Frankfurt

Piloten drohen mit Streik bis Jahresende

Eskalation im Tarifstreit: Lufthansa verklagt Gewerkschaft VC. Die plant beispiellose Ausstände

Frankfurt.  Der Konflikt zwischen Lufthansa und der Pilotenvereinigung Cockpit (VC) verschärft sich dramatisch: Nach der Ausweitung des Streiks auf die Kurz- und Mittelstrecke hatte Lufthansa eine gerichtliche Verfügung beantragt, um den Streik zu untersagen. Die Klage wurde jedoch am Dienstagabend vom Arbeitsgericht Frankfurt abgelehnt.

Darüber hinaus will das Unternehmen die Gewerkschaft aber auf 60 Millionen Euro Schadenersatz verklagen: Die Piloten hätten im April 2014 nicht rechtmäßig gestreikt, weil damals bei der Tochtergesellschaft Lufthansa Cargo der Tarifvertrag noch gültig gewesen sei, erklärte der Konzern. Mit den jetzigen Streiks belaste die Gewerkschaft „die Kunden des Unternehmens erneut in unzumutbarer Art und Weise“, warf die Lufthansa den Piloten vor. Deshalb ziehe man vor Gericht.

Die Vereinigung Cockpit sieht sich jedoch auch formell im Recht und erwartet vor Arbeitsgerichten gute Chancen: Feinsäuberlich hat sie die Mitglieder Anfang 2014 in zwei getrennten Urabstimmungen über die Tarifverträge zu den Gehältern und zur Übergangsversorgung für die Piloten befragt.

Beide Seiten lehnten am Dienstag den Vorschlag einer Arbeitsrichterin in Frankfurt/Main zu einer gütlichen Einigung des Tarifkonflikts ab. „Es ist eine Pattsituation“, sagte Richterin Gesine Brackert zu beiden Parteien.

Wegen des Streiks auf Kurz- und Mittelstreckenflügen sollen an diesem Mittwoch 1000 der 1520 geplanten Lufthansa-Flüge ausfallen. Betroffen sind davon rund 140.000 von 180.000 gebuchten Kunden. Zusätzlich droht die Gewerkschaft nun mit einer beispiellosen Streikserie bis Jahresende. „Bis auf Weiteres ist es jede Woche möglich, dass es neue Ausstände gibt. Ausgenommen ist vielleicht Weihnachten“, sagte VC-Sprecher Markus Wahl.

Auch wenn es offiziell um die Neugestaltung der Übergangsversorgung für die Piloten geht: Kern des Konflikts ist längst der Aufbau der neuen Gesellschaft Eurowings, die Lufthansa am 10. August in Österreich gegründet hatte. Hier sollen Piloten angestellt werden, die bis zu 40 Prozent weniger verdienen als die der Lufthansa.

Die Piloten wehren sich dagegen, dass im Konzern nicht tarifgebundene Stellen geschaffen werden. Die Gewerkschaft möchte mitbestimmen, verlangt aber, dass die Lufthansa solange die Anwerbung neuer Piloten und den Aufbau der Eurowings stoppt.

Darauf lässt sich Lufthansa nicht ein. Es seien schon viele Tickets für den Start von Eurowings im November verkauft, sagt deren Sprecherin Barbara Schädler. Wenn man den Aufbau aussetze, müsse man den Start verschieben. Das will Lufthansa auf keinen Fall. Die Billigflugsparte sei ein Wachstumssegment, argumentiert der Konzern.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte vor wenigen Tagen bekräftigt, er wolle die Kosten von Lufthansa auf das Niveau der Konkurrenten bringen, man wolle die Führungsrolle in Europa behalten. Immerhin erwartet Spohr für 2015 noch einen operativen Gewinn von 1,5 (Vorjahr 1,2) Milliarden Euro – gerechnet ohne die Streikkosten.

Scharfe Konkurrenz arabischer Fluglinien und der Billigflieger

Dass es jetzt zu einer Verschärfung des Konflikts kommt, schreiben Branchenbeobachter auch dem zögerlichen Management der vergangenen Jahre zu. Als die Billigfluglinien aufkamen, hielt man diese für nicht relevant. Inzwischen ist Lufthansa in der Klemme zwischen Billigfliegern wie Easyjet, Ryanair oder Vueling einerseits und den Fluggesellschaften des Mittleren Ostens wie Emirates, Etihad und Qatar andererseits, die auf der Langstrecke eine häufig günstigere und qualitativ sehr gute Konkurrenz darstellen.

Das schmälert die Verdienstmöglichkeiten für Lufthansa: So hat sie für das erste Halbjahr ein operatives Ergebnis von 359 Millionen Euro ausgewiesen, das waren 17 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Allerdings war das zweite Quartal besser als erwartet, dank der niedrigeren Treibstoffkosten.

Im ersten Halbjahr hatten die Streiks der Piloten die Lufthansa allein 100 Millionen Euro gekostet. Zwischen April 2014 und März dieses Jahres waren sie insgesamt zwölf Mal im Ausstand. Diese Piloten möchte sich Lufthansa weiter leisten – sie werden an einer eigenen Flugschule ausgebildet.

Derzeit warten aber knapp 900 neue Flugschüler auf eine Einsatzmöglichkeit. Eine Anstellung wie bisher in der Kerngesellschaft können sie wohl nicht erwarten. Denn Konzernchef Carsten Spohr macht klar: „Entweder wir passen die Gehälter dem Streckennetz an, oder wir passen das Streckennetz den Gehältern an.“ Das wäre möglich durch eine weitere Verlagerung in die Billigtochter Eurowings – über das bisher geplante Maß hinaus.

Lufthansa steht besser da als ihre direkten Wettbewerber wie Air France/KLM. Die Fluggesellschaft sieht diese Führungsrolle in Europa aber bedroht, will die „verlorenen Jahre“ aufholen, wie sie Konzernvorstand Karl Ulrich Garnadt nennt. Deshalb verschärft Lufthansa jetzt den Kurs. Kein Pilot soll mehr zu den aktuell im Konzern geltenden Tarifen eingestellt werden.