Berlin

Wenn Namen in die Irre führen

Neubauten, Plätze und Straßen bekommen oft Bezeichnungen, die belanglos wirken.

Frühlingsweg - vielleicht macht der Straßenname wenigisten gute Laune

Frühlingsweg - vielleicht macht der Straßenname wenigisten gute Laune

Foto: Britta Pedersen / dpa

Berlin.  Wenn es um die Namensfindung von Straßen und Immobilien geht, regiert häufig die Einfallslosigkeit. Kommunalpolitiker und Bauherren machen es sich oft zu einfach. Dabei kann die Namensgebung entscheidend zum Wert von Immobilien beitragen. Spätestens seit dem Monopoly-Spiel weiß nämlich jedes Kind, welche Straßen am erfolgreichsten sind. „Parkstraße“ und „Schlossallee“ versprechen dem Spieler einen erfolgreichen Spielverlauf und gehören deshalb zu den besonders beliebten Straßen des Kultspiels. Was im Spiel so einfach ist, ist in der Realität zwischen Flensburg und Garmisch allerdings inflationär. „Gartenstraße“, „Birkenweg“ und „Goethestraße“ sind fast in jeder deutschen Kommune zu finden. Mit den lokalen Besonderheiten hätte der Name oftmals rein gar nichts zu tun, kritisieren Experten des Beratungsunternehmens Catella. Straßennamen mit Massencharakter würden das Image verschlechtern. Dabei wird der Charme eines Viertels durch den klangvollen Namen bestimmt, ganz gleich, in welchem baulichen Zustand es ist.

Mit „Prügelweg“, „Knochenmühle“, „Spannerweg“, „Mausegatt“, „Tangabucht“ oder gar „Promilleweg“ – das gibt es alles – ist jedenfalls nicht viel Staat zu machen. Abgeleitet sind solche Namen meist von lokalen Gegebenheiten, die Ortsfremde überhaupt nicht verstehen. Die meisten Straßennamen lassen sich auf historische und geografische Aspekte zurückführen. Nicht selten verweisen sie auf Flurnamen. Der häufige Mühlweg oder Mühlenweg mag hier wohl symptomatisch sein.

Ein Spiegelbild der Politik

Straßennamen sind natürlich auch ein Spiegelbild der Politik. Dies konnte man in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erleben, als bei der Namensgebung vielerorts Kaiser Wilhelm von Hindenburg und Rosa Luxemburg abgelöst wurde. Um einen anderen, sehr belasteten Namen, Adolf Hitler, von den Straßenschildern zu eliminieren, erlebte im Mai 1945 in vielen Kommunen die unverdächtige „Hauptstraße“ oder auch mal die „Großstraße“ eine Renaissance.

In den 50er- und 60er-Jahren gewannen in Neubaugebieten dann die Danziger, Breslauer, Allensteiner oder Tilsiter Straße an Beliebtheit – gerade im Westen Deutschlands. Im Osten gab es dagegen eine Inflation der Partei- und Gewerkschaftsführer auf den Straßenschildern. Fast jeder größere Ort hatte eine Karl-Marx-, Wilhelm-Pieck- und Lenin-Straße. Nur mit Stalin wollte man plötzlich nichts mehr zu tun haben. Die Stalin-Allee wurde in Ost-Berlin kurzerhand in eine Karl-Marx-Allee umgewandelt, und so heißt der Prachtboulevard mit der prägnanten Architektur der verblichenen DDR noch heute. Zudem gibt es im früher eingemauerten Westen der Stadt auch noch eine Karl-Marx-Straße. Erstaunlicherweise sind viele kommunistische Politiker heute noch immer auf Straßenschildern ostdeutscher Städte und Dörfer zu finden. In manchen Kommunen gab es aber auch eilige Umbenennungen. So wurde in einer brandenburgischen Kleinstadt aus einer Max-Reimann-Straße schnell mal eine Bismarckstraße. Max Reimann war übrigens ein westdeutscher Politiker – Chef der KPD.

