erhalt eines Unternehmens mit rund 16.000 Arbeitsplätzen als Ganzes höher zu bewerten ist als die zu erwartenden negativen Auswirkungen auf die Machtverhältnisse im Lebensmittelhandel.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Gabriel für die Übernahme von Kaiser’s durch Edeka ausspricht, gilt als aus­gesprochen gering. Schließlich haben sowohl das Bundeskartellamt als auch die Monopolkommission deutlich gemacht, dass sie nichts von dem Zusammenschluss der Unternehmen halten. Gegen deren Votum haben nur sehr wenige Wirtschaftsminister eine Fusion durchgewinkt. Einer der letzten war Werner Müller 2002, als er den Zusammenschluss von E.on und Ruhrgas genehmigte, trotz der Sorge, die Gaspreise könnten auf diese Weise steigen.

Die Befürchtung der Wettbewerbshüter im Fall Edeka: Durch den Kauf von zusätzlichen 451 Kaiser’s-Märkten würde die Hamburger Gruppe ihre ohnehin schon dominierende Stellung im deutschen Lebensmittelhandel weiter ausbauen. Mit einem Umsatz von fast 50 Milliarden Euro sind die Hanseaten der Konkurrenz ohnehin schon weit enteilt. Durch die große Einkaufsmacht kann Edeka den Lieferanten bessere Preise abtrotzen und diese massiv unter Druck setzen.

Zwar kämen zu dem bisherigen Marktanteil von Edeka von 25 Prozent durch die viel kleineren Kaiser’s-Filialen nur 0,6 Prozent bundesweit hinzu, doch in Teilmärkten wie Berlin oder München wären die Zuwächse deutlich größer. Und die Hamburger haben schon einmal bewiesen, dass sie sich die Übernahme eines Konkurrenten gern von den Lieferanten bezahlen lassen. Als Edeka 2008 den Discounter Plus – ebenfalls von Tengelmann – kaufte, forderten die Genossen von den Herstellern sogenannte Hochzeits­rabatte ein. Was schon damals prompt das Kartellamt auf den Plan rief.

Trotz dieser eher schlechten Ausgangslage haben Edeka-Chef Markus Mosa und auch Tengelmann-Patriarch Karl-Erivan Haub in den vergangenen Monaten nichts unversucht gelassen, um ihren Deal doch noch durchzubekommen. Mehr als 100 Seiten umfasst der Antrag auf Ministererlaubnis. Er enthält nicht nur diverse Hinweise auf den angeblichen gesamtwirtschaftlichen Nutzen der Fusion – vom Erhalt der Arbeitsplätze über weitere Zahlungen von Steuern und Abgaben –, sondern auch den einen oder anderen Seitenhieb auf das Kartellamt.

Vor allem Tengelmann-Eigentümer Haub ist nicht besonders gut auf die Bonner Behörde zu sprechen. Der 82-Jährige nimmt es dem Kartellamt heute noch übel, dass ihm die Wettbewerbshüter vor Jahren untersagten, eine Einkaufskooperation mit Edeka einzugehen und so bessere Konditionen für sein Unternehmen bei den Lieferanten auszuhandeln. Dadurch, so die oft wiederholte Argumentation von Haub, habe das Kartellamt die desolate Lage von Kaiser’s mitverursacht.

Sieben bis neun Prozent über den Einkaufspreisen von Edeka sollen die Abschlüsse liegen, die Tengelmann erreichen kann. Die Kette schreibt seit 15 Jahren Verluste, allein im vergangenen Jahr sollen es 35 Millionen Euro gewesen sein. In diesem Jahr dürften bereits minus 40 Millionen Euro in den Büchern stehen, wie Insider berichten. Durch die öffentliche Debatte um die Kette blieben Kunden weg, auch Mitarbeiter kehrten dem Unternehmen den Rücken.

Wie aus dem Umfeld des Tengelmann-Chefs zu hören ist, ist Haub nach einer negativen Entscheidung Gabriels definitiv nicht mehr bereit, Kaiser’s weiterzuführen. Spätestens Ende kommenden Jahres werde er das Aus für das traditionsreiche Unternehmen mit Sitz in Mülheim an der Ruhr verkünden. Was unmittelbar folge, sei ein Teilverkauf von noch funktionierenden Geschäften und die Schließung von unrentablen Märkten. Dem Antrag auf Ministererlaubnis zufolge schreiben 58 der 144 Filialen in der Region Berlin rote Zahlen, 47 der 192 Geschäfte in München und Oberbayern sowie 91 der 135 Filialen in Nordrhein.

Offenbar vom Tisch ist die Option, gegen die Entscheidung des Kartellamts vor Gericht zu ziehen, die sich zumindest die Edeka-Gruppe bislang offengehalten hatte. Dabei will Tengelmann-Chef Haub nicht mitmachen, weil sich ein solches Verfahren über Jahre hinziehen könnte, in denen er weiter für die Verluste von Kaiser’s aufkommen müsste.

Konkurrent Rewe hat sich mehrfach als Alternative zu Edeka ins Spiel gebracht

Allerdings sind alle Informationen von Edeka und Tengelmann in diesem Zusammenhang mit Vorsicht zu genießen, da es den Partnern vor allem darum geht, den Druck auf Wirtschaftsminister Gabriel so groß wie möglich werden zu lassen. Tatsächlich ist die Fusion der beiden Unternehmen bei Weitem nicht so alternativlos, wie sie von den Chefs dargestellt wird. So hatte Edeka-Konkurrent Rewe schon im Juli 2014 dem Tengelmann-Chef signalisiert, Kaiser’s ebenfalls übernehmen zu wollen.

Der aber lehnte nicht zuletzt aus gekränkter Eitelkeit ab – Rewe-Boss Alain Caparros hatte es im Gegensatz zu Edeka-Chef Mosa nicht für nötig befunden, mit Haub persönlich zu verhandeln. Rewe lässt aber bis heute nicht locker und hat sich erst jüngst für die Übernahme eines Teils des Kaiser’s-Netzes etwa in Nordrhein-Westfalen ins Gespräch gebracht. Für andere Teile der Kaiser’s-Filialen stehen ebenfalls Interessenten bereit. So schielt etwa die Schweizer Migros auf 130 Tengelmann-Geschäfte in Bayern. Coop aus Kiel wird Interesse an Berliner Märkten nachgesagt.

Auch hinter die Aussage, dass Edeka alle Arbeitsplätze von Kaiser’s erhalten will, lassen sich einige Fragezeichen setzen. So haben die Partner im Zuge der Fusion vorsorglich schon mal eine Transfergesellschaft für 1600 Beschäftigte beantragt – diese dient üblicherweise dazu, aussortierte Mitarbeiter an andere Unternehmen zu vermitteln. Laut Edeka und Tengelmann soll die Gesellschaft allerdings nur dazu benutzt werden, Mitarbeiter innerhalb der Gruppe zu verschieben, etwa für den Fall, dass die Zentrale von Kaiser’s aufgegeben wird.