Wiesbaden

So arbeiten die Deutschen

Minijobs, Befristung und Zeitarbeit sind auf dem Rückzug – Vollzeitstellen hingegen im Aufwind

Wiesbaden.  Jahrelang galt der Trend als unumkehrbar: Das „Normalarbeitsverhältnis“ ist auf dem Rückzug und langfristig dem Untergang geweiht, die Zukunft gehört den „atypischen“ Beschäftigungsverhältnissen, der Zeitarbeit, Minijobs, Stellen in Teilzeit und mit Befristung. Arbeitsmarktforscher warnten vor einem Auseinanderdriften der Arbeitswelt, Gewerkschaften und Sozialverbände beklagten den Vormarsch der „prekären“ Beschäftigung auf Kosten der „normalen“ Vollzeitstelle mit Sozialversicherungspflicht und Kündigungsschutz.

Doch das Normalarbeitsverhältnis ist in Deutschland kein Auslaufmodell. Im Gegenteil: „Normalarbeitsverhältnisse nehmen an Bedeutung zu“, berichtete am Freitag das Statistische Bundesamt. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl dieser Stellen um 452.000 auf 24,5 Millionen. Der Anteil der Beschäftigten in Normalarbeitsverhältnissen an allen Kernerwerbstätigen stieg damit von 67,5 auf 68,3 Prozent.

„Prekäre“ Beschäftigung an Unis

Die Zahl der atypisch Beschäftigten ging um 132.000 auf 7,5 Millionen zurück, ihr Anteil schrumpfte auf 20,9 Prozent. Schon seit 2012 geht der Anteil zurück. Dennoch haben Gewerkschaften und Politik Zeitarbeit, Minijobs und Co. weiter den Kampf angesagt. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will im Herbst ein Gesetz zur Regulierung von Zeitarbeit und Werkverträgen vorlegen. Die große Koalition plant ein Gesetz gegen „prekäre“ Beschäftigung an den Unis, wo mehr als 80 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter befristete Verträge erhalten.

Nach der Definition der Statistiker arbeiten „normale“ Beschäftigte unbefristet, voll sozialversicherungspflichtig, mehr als 20 Stunden und direkt für einen Arbeitgeber. Der Anstieg der Normalarbeitsverhältnisse gehe vor allem auf den Zuwachs der Teilzeit mit mehr als 20 Stunden zurück. Ihre Zahl kletterte um 12,3 Prozent auf 3,2 Millionen, während die Vollzeitbeschäftigung um 0,5 Prozent auf 21,3 Millionen stieg. „Kernerwerbstätige“ umfassen nur Erwerbstätige im Alter von 15 bis 64 Jahren, die keine Ausbildung oder einen Freiwilligendienst absolvieren. Studenten, Schüler und Rentner in Minijobs etwa werden bei dieser Definition nicht mitgezählt.

Das Gros der atypisch Beschäftigten stellen mit 13,6 Prozent die Teilzeitbeschäftigten unter 20 Stunden. Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts sind es knapp 4,9 Millionen und damit rund 100.000 weniger als vor einem Jahr. 6,9 Prozent aller Kernerwerbstätigen haben eine befristete Anstellung, weitere 6,5 Prozent sind Minijobber und 1,9 Prozent arbeiten in Zeitarbeit. Teilweise überschneiden sich die Formen der atypischen Beschäftigung: Wer befristet tätig ist, kann dies in Teilzeit oder als Minijobber tun.

Vor allem Frauen arbeiten häufiger atypisch: Während bei den Frauen der Anteil dieser Beschäftigungsformen bei 31,6 Prozent lag, waren es bei den Männern nur 11,6 Prozent. Am deutlichsten zeigt sich dies bei der Teilzeitarbeit bis zu 20 Wochenstunden, die 2014 von fast einem Viertel der erwerbstätigen Frauen, aber nur von 3,7 Prozent der Männer ausgeübt wurde. Auch Minijobs sind oft Frauensache: Jede zehnte Erwerbstätige ist geringfügig beschäftigt, bei den Männern liegt der Anteil nur bei 2,8 Prozent.

Fachkräfte werden gebraucht

Arbeitsmarkforscher weisen daraufhin, dass Teilzeit und flexible Beschäftigung oft von den Betroffenen gewählt werden – etwa, um Kinder und Pflege von Familienangehörigen besser miteinander vereinbaren zu können. Von der Politik wird dies gefördert. So können Eltern ihre Arbeitszeit auf 15 bis 30 Stunden reduzieren. Die Rückkehr auf eine volle Stelle steht ihnen zu.

Dass die atypische Beschäftigung dennoch generell auf dem Rückzug ist, überrascht die Forscher nicht. Denn mit dem demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel wird die Position der Arbeitnehmer und das Normalarbeitsverhältnis gestärkt. Die atypische Beschäftigung dürfte deshalb auch in diesem Jahr weiter schrumpfen. Allein die Zahl der Minijobs ist in den drei Monaten nach Einführung des Mindestlohns zu Jahresbeginn bereits um knapp 240.000 gesunken.