Die 70er- bis 90er-Jahre waren städtebaulich die Zeit der großen Entwicklungen außerhalb der Stadtzentren. In diese Zeit fällt die Entstehung von „Vierteln“ als Überbegriff: Dichter-, Maler-, Musiker-, oder Weinviertel bildeten schon mal die Klammer für den Goethe-, Mozart-, Spitzweg- und Traubenweg, heben die Catella-Experten hervor. In Gewerbegebieten dominierten wiederum die Bosch-, Daimler-, Otto-, Koch-, Siemens- oder Dornierstraße. Das waren immerhin technisch herausragende Persönlichkeiten, Männer, politisch eher unverdächtig – und vor allem tot, was immer eine Voraussetzung für die Verewigung eines Namens auf einem Straßenschild ist. Wurden Straßen lange überwiegend nach männlicher Prominenz benannt, haben in den vergangenen zehn Jahren zunehmend Frauen auch eine Chance. Grund ist die Absicht, die Dominanz männlicher Straßennamen „auszugleichen“. 2015 kommen laut Catella-Analyse auf einen weiblichen Straßennamen 14 Männernamen. Um einem Gleichgewicht näher zu kommen, verbieten manche Städte per Verordnung heute sogar die weitere Namensvergabe nach Männern. Seit 1990 gibt es jedoch noch einen anderen Trend: Die Straßenforscherin Marion Werner hat herausgefunden, dass von 1990 bis 1997 mehr als ein Viertel aller neuer Straßennamen aus der Welt der Wirtschaft kamen.

Bürger sollen mitentscheiden

Urheber der Straßennamen sind die Ratsversammlungen der Städte und Gemeinden. Grundlage ist die jeweilige Landeskommunalordnung. Großer Wert wird dabei auf die Mitwirkung der Bürger gelegt. Die Hauptkriterien: Straßennamen sollen der Orientierung dienen, auf Dauer angelegt sein und in einer Kommune auch nur einmal vergeben worden sein. Und sie sollen identitätsstiftend für die Bewohner sein.

Dass Straßen einen Namen bekommen, ist übrigens nicht zwingend. So wurden in New York die von Norden nach Süden führenden Avenues einfach nummeriert. Und auch in Deutschland gibt es eine bekannte Ausnahme – Mannheim. Dort sind die Blöcke in der Innenstadt mit Nummern versehen, also A1, B2 oder C3. Und selbst in einer Großstadt wie Berlin gibt es in Außenbezirken ebenfalls nummerierte Straßen, wie etwa die Straßen 545, 546 oder 574 im Ortsteil Rahnsdorf.

Durch die Namensgebung lässt sich der Charakter einer Straße oder einer ganzen Gegend prägen – und damit auch das ökonomische Potenzial von Neubauprojekten. Klassische Marketingfaktoren sind dabei Lage, stimmiger Preis, einprägsamer Name, Optik sowie die Ausstattung. Über die gezielte Namensgebung wird der Straße oder dem Viertel eine persönliche Identität gegeben, die den Wert der Bauten heben kann. Ein genereller Zusammenhang zwischen Straßennamen und deren Bodenwerten, also dem Niveau der Immobilienpreise vor Ort, lässt sich nach der Untersuchung der Catella-Analysten allerdings nicht nachweisen. „Ein guter Name ist immer derjenige, welcher positiv in Taxifahrerkreisen oder negativ in Polizei/Krankenfahrerkreisen als Eigenname mit der Zeit eine Bedeutung erfahren hat“, bringt es Catella-Chefanalyst Thomas Beyerle auf den Punkt.

In den vergangenen Jahren gibt es jedenfalls eine Schwemme von prunkvollen Namen bei neuen Wohnprojekten, wie „Palais“, „Terrassen“, „Höfe“ und „Gärten“. Sie sollen den Anschein von Wohnlichkeit und Lebensqualität assoziieren – und nehmen damit zugleich eine Preispositionierung vor. Mit rund 102 Mal „Palais“ ist diese klangvolle Betitelung derzeit Spitzenreiter unter den aktuellen Projektentwicklungen, davon eine Vielzahl in Berlin.

Wenn dann aber eine 90-jährige Eiche in einem Hinterhof in Berlin als Basis für ein „Gärten“-Projekt herhalten muss, ist die Spitze erreicht. Auch Makler sind erfindungsreich, wenn Seitenflügel oder Quergebäude in manchem Berliner Hinterhof schon mal als Gartenhaus angeboten werden. Spätestens bei der Besichtigung der Immobilie werden Käufer oder Mieter erkennen, was sie sich da gerade antun.