Berlin

Wirtschaft top, Umwelt flop

Nachhaltigkeitsstudie: Deutschland deutlich weniger ökologisch als bisher gedacht

Berlin. Deutschland ist bei der schonenden Nutzung und dem Erhalt seiner Ressourcen eine der erfolgreichsten Industrienationen der Welt – hat aber auch noch erheblichen Verbesserungsbedarf, wenn es die Ziele der Vereinten Nationen erreichen will. Das ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann Stiftung, bei der Deutschland den sechsten Platz von 34 Staaten belegt.

Die fünf bestplatzierten Länder sind Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland und die Schweiz, am schlechtesten schnitten Griechenland, Chile, Ungarn, die Türkei und Mexiko ab. Ganz hinten lag Mexiko.

Als Motor der europäischen Wirtschaft gehört Deutschland zu den führenden Ländern in der Untersuchung. Das gute Abschneiden Deutschlands liegt vor allem an den sehr guten Werten in den Feldern Wirtschaft und Soziales: So sei das Wachstum hoch und nachhaltig (Platz 6), lobt die Studie. Die Arbeitslosenquote (Platz 6) sei gering, ebenso die Armutsquote (Platz 4) und die soziale Absicherung sei gut.

Die innere Sicherheit des Landes ging positiv in die Bewertung ein: Die Gefahr, Opfer eines Tötungsdelikts zu werden, ist in Deutschland sehr gering (0,7 Fälle je 100.000 Einwohner, Platz 6). Die hohe Zahl an Naturschutzgebieten wirkt sich ebenfalls vorteilhaft aus. Besonders gut schneidet Deutschland auch in den Bereichen Forschung und Entwicklung ab.

Die größten Schwächen verortet die Untersuchung dort, wo sich die Deutschen eigentlich am stärksten fühlen: Etwa bei der Ökologie, der Müllvermeidung und der Reinheit der Luft. Gerade im Umweltbereich gibt es erhebliche Mängel: So verursacht jeder Deutsche der Studie zufolge 614 Kilogramm Müll pro Jahr, während der internationale Schnitt bei nur 483 Kilo liegt. Selbst ein modernes Industrieland wie Japan produziert nur wenig mehr als die Hälfte des Pro-Kopf-Abfalls der Deutschen. Ganz hinten rangieren bei der Müllstatistik die Schweiz und die USA, an letzter Stelle das sonst als ökologisches Musterland geltende Dänemark mit 751 Kilogramm Müll.

Laut der Studie ist auch die deutsche Landwirtschaft nicht besonders ökologisch. Pro Hektar würden 94 Kilogramm zu viel Nitrate und Phosphate auf die Äcker gebracht, das könne die Böden schwer schädigen, warnen die Autoren.

Selbst die Luft in Deutschland ist demnach längst nicht so sauber, wie sie sein sollte: Bei der Feinstaubbelastung liegt Deutschland auf Platz 27 von 34. Es sei besorgniserregend, dass viele Deutsche einer Luftverschmutzung durch Feinstaub ausgesetzt sind, die über den Grenzwerten der WHO liege, heißt es in der Untersuchung. Laut Studie beutet die Bundesrepublik auch ihr Grundwasser zu sehr aus. Bei der Nutzung der gesamten erneuerbaren Süßwasserressourcen landet Deutschland mit einer jährlichen Entnahme von 30,2 Prozent unter den letzten fünf.

Die wichtigsten Herausforderungen neben dem Umweltschutz seien für alle Staaten die Förderung eines inklusiven Wirtschaftsmodells, in dem möglichst viele Menschen am Wohlstand teilhaben, sowie eines nachhaltigen Produktions- und Konsumverhaltens. Leider gehe auch in den Industriestaaten die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. So habe die soziale Ungleichheit ein Rekordniveau erreicht: In 23 OECD-Staaten verdienen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung inzwischen mindestens genauso viel wie die ärmsten 40 Prozent. In den USA sind es sogar das 1,7-Fache und in Chile das 3,3-Fache. Dass dies keine zwangsläufige Entwicklung sein müsse, bewiesen Länder wie die Slowakei, Slowenien, Norwegen, Tschechien oder Dänemark. Hier sei die Kluft bei den Einkommen viel geringer, heißt es in der Studie.

Ende des Monats sollen bei einem UN-Gipfel in New York die sogenannten Nachhaltigkeitsziele verabschiedet werden. Zu diesem Anlass verglichen Wissenschaftler für die Studie 34 Staaten anhand von 34 Kriterien miteinander. Dazu zählten Umweltschutz und Wachstumsaussichten, aber auch Kriminalität und Sozialsystem.

„Unsere Untersuchung ist der erste Stresstest für die Industriestaaten zu den neuen Zielvorgaben“, sagte Bertelsmann-Stiftungschef Aart De Geus. Nun könnten sich die reichen Länder mit ihrer wachsenden sozialen Ungleichheit und Ressourcenverschwendung „nicht mehr länger als die Lehrmeister der Welt darstellen“, meint De Geus. „Wir können in dieser Analyse erkennen, wo auch wir unsere Hausaufgaben machen müssen.“ Die Industriestaaten sollten ihre eigenen Wirtschaftsmodelle sozial gerechter und nachhaltiger gestalten, sagte Christian Kroll, Studienleiter der Bertelsmann Stiftung. „Wenn man die neuen Nachhaltigkeitsziele der UN als Maßstab nimmt, sind heute alle Länder Entwicklungsländer.“