Frankfurt am Main

Der Dax stürzt ab

Rückgang der Aktienkurse sorgt weltweit für Unruhe. Was Aktionäre und Sparer jetzt tun können

Frankfurt am Main.  Andreas Hürkamp neigt normalerweise nicht zu Alarmismus. Doch der jetzige Börsencrash bringt auch den Anlagestrategen der Commerzbank ins Schwitzen. Wie viele andere Ökonomen und Marktkenner hatte auch Hürkamp für diesen Sommer eine „Korrektur“, einen maßvollen Rückgang der Aktienkurse von zehn oder 15 Prozent vorhergesehen. Schließlich waren nicht nur der deutsche Leitindex Dax, sondern auch andere Indizes rund um den Globus stark gestiegen. Viele Investoren hatten einen sommerlichen Rückgang herbeigesehnt, um endlich billig einsteigen zu können. Doch jetzt zeigt sich, dass sich die „Korrektur“ zu einem unkalkulierbaren Crash auswächst.

Der globale Ausverkauf an den Börsen hat sich zu Wochenbeginn beschleunigt. Weltweit verloren Aktien zwischen drei und neun Prozent an Wert, auch an den Rohstoff- und Devisenmärkten kam es zu weiteren Turbulenzen. Zum Handelsauftakt krachte der Deutsche Aktienindex unter die psychologisch wichtige Marke von 10.000 Punkten. Der Dax rutschte vorübergehend bis auf 9760 Punkte. Zum ersten Mal seit Januar ist der deutsche Leitindex wieder vierstellig. Zuvor hatte der japanische Nikkei-Index zentrale Marken gerissen. Erstmals seit fünf Monaten stürzte das Barometer unter 19.000 Zähler. Das Minus von annähernd fünf Prozent war das größte seit Juni 2013.

Noch dramatischer fielen die Verluste nur in China aus. An den Festlandsbörsen verlor der Shanghai Composite in der Spitze neun Prozent und rutschte unter 3500 Punkte, ein Niveau, das für Peking bisher als sakrosankt galt und das die Parteiführung bisher mit allen Mitteln zu verteidigen versuchte. Am Ende schloss Shanghai 8,5 Prozent tiefer bei 3210 Punkten. Der kommunistischen Partei scheint die Führung über die kapitalistischen Märkte entglitten zu sein. Mit ihren permanenten Interventionen hat sie das Vertrauen in die Börse zerstört.

Erinnerungen kommen hoch

Mit einem solchen Einbruch hat kaum jemand gerechnet. Die Heftigkeit des Kurssturzes hat selbst Aktien-Optimisten wie Hürkamp aufgeschreckt. Es war noch nicht acht Uhr am Montagmorgen, als der einflussreiche Stratege eine Kundenmail mit dem Titel verschickte: „Die jetzige Krise erinnert an 1997 und 1998.“ Diese Jahreszahlen waren bittere Zeiten für Anleger. 1997 verlor der Dax binnen weniger Wochen 20 Prozent, 1998 dann sogar 37 Prozent. Sparer und Anleger sind besorgt.

Am Grundproblem sicherheitsorientierter Sparer wird der jetzige Crash nichts ändern, zumindest nicht zum Besseren: Es gibt keine Zinsen mehr. Als Reaktion auf die Marktverwerfungen werden die Notenbanken das Ende ihrer Billiggeldpolitik eher länger hinauszögern. So sind die Wetten jetzt schon angestiegen, dass die US-Zen­tralbank Fed ihre eigentlich für September erwartete erste Zinsanhebung seit 2006 weiter verschiebt. „Jede Anhebung wäre verfrüht“, sagt Frank Wieser, Geschäftsführer von PMP Vermögensmanagement Düsseldorf. Viel zu holen ist für konservative Anleger, die jederzeit Zugriff auf ihr Geld haben wollen, ohnehin nicht mehr. Das Finanzportal Biallo.de weist in Deutschland einen historisch niedrigen Durchschnitts-Tagesgeldzins von 0,32 Prozent aus: 10.000 Euro auf dem Tagesgeld bringen also 32 Euro Zins im Jahr. Nicht der Rede Wert. Einziger Trost: Als Folge der sinkenden Rohstoffpreise dürfte auch die Inflation sinken. Reale Kaufkraftverluste erleidet das Geld auf dem Tagesgeldkonto oder Sparbuch also nicht.

Lebensversicherungen agieren im Grunde auch nicht anders als konservative Anleger. Da sie jedoch viele Milliarden einsammeln und einen extrem langen Zeithorizont haben, verfügen sie über bessere Möglichkeiten, ihre Anlagen zu streuen, als der einzelne Sparer. Theoretisch. In der Praxis können die großen Adressen auch nur das „rausholen“, was der Kapitalmarkt hergibt: Wenn die Kapitalmarktrenditen niedrig bleiben, wird auch die Verzinsung der Lebenspolicen weiter zurückgehen. Messlatte dafür ist die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe: Als Folge der China-Angst hat sie sich gerade bei 0,54 Prozent einem Dreimonatstief angenähert. Branchenkenner sehen die Überschussbeteiligung für Lebensversicherungen 2015 Richtung drei Prozent rutschen. Das klingt nach viel, wird aber dadurch erkauft, dass eine Police ein recht teures und inflexibles Produkt ist. Die gute Nachricht: Lebensversicherungen sind durch die Börsenturbulenzen nicht in Gefahr. „Das Risiko bei Lebensversicherungen hat sich nicht erhöht, weil die meisten Versicherer ohnehin nur extrem niedrige Aktienquoten gehalten haben“, sagt Andreas Görler, Vermögensverwalter bei Wellinvest-Pruschke & Kalm GmbH in Berlin.

Querdenker sehen die Chance

Diejenigen, die ihr Geld in Aktien angelegt haben, fragen sich beim Blick auf die Nachrichten vom Kurssturz an den Börsen: Soll ich meine Aktien jetzt abstoßen? Panik war an der Börse stets ein schlechter Ratgeber. Selbst in der Großen Finanzkrise 2008/09 war es keine gute Idee, alle Börsentitel loszuschlagen. Längst stehen die meisten Dax-Standardwerte höher als damals. So notiert die Aktie des Autobauers Daimler heute trotz der grassierenden China-Angst bei rund 70 Euro, während sie in den Wochen nach dem Lehman-Crash im September 2008 teils für 20 Euro gehandelt wurde. „Wer querdenkt, sieht jetzt die Chancen“, sagt Stephan Albrech, Vorstand der Vermögensverwaltung Albrech & Cie. Die Abwertung der chinesischen Währung, die den globalen Kursrutsch ausgelöst habe, sei nicht das Ende der Welt, sondern ein notwendiger Schritt zu mehr Wachstum, von dem Deutschland am Ende sogar profitieren könne, sagt der Geldmanager: „Anleger sollten einen kühlen Kopf bewahren und insbesondere die gebeutelten Exportwerte günstig einsammeln.“